Fünf Marktgänger erinnern sich / „Kaffeemühle“ und Lutschstange machten Kinder froh

Fest der wohlhabenden Landwirte

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Marktgeschehen in Bruchhausen-Vilsen in den 60er Jahren, als Beck’s Bier in der Werbung noch Männerdurst löschte, die Herren noch mit Anzug, Krawatte und Zigarre zum Pferdemarkt gingen und Onkel Otto noch als Ein-Mann-Kappelle für Stimmung sorgte

Das große Zirkuszelt, eine Lutschstange für den Heimweg, Karussells mit so nostalgischen Namen wie „Kaffeemühle“ oder „Rollende Tonne“, die Knöpfe und Messer vom „billigen Jakob“ – so hat die ältere Generation aus Bruchhausen-Vilsen ihren Markt in Erinnerung.

Den werbeträchtigen Beinamen „Heiratsmarkt“ erhielt der einstige Bartholomäus-Markt erst viel später. Wohl auch aus der Tradition heraus, dass sich hier junge Leute aus dem weiten Umland in den Zelten und Gasthäusern schon vor Jahrzehnten kennenlernten, und die Väter nach dem Pferdekauf so manche Hochzeit mit Handschlag perfekt gemachten haben. Fünf überzeugte Marktgänger seit Kindertagen blicken zurück.

Marktgeschehen in Bruchhausen-Vilsen in den 60er Jahren, als Beck’s Bier in der Werbung noch Männerdurst löschte, die Herren noch mit Anzug, Krawatte und Zigarre zum Pferdemarkt gingen und Onkel Otto noch als Ein-Mann-Kappelle für Stimmung sorgte.

„Zum Schützenfest gab es neue Kleider, zum Brokser Markt mussten wir die alten Schuhe anziehen.“ Mit dieser Devise ist Hannelore Schweneker groß geworden. Die heute 68-Jährige hat lebhafte Erinnerungen an den Markt der 50er Jahre. Nach dem Krieg dauerte der Markt zunächst drei Tage: „Am Sonnabend ging meine Mutter mit mir und meinem Bruder zur Zirkusvorstellung, danach aber gleich nach Hause. Am Sonntag fuhren wir Riesenrad und Kettenkarussell. Auf dem Heimweg bekamen wir jeder eine Lutschstange und einen Luftballon. Dienstag gingen nur die Erwachsenen hin, aber die Schule fiel aus, weil auf den Straßen so viel Betrieb war“, erinnert sie sich.

Marktgeschehen in Bruchhausen-Vilsen in den 60er Jahren, als Beck’s Bier in der Werbung noch Männerdurst löschte, die Herren noch mit Anzug, Krawatte und Zigarre zum Pferdemarkt gingen und Onkel Otto noch als Ein-Mann-Kappelle für Stimmung sorgte.

Als Teenager begeisterten Hannelore Schweneker Schießbude und Autoscooter, als junge Frau hat sie gerne in den Zelten getanzt, bei Krogemann oder Wohlers-Meyer. „In den 60er Jahren, da kam schon der Montag dazu, bin ich mittags von der Arbeit aus Bremen gekommen, um zu feiern, und musste Dienstag ganz früh wieder zum Bus, total übernächtigt“, erinnert sich Hannelore Schweneker.

Heute geht sie an allen fünf Tagen: Kaffeetrinken bei Rathkamp mit den Freundinnen gehört unbedingt dazu. Auch der Bummel mit den Enkelkindern hat seinen festen Termin am Freitag . Bei ihnen ist die Vorfreude genauso groß wie bei ihr damals. „Freitags durften wir bis zur Bahn gehen und haben geguckt, wie das Zirkuszelt aufgebaut wurde“, weiß sie noch genau.

Die kindliche Vorfreude hat sich auch Ingrid Sündermann erhalten. Ihre Augen glänzen, wenn sie an den bevorstehenden Markt denkt. „Wir treffen immer jemanden, den wir lange nicht gesehen haben“, sagen sie und ihr Ehemann Hans Sündermann. Der 75-Jährige stammt aus Weyhe -Melchiorshausen.

„Dienstags fuhren die Viehhändler hin, aber für Kinder war das nichts.“ Beiden ist der Markt vor allem als Pferde- und Viehmarkt in Erinnerung. Ingrid Sündermann hat noch die vielen wohlhabenden Landwirte vor Augen, „die konnten sich das Feiern leisten.“ Für sie als etwa Zehnjährige war eine Lutschstange und eine Runde in der „Rollenden Tonne“ das größte, aber auch das einzige Vergnügen. „50 Pfennig bekam ich von meinem Vater für den ganzen Markt. Das war viel Geld für mich.“ Ihre Mutter verdiente beim Nachkriegs-Markt etwas dazu. Davon kaufte sie Ingrid eine Banane. Ein unvergessenes Erlebnis.

Leute zu treffen, war für sie damals wie heute ein wichtiger Aspekt des Brokser Marktes. „Man kam ja sonst nicht viel rum“, sagen Hans und Ingrid Sündermann. Für die 71-Jährige gehört heute ein Fischbrötchen zum Marktbummel. Viel Spaß hat sie auch daran, die fröhlichen Menschen in den rasanten Karussells zu beobachten.

Marktgeschehen in Bruchhausen-Vilsen in den 60er Jahren, als Beck’s Bier in der Werbung noch Männerdurst löschte, die Herren noch mit Anzug, Krawatte und Zigarre zum Pferdemarkt gingen und Onkel Otto noch als Ein-Mann-Kappelle für Stimmung sorgte.

Fahrgeschäfte hatten es seinerzeit schon Ingrid Hustedt angetan, die in Berxen groß geworden ist. „Wir durften erst nach der Konfirmation zum Markt. Und ich ging wegen der Kerle, die mit den Fahrgeschäften mitreisten“, gesteht die heute 65-Jährige. Riesenrad, Kettenkarussell, Schiffschaukel hatten es ihr und ihren Freundinnen angetan. Später liebte sie den Tanz in den Zelten. „Bei Wohlers-Meyer war am meisten los.“ Das wusste auch ihr späterer Mann. Als Schuljunge postierte sich der heute 71-jährige Günter Hustedt abends vor den Zelten und brachte die Männer gegen ein Trinkgeld nach Hause, die den Weg allein nicht mehr finden konnten. „Das haben schon die Klassen vor uns so gemacht, und wir haben es übernommen.“

Als ortsansässiger Schlachterbetrieb war die Familie Hustedt viele Jahre dienstlich auf dem Markt. „Da waren wir zu erschöpft, um abends noch zu feiern.“ Aber heute wie als junges Mädchen sehnt Ingrid Hustedt den Markt herbei. Hier trifft das Paar Bekannte, denen man sonst kaum über den Weg läuft. Aber: „Es werden immer mehr unbekannte Gesichter. Der Markt wird ja immer größer“, sagt sie. Und die Küche daheim bleibt kalt. „Wäre der Markt länger, ich würde auch sechs Tage lang hingehen.“

Von Anne-Katrin Schwarze

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