Auf Streife mit Beamten der Bremer Freimarktswache: Zwischen Normalbürgern und bösen Buben

Der ganz normale Wahnsinn

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Ende am Autoscooter: Ein 15-Jähriger soll drei Mädchen sexuell belästigt haben. Er wird von den Polizisten abgeführt. Später an der Wache schlägt er seinen Kopf gegen die Wand.

Bremen - Von Steffen Koller. Zwischen Normalbürgern und bösen Buben: Wenn die Beamten der Bremer Freimarktswache auf Streife sind, begegnet ihnen so gut wie alles. Hier ein Bericht über das tägliche Geschäft der fünften Jahreszeit, über Verhaltensauffällige, Verirrte und Verletzte – und vor allem: Unbelehrbare.

Der Abend war bislang ruhig. Ein, zwei Glasflaschen hier, ein vermeintlich minderjähriges Mädchen mit Zigarette dort. Routine. Die Stimmung ist ausgelassen, Kinder ziehen Lose, Jugendliche ihre Runden am Autoscooter. Drei Mädchen kommen auf den Beamten Dieter Kordes (46) und seinen Kollegen Jörg Middendorf (45) zu. „Uns verfolgen drei Jungs, die fassen uns an! Wir haben Angst!“ Kordes und Middendorf nehmen die Verfolgung auf, wenige Meter weiter stellen sie die Jungen. Unschuldsmine, Perlweißlächeln. „Wir sind alle lieb“, sagen sie. Die Beamten ermahnen eindringlich. „Beim zweiten Mal fliegt Ihr!“ Es bleibt nicht der letzte Vorfall dieses Abends.

Ende am Autoscooter: Ein 15-Jähriger soll drei Mädchen sexuell belästigt haben. Er wird von den Polizisten abgeführt. Später an der Wache schlägt er seinen Kopf gegen die Wand.

Während Kordes und Middendorf, beide schon freimarkterprobt, den Informationsschalter für alle Verirrten und Verlorengegangenen mimen, sprechen sie zwei junge Männer an. „Dort drüben ist eine verletzte Frau. Die ist gefallen.“ Die Frau scheint betrunken, sitzt in einer Ecke auf einer Bank, das Gesicht ist dick, sie blutet, hat Tränen in den Augen. Während Dieter Kordes die Personalien aufnimmt, fordert sein Kollege Sanitäter an. Zeit für ein Gespräch: Middendorf erzählt, dass der Freimarkt insgesamt ruhiger geworden sei. „Das war vor drei, vier Jahren noch anders. Da ging‘s hier manchmal echt zur Sache.“

Das bestätigt auch Uwe Garlichs (54), Einsatzleiter Freimarktswache. „Als ich hier angefangen habe, gab es noch Bierkrugschlägereien.“ Die Zeiten seien vorbei, meint er, was vor allem mit der hohen Polizeipräsenz – 28 Beamte zu Spitzenzeiten, 17 unter der Woche – zu tun habe. Grundsätzlich zieht Garlichs eine positive Zwischenbilanz: „Es ist ruhiger geworden.“ 27 Körperverletzungen, vier Raubdelikte, fünf Verfahren wegen Drogenbesitzes, 24 Diebstähle und 1 800 Verstöße gegen das Mitbringen von Glasflaschen zählten die Beamten bislang.

Die Frau ist versorgt, da rennen abermals drei aufgelöste Mädchen auf die Beamten zu, rufen: „Ganz schnell! Da ist ein Junge, der fasst uns an den Po, der bedrängt uns!“ Die Lage scheint ernst. Kordes und Middendorf müssen warten, verhalten sich möglichst unauffällig, zu groß ist die Gefahr, dass der vermeintliche Grapscher davonrennt. Keine leichte Aufgabe mit den neonfarbenen Westen, die die Polizei seit diesem Jahr neu eingeführt hat. Doch der Junge sitzt in der Falle. Gerade, als er eine Runde Autoscooter fahren will, schlagen die Kommissare zu. Verdutzt schaut der 15-Jährige zu den Beamten auf, er wehrt sich. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, belagern plötzlich 30 Jugendliche die Beamten. Sie schreien: „Polizeigewalt!“ Middendorf gibt seinem Kollegen Schutz, der Junge wird abgeführt. Die Jugendlichen hinterher.

An der Wache angekommen, schlägt der Junge seinen Kopf gegen die Wand, er schreit, schlägt wild um sich. Doch da hat er die Rechnung ohne Kordes gemacht, der den schwarzen Gürtel im Jiu-Jitsu hat. Ein geübter Griff, jeder Versuch, sich zu befreien, löst große Schmerzen aus. Später wird der junge Flüchtling von seinen Eltern abgeholt, die Mädchen erstatten Anzeige.

Middendorf sagt mit einem Augenzwinkern: „Der Rundgang ist erstmal beendet.“ Die Festnahme hat gerade einmal zwei Minuten gedauert – „der Schreibkram dafür zwei Stunden“, so der 45-Jährige. Am Ende sind es fast elf Kilometer Fußweg für die Beamten. Manchmal seien sie bis zu 14 Stunden auf den Beinen. „Das geht an die Nieren“, sagt er. Spaß mache es ihnen trotzdem. „Ischa Freimaak!“

Der Freimarkt dauert noch bis morgen, Sonntag. Die Karussells drehen sich heute 13 bis 24 Uhr, morgen von 13 bis 23 Uhr. Die „Freimarktsbeerdigung“ beginnt morgen um 20 Uhr im „Riverboat“.

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