Kraftklub bis Deichkind beim Deichbrand Festival

Trunken im Festival-Fernsehgarten

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Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß sucht die Nähe beim Deichbrand. 

Cuxhaven/Nordholz - Von Pascal Faltermann. Hämmernd stampft der Fuß auf den Boden, das junge Mädchen steht keine Sekunde still. Die ausgestreckten Arme schwingen mit dem klopfenden Beat der Musik. Lachend schaut sie mit ihrem bunt verzierten Augen gebannt auf die Bühne.Dort auf der Spielstätte des Deichbrand Festivals stehen die Taktgeber: die Schrittmacher für Ekstase, Entertainment und Eskalation. 

Fast 90 Bands und Künstler befinden sich auf der Liste des Deichbrands in Cuxhaven/Nordholz. Fast zwei Drittel davon stammen aus Deutschland. Eine ungewöhnlich hohe Deutsch-Quote für ein Festival dieser Größe. Die Auswahl des Veranstalter traf den Geschmack: Mit 45.000 Zuschauern ist die Großveranstaltung ausverkauft. Dass allerdings die Headliner für die drei Haupttage keine internationalen Künstler sind, ist auf den insgesamt sehr schwierigen, umkämpften Festivalmarkt zurückzuführen.

Der Konkurrenzkampf um die populärsten Künstler aus Amerika oder Europa ist hart, die Gagen sind gestiegen. Mit den Beatsteaks, Kraftklub und Fettes Brot spielt ein deutsches Trio für das Deichbrand das Zugpferd. Künstler aus Übersee: Fehlanzeige.

Doch geht es bei der großen Musikveranstaltung noch um ein globales, musikalisch anspruchsvolles, differenziertes Programm? Sicherlich. Ein abwechslungsreiches Aufgebot, was die Genres angeht, ist beim Deichbrand gegeben. Der Trend zu mehr Unterhaltung, Party-Randale und Remmidemmi statt musikalischer Vielfalt ist aber ebenfalls zu erkennen. Ein eingängiger, dem Herzschlag ähnlicher Beat bestimmt die Musik – vor allem die, die zwischen München, Berlin und Hamburg entsteht. Unbequeme, schwer verdauliche Klänge, die nicht beim ersten Hören verstanden werden, fehlen.

Kraftklub, die fünfköpfige Musikgruppe aus Chemnitz, würde sicherlich auch gut als Mitklatschmusik im ZDF-Fernsehgarten funktionieren. Auf dem Segelflughafen Nordholz geben die fünf Bandmitglieder dem Publikum, was es haben will. „Das war der schönste Abend in diesem Sommer. Und wir haben Rock am Ring und Rock im Park gespielt“, ruft Kraftklub-Sänger Felix Brummer dem feiernden Volk entgegen. Sie verloben sich sogar mit dem Publikum. Ihr Entertainment läuft bestens. Die Band fordert bei dem Song „Randale“ die Zuhörer auf, sich hinzusetzen, Sachen wie Regenponchos, Tetrapacks, Shirts oder Papier aufzusammeln und bei Kommando in die Luft zu werfen. Sie initiieren eine Wall of Death in Zeitlupe oder „surfen“ auf der Menge um die Wette – Crowdsurfing für Fortgeschrittene. Wenig später fliegt Konfetti durch die Luft, wird nur durch den Nordsee-Wind wieder Richtung Bühne gedrückt.

Festivalbesucher beim Deichbrand am Samstag

Deichbrand Festival: Die Bands am Samstag

Ob die volltrunkene, euphorisierte Masse bei all dem Aufriss aber die ironischen, teils sozialkritischen Texte mitbekommt, ist fraglich. In dem Stück „Unsere Fans“ nehmen die Kraftklub-Mitglieder ihre eigenen Anhänger auf die Schippe: „Unsere Fans haben sich verändert, unsere Fans haben sich verkauft, unsere Fans sind jetzt Mainstream.“

Auch die Band Deichkind hat kritische Botschaften dabei: „Grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch, kick dich, box dich, schlaf dich hoch, bück dich hoch, ja!“, heißt es in „Bück dich hoch“. Songs wie „Arbeit nervt“ oder „Like mich am Arsch“ hauen ähnliche Ansagen raus. Live auf einem Festival funktionieren die Stücke aber durch den sich ins Ohr hämmernden Bass und die abgefahrene Show.

Musikalisch gesehen ist das aber alles eher Durchschnittlichkeit. Es hört sich nach einheitlicher D- oder G-Dur an, statt Sperrigkeit, etwas Gewalt oder Gewagtheit in den Melodien. Es ist Musik, die keinen stören oder nerven soll. Mitsingen, Kopfnicken, Tanzen sind bei einem Festival sowieso wichtiger. Muss schön sein. Anscheinend immer mehr. Und das können die Bands, die da sind, bestens.

Schöne Festivalbesucher beim Deichbrand

Deichbrand Festival: Die Bands am Freitag

Zu den typischen Festivalbands zählen auch die Donots. Sie beherrschen das kontrollierte „Durchdrehen“ fast perfekt, holen auch Adam Angst für einen Song mit auf die Bühne und verbreiten ihre Sicht der Dinge mit ihrem ersten deutschsprachigen Album „Karacho“.

Mehr zu sagen als Kraftklub oder Deichkind haben Bands wie Adam Angst, Marcus Wiebusch, Tocotronic oder die Punkrocker Pascow. Sie bekommen allerdings nur den kleineren Rahmen geboten: Sie spielen im Zelt anstatt auf einer der beiden großen Bühnen.

Über all dem erhaben scheinen die Beatsteaks zu sein. Sie gehören zu den kommerziell erfolgreichsten Punkrockbands Deutschlands und beweisen dies beim Deichbrand am Freitag. Sie punkten in der erbarmungslosen Musikindustrie – ohne große künstlerische Kompromisse einzugehen. Zudem haben sie in ganz Europa Erfolg. Das müssen die anderen Deichbrand-Headliner noch erreichen.

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