Ein Teil der Brokser-Markt-Großfamilie

Leben am Marktplatz – oder: Warum viele Ortsansässige die fünfte Jahreszeit herbeisehnen

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Donnerstags, am Abend vor der Markteröffnung, trifft sich die Familie mit Mietern und Freunden voller Vorfreude vor der Haustür. „Treppensitzen“ nennen Uwe, Heike, Jan-Christoph und Oliver Ruppe (v.l.) diese Familientradition.

Am Marktplatz 2 – zentraler kann man in diesen Spätsommertagen nicht wohnen. Da wird die ruhige Straße am Rande des Marktplatzes, kurz vor dem Ortsausgang, zur ersten Adresse, jedenfalls für Familie Ruppe. „Schon als Junge habe ich dem Markt entgegengefiebert, und das ist bis heute so geblieben“, erzählt Uwe Ruppe.

Mit seiner Frau Heike und den Söhnen Oliver (22) und Jan-Christoph (28) lebt er im Haus seiner Tante, ist hier groß geworden und erklärter Marktliebhaber. Wie lebt es sich mitten im Trubel eines Jahrmarktes mit geschätzten 300.000 Besuchern jedes Jahr?

 „Herrlich!“ Ruppes schwärmen. Für manch einen im Ort sind die Einschränkungen durch Autoverkehr, Umleitungen und viele fremde Menschen unbequem, Heike und Uwe Ruppe jedoch sehnen diese fünfte Jahreszeit herbei. „Wir sind immer gespannt, wer alles kommt“, und damit meinen sie nicht Freunde und Bekannte, die sich denkbar nah am Geschehen einquartieren möchten.

Die Familie kennt seit Jahren zahlreiche Schausteller, ist mit vielen gut bekannt, mit einigen sogar eng befreundet, nicht nur während der Markttage. „Als die Betreiber der Eisdiele im Frühjahr Großeltern wurden, haben sie auch uns angerufen“, erinnern sie sich und freuen sich, zu dieser einzigartigen „Großfamilie“ aus Beschickern , Schaustellern und Ortsansässigen zu gehören. „Ich denke, ich spreche für alle Nachbarn am Marktplatz: Der Markt stört uns überhaupt nicht“, sagt Uwe Ruppe.

Mathilde und Wilhelm Wiegmann holten zur Marktzeit ihre guten Sessel vor die Haustür und beobachteten das Treiben auf dem Marktplatz.

Besonders schön sind für beide die Tage vor dem offiziellen Start, wenn die Schausteller ankommen, sich der parkähnliche Platz mit seinen Lindenalleen in eine Stadt aus Buden , Zelten und Lichtern verwandelt. Vom Fenster ihrer früheren Nähstube aus hat Heike Ruppe immer schon gern diese Verwandlung von Idylle zu geschäftigem Treiben beobachtet. „Da wird gepinselt und geputzt, es ist immer was los“, sagt sie. Gern spaziert sie mit ihrem Mann an diesen Sommerabenden über den Marktplatz und guckt: Wer ist dabei, was ist neu. Mit vielen kommen sie ins Gespräch, bei manchen wird ein Bierchen spendiert. Es sind Freundschaften entstanden, die seit Jahrzehnten halten.

„Als Kind habe ich die Schausteller bewundert. Ihre Wohnorte oder die Märkte, von denen sie kamen und zu denen sie aufbrachen, lagen unvorstellbar weit weg“, erinnert sich Uwe Ruppe. Damals waren die Markttage für ihn gar nicht so wichtig, auch, weil er wenig Geld für den Rummel hatte. Er hat beim Aufbau geholfen, viel beobachtet. „Das war das größte Abenteuer!“

Für seine Kinder ist es heute noch ähnlich. Sie haben viele Freunde unter den Schausteller-Kindern und freuten sich als Schuljungs immer darauf, die Klassenkameraden auf Zeit endlich wiederzusehen. „Für Oliver war es immer aufregend, bei seinem Freund Christian im Wohnwagen zu schlafen und beim Einsammeln der Karussell-Karten zu helfen“, sagt Heike. Für Christian dagegen war es etwas Besonderes, im Haus seines Freundes zu übernachten. Apropos übernachten: Bis heute sind alle Schlafplätze im Hause Ruppe während der Markttage belegt.

Für Schulfreunde und Arbeitskollegen ist das der ideale Ausgangspunkt für einen ausführlichen Marktbesuch. „Früher stapelten sich hier die Schulranzen und Fahrräder. Da war das Haus immer voll“, erinnert sich Heike Ruppe. Noch heute treffen sich die Söhne hier alljährlich mit ihren aus ganz Deutschland anreisenden ehemaligen Mitschülern, um sich auszutauschen und zu feiern. Noch viel früher war das Haus schon einmal Anlaufstelle für Besucher mit Zweirädern. Wilhelm Wiegmann stellte zur Marktzeit Fahrräder unter und reparierte sie wenn nötig auch gleich. „Mein Onkel und seine Frau gingen nie selbst zum Markt“, blickt Uwe Ruppe zurück. Seine Tante Mathilde bekochte vielmehr Verwandte und Bekannte, die eigens zu Markt recht lange Anfahrtswege auf sich nahmen. Als Dank gab es Lebkuchen, den die Besucher von ihrem Rundgang mitbrachten.

Mathilde und Wilhelm Wiegmann bekamen zum Markt Besuch von auswärts, aber auch von Bekannten aus dem Ort. Beliebtes Mitbringsel in jenen Tagen: Lebkuchen von einem der Marktstände.

Als alte Herrschaften, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre rückten Wiegmanns die guten Sessel vor die Haustür, zogen sich die Sonntagskleider an und hatten damit ihre ganz eigenen Logenplätze. Auch Ruppes sitzen vor der Tür: Am Donnerstag, dem Abend vor der Markteröffnung, veranstalten sie seit etwa 15 Jahren das „Treppensitzen“: Familie, Mieter und Freunde hocken auf den Stufen vor dem Haus und gucken zu, wie rund herum poliert und geputzt wird. Das halbe Dorf ist außerdem mit dem Rad unterwegs, um ebenfalls zu gucken. Einziges Gesprächsthema: der Markt! „Wir sehen, wie viel Aufwand betrieben wird und fühlen mit, wenn das Wetter schlecht ist“, erzählen Ruppes.

Aus Gesprächen mit ihren Freunden aus den Schaustellerkreisen wissen sie, dass die zahlreichen Freizeitparks den Jahrmärkten große Konkurrenz machen. Gekocht wird an den Markttagen heute nicht mehr im Hause Ruppe. Die Familie schlemmt sich lieber durch das reichhaltige Angebot, weil Heike Ruppe seit nunmehr acht Jahren einen eigenen Beratungsstand vor der Haustür betreibt. Höchstens bei heftigem Dauerregen verlegen sie den Markt auf die eigene Diele. „Einmal waren hier über 20 durchnässte Leute, manche kannten wir gar nicht.“ Dann sitzen sie mit Martin zusammen, der vor ihrer Tür Zauberstifte verkauft, und trinken Cocktails. Es wird spät, weil man sich so viel zu erzählen und so viel zu lachen hat.

Auch mittwochs, am Morgen nach dem Markt, ist bei Ruppes noch was los. Man trifft sich zur Nachlese beim Frühstück. „Da herrscht großer Katzenjammer, obwohl man von der Arbeit auch erschöpft ist“, berichtet Uwe Ruppe von dieser eigentümlichen Melancholie. Weil der Markt vorbei ist und mit den Schaustellern in jedem Jahr auch der Sommer geht.

Von Anne-Katrin Schwarze

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