Newcomer Joris spricht im Interview über seine Musik, das Leben auf Tour und seinen Bezug zu Bremen

„Ein unglaublich intensives, aber wunderschönes Ding“

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NEWCOMER Joris spielt am 18. Juli auf der Breminale.

Bremen - Von Lars Kattner. Quasi über Nacht hat Joris den Durchbruch auf dem deutschen Musikmarkt geschafft. War der 25-Jährige zu Beginn des Jahres selbst den meisten Insidern kein Begriff, gilt er nur wenige Monate später als einer der hellsten Sterne am deutschsprachigen Musikhimmel.

 So dürfte es nur sehr wenige Menschen geben, die bei den drei Worten „Herz über Kopf“ nicht sofort die zugehörige Melodie im Ohr haben. Bevor Joris am Sonnabend, 18. Juli, um 20 Uhr auf der Deichgraf-Bühne im Rahmen der Breminale auftritt, hat er sich die Zeit genommen, um mit dem WOCHEN-TIPP über seine Musik, das Leben auf Tour und seinen Bezug zu Bremen zu sprechen.

Seit Dein Debüt-Album „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ Mitte April erschienen ist, bist Du einer der Shootingstars der deutschen Musikszene. Musst Du Dich manchmal selbst kneifen, um Deinen Erfolg zu realisieren?

Joris: Ich habe fast 20 Jahre lang Musik gemacht, die keinen interessiert hat – und auf einmal hat sich alles verändert. Natürlich muss ich mich da manchmal kneifen, das ist schon sehr merkwürdig für mich. Das hätte ich niemals so erwartet. Auf der anderen Seite weiß ich, dass ich weiter ich selber bin – und weiß das auch sehr zu schätzen.

Deutschsprachige Musik liegt derzeit im Trend wie nie zuvor. Ist das ein Punkt, von dem Du profitierst?

Joris: So viel strategisches Genie steckt nicht in mir drin, aber ich profitiere natürlich von der Pionierarbeit, die zum Beispiel Clueso oder Bosse geleistet haben. Auf der anderen Seite habe ich meine Musik schon immer so gemacht, wie ich sie gerade mache. Seit vier Jahren schreibe ich auf deutsch und habe nie nach rechts und links geguckt. Ich hatte auch nie deutsche, sondern immer englische Vorbilder. Sicherlich profitiere ich davon, dass es gerade so ein großes Interesse an deutscher Musik gibt, aber: Eigentlich mache ich Musik der Musik wegen.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung, die Gründe für den Hype um deutsche Musik?

Joris: Ich bin in Deutschland geboren und mache hier Musik. Das ist der Hauptgrund, weswegen meine Musik hier und nicht irgendwo anders stattfindet. Und ich finde es ehrlich gesagt sehr schön, dass wir unsere Musik hier durchziehen können, durch die Lande tingeln und damit die Leute erreichen können. Warum das früher nicht so war, weiß ich nicht. Ich glaube auch, dass keiner genau weiß, warum das gerade jetzt so funktioniert. Es scheint Interesse da zu sein, und ich habe das Glück, dass es so ist wie es ist. Aber ich würde genauso wie in den vergangenen neunzehneinhalb Jahren Musik machen, auch wenn es keinen interessieren würde.

Mal angenommen, das Album wäre gefloppt. Hättest Du einen Plan B gehabt?

Joris: Vor eineinhalb Jahren hab ich mal drüber nachgedacht – was ist eigentlich mein Plan B? Was mache ich, wenn ich so gar kein Geld für meine 300 Euro Miete habe? Dann wird es schwierig. Aber wenn ich wirklich über eine Alternative nachdenken würde, würde ich immer auf irgendwas anderes schielen. Aber ich möchte zu 100 Prozent diese Sache machen, deswegen gibt es keinen Plan B. Und ehrlich gesagt, ich bin mit 25 Jahren so jung: Wenn sich niemand für meine Musik in den nächsten fünf Jahren interessiert, dann mache ich eventuell etwas anderes. Wir haben doch alle so viele Möglichkeiten, uns geht es so gut. Aber ich mache eben gerade Musik. Und das ist das, was ich schon immer machen wollte.

Singer/Songwriting, Indie-Pop – wo ordnest Du Deine Musik ein?

