In 90 Minuten zur Ziege

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Kreiszeitung Syke

Bremen - Von Dieter Sell. Der Duft von gebrannten Mandeln kitzelt die Nase von Wolfgang Soppa. Gleich nebenan schüttelt der raumschiffähnliche „Transformer“ im Laserlicht und mit Riesengetöse seine Fahrgäste durch.

Doch Soppa lässt sich durch das Karussell-Spektakel auf dem Bremer Freimarkt nicht beirren. Mit klappernder Spendenbüchse sammelt er auf Norddeutschlands größtem Volksfest für die evangelische Hilfsorganisation „Brot für die Welt“.

Seit fast 50 Jahren sind die evangelisch-freikirchlichen Baptisten auf dem Rummel unterwegs, um Menschen in der südlichen Hemisphäre dieser Welt zu helfen. Die Volksfestgäste haben seither rund 407 000 Euro in den Büchsen der Ehrenamtlichen versenkt. Dieses Jahr sind es fast 170 Freiwillige, die „Brot für die Welt“ in den Rummelgassen ein Gesicht geben. Es ist die einzige Aktion dieser Art auf einem deutschen Volksfest. Und Soppa organisiert sie schon seit mehr als 20 Jahren.

„Eine Spende für Brot für die Welt“, ruft er den Menschen entgegen, die sich gerade massenweise auf den Rummelplatz drängeln – die meisten allerdings ohne einen Blick für ihn. „Das Karussell lenkt ab“, hadert Soppa mit dem Standort. Doch der 69-jährige pensionierte Kaufmann, der früher mit Kaffee und Honig handelte, hält seine Büchse beharrlich in den Besucherstrom. „Schön, dass Sie wieder da sind“, freut sich dann doch ein „Stammkunde“, der regelmäßig spendet. Seit einiger Zeit kommen dadurch jährlich knapp 12 000 Euro zusammen.

Eine Stunde Sammeleinsatz bedeutet 50 Maniokpflanzen, die mit ihren stärkehaltigen Wurzelknollen in den Tropen ähnlich wie Weizenmehl als wichtige Nahrungsgrundlage angebaut werden. „Eine Ziege kostet 35 Euro, das entspricht noch nicht einmal 90 Minuten auf dem Freimarkt“, verdeutlicht Soppa.

Schon Monate vor dem Freimarkt sucht er mit seiner Kirchengemeinde Hilfsprojekte aus, organisiert Infoabende. In der heißen Phase schreibt er Einsatzpläne für die Sammlung, die jeweils mit mindestens doppelt besetzten Zwei-Stunden-Schichten gestemmt wird. Diesmal fließen die Spenden an eine Hilfsorganisation im südwestafrikanischen Angola. Das Projekt organisiert eine genossenschaftliche Saatgutbank, damit die angeschlossenen Familien von ihrer Hände Arbeit leben können.

Aber landwirtschaftliche Hilfe zur Selbsthilfe ist nur ein Bereich, für den sich die Freiwilligen einsetzen. Mal geht es um Schulen oder Brunnen in Afrika, mal um Chemikalien für Medikamente in Kuba, mal um den Einsatz für Straßenkinder und den Kampf gegen Aids. Er würde es zwar niemals von sich selbst sagen, aber über die Jahre ist Soppa in der Beschäftigung mit den Hilfsprojekten zu einem Experten in entwicklungspolitischen Fragen geworden.

Der Bremer weiß um die Folgen ungerechter Handelsstrukturen und um die Verantwortung der Menschen in den Industrieländern.

Auf dem Bremer Freimarkt liegen Rummelspaß und ernste Politik durch das Engagement der Baptisten eng beieinander. Umso mehr fasziniert ihn, was erreicht werden kann, wenn sich viele Menschen gemeinsam für andere einsetzen. · epd

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