Breminale soll über W-Lan verfügen

Die Robin Hoods des Internets

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Planen paradiesische Internetzustände auf der Breminale: Jetto Wodstrcil (l.) und Simon Joda Stößer.

Bremen - Von Heinrich Krake. Kostenloses W-Lan für alle: Die ehrenamtliche Initiative freifunk.net plant bei der Breminale paradiesische Verbindungen – und geht durchaus ein Risiko ein.

Ein bisschen an der Weser liegen, im Internet surfen, Bilder vom Sommer am Wasser versenden, und das alles kostenlos. Schön, wenn's so wäre. Für fünf Tage soll dieser Traum Wirklichkeit werden. Die ehrenamtliche Bremer Initiative Freifunk.net will bei der Breminale am Osterdeich kommende Woche von Mittwoch bis Sonntag kostenloses W-Lan für alle bereitstellen.

Informatik-Student Simon Joda Stößer, einer der Initiatoren, ahnt bereits die Dimension, auf die sich das Team einlässt: „50 bis 60 Rooter werden wir brauchen, um alle Besucher ordentlich bedienen zu können.“ 20.000 Menschen gleichzeitig am Weserufer, das ist in etwa die Größe, mit der er kalkuliert. Eine Dachgeschoss-Wohnung im Viertel. Treppenhaus. 51 Stufen. Wer diese Distanz jeden Tag mindestens einmal rauf und runter läuft, der ist fit und schlank. Jetto Wodstrcil wohnt hier. Der 21-Jährige ist schlank. Obwohl er viel am Computer sitzt. Tagsüber, abends, nachts. Der Informatiker ist die Bremer Zentrale von Freifunk.net. Einen mächtigen Server-Schrank hat er neben Schreibtisch und Bett aufgebaut. Professionellen 19-Zoll-Geräten bietet das Möbel Platz und gleichzeitig ist es ein Symbol für die atemberaubenden Entwicklungen auf dem digitalen Sektor. „Früher hatte ich viel Hardware. Das meiste braucht man heute nicht mehr. Ich hab's wieder rausgeworfen,“ sagt er. Ein stinknormales Ladegerät für Autobatterien füllt wenigstens noch einen Teil des Regals. Aber Jetto Wodstrcil ist nur sozusagen die Zentrale. Denn eigentlich lebt die Initiative davon, dass es keine Strukturen gibt, und schon gar keine Zentrale. Man macht mit, oder lässt es, völlig ohne Zwang, man ist begeistert oder irgendwann desinteressiert, und man ist vor allem gleichberechtigt. Auch ihm passt seine hervorgehobene Position beim Robin-Hood-Internet nicht so wirklich in die Lebensplanung. „Wir brauchten für unsere Homepage ein Impressum. Ein Verantwortlicher musste dafür benannt werden. Als sich keiner fand, hab' ich mich bereiterklärt.“

Und schon tanzt er wieder mit wieselflinken Fingern über die Tastatur. Eine Landkarte leuchtet auf. Bremen, die Umgebung. Lauter grüne Punkte darauf, mehr als 200 inzwischen. „Das sind unsere Stationen. Im Viertel sind wir schon ganz gut vertreten.“ Wer an der Sielwallkreuzung und umzu fix surfen will, der braucht nur einen Klick. Keine lange Anmelderei, keine kostenpflichtigen Telefonkonzerne, keine Zeitbegrenzungen. Je weiter es jedoch in den Bremer Speckgürtel geht, desto seltener die grünen Punkte. Vereinzelte noch im Kreis Verden, fast gar keine im Kreis Diepholz. „Da ist viel Luft nach oben.“ Ein paar Tastaturanschläge später öffnet sich vor ihm eine Grafik. Sie zeigt die Entwicklung von Freifunk.net. „Es hat immer schon Versuche gegeben, aber alles scheiterte an den schwachen Leitungen. Das ist bald wieder eingeschlafen.“