Joris: Wenn ich selbst Musik höre, kann ich mit diesem Schubladendenken etwas anfangen, aber für mich ist meine Musik einfach meine Musik. Singer/Songwriter ist ein unglaublich oft genutzter Begriff, der eigentlich auf jeden Sänger, der eigene Texte und Musik schreibt, zutrifft. Deswegen tue ich mich damit ein bisschen schwer. Live spiele ich mit einer Band, die auch schon dabei war, als wir wirklich niemanden interessiert haben. Das sind gute Freunde von mir, wie eine zweite Familie, denn im Moment sind wir Tag und Nacht unterwegs. Deswegen ist es natürlich auch ein bisschen Band-Sound. Das würde gemeinhin gegen den Singer-Songwriter sprechen. Aber wo meine Musik letztlich eingeordnet wird, ist mir persönlich komplett wurscht. Zum Glück muss ich das nicht machen, das machen ja andere.

Wie entstehen Deine Lieder: Lebst Du von spontanen Eingebungen oder tüfftelst Du wochenlang an einer guten Hookline herum?

Joris: Es gibt Songs wie „Im Schneckenhaus“, wo bei mir etwas Einschneidendes passiert ist. Dann entstehen Songs in ein, zwei Tagen. Und dann gibt es Nummern, da habe ich die ersten Fragmente vor vier Jahren geschrieben. Ich probiere fast jede Nacht am Klavier oder der Gitarre herum und nehme das mit dem I-Phone auf. Wenn ich beispielsweise die richtige Party erlebt habe, packe ich diese Fragmente wieder aus. Ich kann nicht auf Knopfdruck inspiriert oder nicht inspiriert werden. Das ist etwas nicht wirklich Greifbares.

Derzeit bist Du auf großer Festival-Tour und hast auch schon die ersten Club-Konzerte gespielt. Schon Stress und harte Arbeit oder noch die pure Freude?

Joris: Es ist die pure Freude, das sage ich ganz ungelogen. Bei den Club-Auftritten war alles das erste Mal, alles war unglaublich intensiv. Wir haben zum Teil sechs Shows am Stück gespielt, da muss man schon ein bisschen auf die Gesundheit aufpassen. Trotz der Aufregung konnte ich das aber total genießen. Das Problem: Die Leute haben so laut mitgesungen, die Stimmung war so intensiv, dass ich nicht mehr richtig schlafen konnte, weil ich nicht mehr runtergekommen bin. Und bei den Festivals mit 10.000 bis 40.000 Besuchern, da kommt man erst recht nicht mehr runter. Aber es ist schön warm, nach uns spielt ein Max Herre, und wir stehen dann da und können uns noch andere geile Konzerte anschauen. Ein unglaublich intensives, aber wunderschönes Ding. Es gibt kein Festival, dass keinen Spaß macht.

Bist Du auf der Bühne ein anderer Mensch als im Privatleben?

Joris: Ich würde jetzt nicht mit Chips und ‘nem Bier in der Hand auf die Bühne gehen, ein bisschen anders ist es also schon... Es wäre Quatsch zu sagen, dass da eine Privatperson auf der Bühne steht. Natürlich ist der Künstler Joris jemand anderes als die Privatperson Joris. Aber ansonsten singe ich ja über mein Leben und meine Geschichten. Und ich liebe es, im echten Leben Spaß zu haben und habe auch sehr viel Spaß auf der Bühne.

In Bremen gab und gibt es eine lebhafte Diskussion über den Erhalt einer lebendigen Kulturszene. Wie ist Dein Eindruck: Ist es für Künstler schwieriger geworden, Künstler zu sein?

Joris: Man muss sich schon extrem anstrengen, um irgendwo spielen zu können. Früher gab es schon eine größere Live-Kultur, gerade vor der eigenen Haustür. Ich finde es schön, wenn es Initiativen gibt, die sich für so etwas einsetzen. Ich kenn viele Städte mit einer guten Club-Kultur, und ich kenne auch Städte, die haben einen Laden für 200 Besucher und dann geht es erst mit einer Halle für 4000 Menschen weiter. Dort können und wollen die meisten Leute gar nicht mehr spielen. Aber wo eine Nachfrage ist, wird es auch immer ein Angebot geben – hoffe ich zumindest mal.

Am 18. Juli spielst Du auf der Breminale – hast Du eigentlich einen persönlichen Bezug zur Hansestadt?

Joris: Ich bin ja quasi Fast-Bremer, denn ich bin in Stuhr-Brinkum geboren. Und Ich habe eine Patentante aus Bremen. Früher bin ich zwei, drei Mal mit dem Rad nach Bremen gefahren. Aber so richtig auskennen? Man erzählt auf der Bühne ja immer gerne, dass man die Städte so gut kennen würde, aber in diesem Fall ... da passe ich in weiser Voraussicht lieber. Ich war allerdings schon mal am Weserstrand und habe tatsächlich mit der Hand einen Fisch gefangen. Und zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen: In Vlotho bin ja trotzdem an der Weser aufgewachsen.

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