Sprachakrobaten und Trash-Rapper bestimmen beim Deichbrand das Programm

"Geilon" statt "Alter"

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Jan Delay lässt sich feiern.

Nordholz - Von Pascal Faltermann. Junge Mädchen  im Bikini stehen mit grellem Glitzerpulver im Gesicht, Neon-Farben um die Augen in der ersten Reihe. Dicke, bunte Sonnenbrillen haben sie auf und sie kreischen.

Dann sprintet Marteria auf die Bühne, die Schreie übertönen kurz die wummernden Bässe. In der Hitze riecht es nach einem Schweiß-Sand-Gemisch. „Wir bleiben wach bis die Wolken wieder lila sind“, gibt der deutsche Rapper vor.

Es ist wiederkehrendes Bild beim Deichbrand-Festival in Nordholz bei Cuxhaven. Die Massen stehen in Staub und Sonne und warten auf die Rapper. Prozentual gesehen ist die Dichte an Hip-Hop-Künstlern für ein Rockfestival überdurchschnittlich hoch, dabei erklärten Experten, Veranstalter oder Journalisten die Hochphase des deutschen Raps bereits oft für beendet. Aber: Wenn in Pop-Deutschland derzeit etwas läuft, dann ist es Hip-Hop, und zwar deutscher.

Es sind intelligente Sprachakrobaten, Wortkünstler, Spaßgaranten oder Trash-Rapper und nicht nur Vertreter des Sprechgesangs. Jan Delay, Alligatoah, Marteria, Prinz Pi und Cro heißen die momentan erfolgreichsten deutschen Künstler. Sie alle sind bei dem dreitägigen Festival am Deich vertreten, das mit 40.000 Personen ausverkauft ist. Die Wurzeln dieser Hip-Hopper liegen nicht nur im Funk oder Soul, sie nutzen Elemente aus dem Rock, Metal, Elektro oder Reggae. Und im Vergleich zu ihren Vorgängern aus den 80ern und 90ern hat sich das Sprachmilieu geändert - „Geilon“ statt „Alter“.

Jan Delay, der am Samstagabend mit der Band Disko No. 1 seinen Auftritt auf der „Firestage“ hat, ging mir dieser Entwicklung mit: Als Teil der Absoluten Beginner schuf er mit den Alben „Bambule“ und „Blast Action Heroes“ ein Stück deutsche Hip-Hop-Geschichte. Jetzt ist er solo unterwegs, hat sich gewandelt und bedient sich für seine Musik im Rock, Elektro oder Jazz. Auch auf der Bühne hat sich das Bild geändert. War es früher neben den Rappern meist nur der Plattenspieler, ist es bei Jan Delay nun eine ganze Horde Musikern, die ihm auf der Bühne instrumentale Untermalung bieten - Bläsersatz und Sängerinnen inklusive. Im Anzug statt mit Kapuzenpulli steht Delay auf der Bühne und singt „Ich will hier weg, ich geh nach Wacken“, auch wenn er dort noch nie aufgetreten ist. Das Sakko hat der Hamburger nur einen Song an, dann wird es ihm zu heiß. Sein Gesicht glänzt von der Ausdünstung.

Deichbrand-Festival: Der Freitag mit Broilers, MC Fitti und Biffy Clyro

Dem Publikum geht es nicht anders: Die halbnackten Männer wedeln mit ihren Shirts. Die Haut klebt, der Schweiß vermischt sich auf dem Körper mit Sonnencreme, Bier, Sand und vor allem Wasser, das die Securitys immer und immer wieder auf die klebrige Masse sprühen, damit die Menge nicht kollabiert. MC Fitti hat mit dem trashigen Sommer-Song "30 Grad" das passende Stück für das Wetter: „30 Grad - Flamingos und Flipper, Sonnenbrille auf und rein in die Slipper“, rappt er und wirft die Konfetti-Bombe an. Das tun auch K.I.Z., bei denen es auf der Bühne noch chaotischer zugeht. Doch statt bunter Papierschnipsel, regnet es hier Spielgeld-Scheine. Sie präsentieren von ihrem neuen Album mit „Da geht was“ und „ein Affe und ein Pferd“ nur zwei Songs.

Deichbrand-Festival: Der Samstagabend mit Jan Delay und Marteria

Deichbrand-Festival: Der Samstag mit Jupiter Jones, Katzenjammer und mehr

Hintersinniger und intelligenter geht es bei Musiker Friedrich Kautz, alias Prinz Pi, zu. Er ist bekannt für seine doppeldeutigen Punchlines. Er verzichtet auf große Show-Effekte und spricht über sozialkritische Themen, Trends in der Gesellschaft aber auch über das Leben im Jetset oder Verschwörungstheorien.

Deichbrand-Festival: Der Freitag mit Cro, Prinz Pi und Subway to Sally

Ähnliches trifft auf den aus der Nähe von Bremerhaven stammenden Rapper Alligatoah (Lukas Strobel) zu. Er spielte lange mit fiktiven Identitäten - Kaliba 69 und DJ Deagle - und auch in seinen Texten und auf der Bühne nimmt er verschiedene Rollen an. Gewalt stellt er satirisch übertrieben dar, ist gezielt widersprüchlich und kritisiert durch überspitzt aggressives Auftreten naive Standpunkte. Bei der Zusammenstellung des Line-Ups haben die Deichbrand-Veranstalter verdeutlicht: Hip-Hop ist aber so gar nicht tot, er entwickelt sich.

Deichbrand-Festival: Der Sonntag

Deichbrand Festival 2014: Freitag & Samstag

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