Seit März vergangenen Jahres steigt die Kurve und steigt. An die 300 Nutzer sind gegenwärtig gleichzeitig über die ehrenamtlichen Bremer Funkfrequenzen mit dem Rest der Welt verbunden. Und immerhin: täglich werden es mehr. „Wir sind ein stabiles Team,“ findet auch Simon Joda Stößer. Viel gewonnen ist freilich damit nicht. Noch haftet dem kostenlosen W-Lan das Schmuddelimage an. Die Piratenpartei, die mit forschen und teils halblegalen Aktionen einst das Internet für alle auf den Weg bringen wollte, die riesige Grauzone, die die Szene auch heute noch umgibt – das alles hat nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen. Aufgeben wollen die Freifunker dennoch nicht. „Wir wollen beweisen, dass hier nicht bloß ein paar verrückte Nerds am Werk sind, sondern dass unsere Bewegung wirklich leistungsfähig ist,“ sagt Jetto Wodstrcil. Nerds sind Computerfreaks.

Einen kräftigen Schub erhoffen sie sich von der Breminale. „Ich hab einfach beim Veranstalter angerufen. Wollen Sie W-Lan? Was soll das denn kosten, fragte er. Nichts! Nichts für den Veranstalter, nichts für das Publikum! Da war ich ihr Mann.“ Simon Stößer vergisst seinen kühnen Vorstoß so schnell nicht. Vor drei Monaten griff er zum Handy. Und seither hat er keine Zeit mehr, er und die anderen. Die 50 Sendeanlagen müssen beschafft werden, die Computerprogramme zur Steuerung der Anlage geschrieben, die erwarteten Publikums- und Nutzermassen berechnet, die Glasfaserkabel besorgt werden. Und hier und da fällt jede Menge Kleinkram an. „Wir sind rund um die Uhr unterwegs.“ Längst steht fest, dass es ganz kostenlos nicht geht. „Wir arbeiten ehrenamtlich, aber für Material haben wir bisher 1250 Euro ausgegeben, und am Ende werden es 3000 sein.“ Und keiner weiß, wer es bezahlen soll? Im Gegenteil. Ausgerechnet der Finanzbedarf führt die Internet-Jongleure mit einem Schlag in die Seriösität. Der Kultur-Senator hat sich für die Robin Hoods des Internets erwärmt, die Landesmedienanstalt ebenfalls. „Beide haben Zuschüsse zugesagt, einen dritten Sponsor erhoffen wir ebenfalls noch.“ Ein Restbammel bleibt. „Was, wenn plötzlich der Strom ausfällt?“ sagt Simon Stößer, „das wäre ein Alptraum.“

Auch dass sich mehr als 100 Nutzer zeitgleich auf einen einzigen Rooter einklinken, treibt ihn um. „Dann müssen wir schnell reagieren, müssen andere Rooter zuschalten, müssen eventuell sogar ruckzuck nächste Rooter aufhängen.“ So lautet jedenfalls der Generalplan. Ob das alles auch so funktioniert? Schulterzucken bei allen. Das Risiko freilich gehen sie bewusst ein. „Freifunk.net gewinnt nur langsam an Bekanntheit. Mit der Breminale kommen wir vielleicht einen großen Schritt vorwärts.“ Auf jeden Fall wolle man an einem Stand informieren. Geduldig informieren. An der Grauzone können allerdings auch sie nichts ändern. Eines der Probleme: Das Urheberrecht. Wenn sich jeder auf Freifunk.net einloggen kann, dann wächst die Gefahr des illegalen Nutzens kostenpflichtiger Dienste. „Störerhaftung“ heißt dieses Delikt, und der Gelackmeierte ist nach deutschem Recht der Besitzer des W-Lan-Anschlusses. Zwar behelfe man sich, indem man den Internetzugang auf einen Server im Ausland umleitet, dorthin, wo es die Störerhaftung nicht gibt, „das ist legal“, aber das sei auf Dauer keine wirkliche Lösung. Ein nachvollziehbarer Ausweg zeichnet sich allerdings ab.

In Berlin haben die Freifunker bereits eine Größe gewonnen, mit der sie den mächtigen Telefonkonzernen rechtlich ebenbürtig sind. An der Spree gelten Freifunker als Internet-Anbieter – und die können laut Rechsprechung nicht in Störerhaftung genommen werden.

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