Frauenfeindlichkeit

Mord an Sarah Everard: Misogynie als Hassverbrechen – Englands Frauen fordern Schutz

Ein Passant geht an dem neuesten Wandbild der irischen Künstlerin Emmalene Blake im Stadtzentrum vorbei.
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Ein Passant geht an dem neuesten Wandbild der irischen Künstlerin Emmalene Blake im Stadtzentrum vorbei. Die Aufschrift „When will I be able to walk alone at night and feel safe?“ („Wann kann ich nachts endlich alleine unterwegs sein und mich dabei sicher fühlen“) bezieht sich nach dem Tod von Sarah Everard auf Gewalt gegen Frauen.

Ende September ist in London ein Urteil zu einem Mord gefallen, der über die Grenzen Englands eine Debatte über den Umgang mit Gewalt gegen Frauen entfacht hat.

London – Das Urteil fällt Ende September in London. Es geht um einen Mord, durch den in England und darüber hinaus eine Debatte um den Umgang mit Gewalt gegen Frauen entbrannt. Das Opfer ist Sarah Everard. Der Täter ein Polizist, der sie im März dieses Jahres ermordet hat und dafür nun zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Stadt:London
Landesteil:England
Einwohner:8.961.989 (2019)
Stadtgliederung:City of London und 32 Boroughs
Bürgermeister:Sadiq Khan (Labour)

Richter Adrian Fulford begründete das Urteil gegen den Täter vor allem mit dem Missbrauch seiner Funktion als Polizist, um sein Opfer zu entführen, zu vergewaltigen und zu ermorden. Fulford erklärte zudem, der Missbrauch dieser Funktion „ist meines Erachtens ebenso schwerwiegend wie ein Mord zur Förderung einer politischen, religiösen, rassischen oder weltanschaulichen Sache“. Diese Aussage ist besonders bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass nun mehrere Gruppen fordern, zur Liste der Taten, die als Hassverbrechen eingestuft werden, auch „Gender” hinzuzufügen. Was war passiert?

Der Mord an Sarah Everard löst grundlegende Debatte aus – Misogynie als Hassverbrechen

Am Freitag, 5. März 2021, berichtet die BBC, dass das Verschwinden einer Frau, von der seit der vorhergegangenen Mittwochnacht nichts mehr gehört wurde, bei der Polizei für “zunehmende Besorgnis” sorgt. Es geht dabei um die 33-jährige Sarah Everard aus Brixton, Süd London. Sie war auf dem Weg nach Hause von einer befreundeten Person. Das Signal ihres Telefons war zuletzt auf der Strecke von dort zu ihrem Ziel empfangen worden. Dabei war sie noch von einer Kamera aufgenommen worden. Sie hatte noch mit ihrem Partner telefoniert. Das waren ihre letzten Lebenszeichen.

In Folge des Verschwindens der jungen Frau hatte die Polizei im Verlauf der Untersuchung mehr als 700 Häuser besucht und mehr als 100 Anrufe aus der Öffentlichkeit bekommen. Am 9. März wird ein Polizist festgenommen*, gemeinsam mit einer Frau, die verdächtigt wird, ihm geholfen zu haben. Die Suche nach Sarah Everard geht weiter. 

In dieser Skizze des Gerichtssaals von Elizabeth Cook erscheint der ehemalige 48-Jährige Polizeibeamte am ersten Tag einer zweitägigen Anhörung auf der Anklagebank im Old Bailey.

Mord an Sarah Everard: Polizist bekennt sich schuldig – Misogynie als Tatmotiv?

Drei Tage danach wird vom Fund menschlicher Überreste berichtet, die später am Tag als die von Sarah Everard bestätigt werden. Eine Untersuchung liefert das Ergebnis, dass der Tod der jungen Frau durch Druck auf den Hals herbeigeführt wurde. Misogynie als Tatmotiv?

Am 8. Juni bekennt sich der Polizist schuldig. Sowohl für die Entführung, als auch die Vergewaltigung an Sarah Everard. Er bekennt sich zudem schuldig, die Frau ermordet zu haben, wie die BBC berichtete. Am 30. September verurteilt Richter Adrian Fulford den 48-jährigen Täter zur Höchststrafe. Lebenslang ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.

Misogynie als Hassverbrechen: Premierminister Boris Johnson will Gefühl der Sicherheit in Großbritannien schaffen

Premierminister Boris Johnson kündigte bereits kurz nach dem Verschwinden von Everard an, dass im House of Commons Maßnahmen debattiert werden sollen, die unter anderem strengere Urteile für Vergewaltiger beinhalten sollen. Auch neue Maßnahmen im Einsatz gegen häusliche Gewalt seien Thema. 

Gleichzeitig erklärt er, dass das grundlegende Problem, dass das Land und die Gesellschaft angehen müssten, sei, dass insbesondere Frauen das Gefühl haben müssen, dass sie gehört und ernst genommen werden, wenn sie Gewalt, Missbrauch oder andere Angriffen anklagen. 

Misogynie als Hassverbrechen: Wie das Verschwinden von Sarah Everard das Vertrauen in die Polizei erschüttert hat

Das Verschwinden der Frau sorgte für Angst um die eigene Sicherheit in der (weiblichen) Bevölkerung. Dass ein Polizist im Zusammenhang mit der Tat festgenommen wurde, hat diese Angst noch verschärft, wie die BBC das Stimmungsbild in den sozialen Medien in ihrer Berichterstattung wiedergibt. Londons Bürgermeister Sadiq Khan sagte, dass alle Frauen und Mädchen in der Lage sein sollten, sich in den Straßen Londons zu jedem Zeitpunkt sicher zu fühlen. 

Wir wissen, dass wir daran arbeiten müssen, wieder Vertrauen und Zuversicht herzustellen, und wir werden alles dafür tun, dies zu erreichen.

Londoner Vize-Polizeichef Stephen House

Der Londoner Vize-Polizeichef Stephen House sagte einem Ausschuss des Stadtrats, das Verbrechen bedeute einen groben Verrat an den Werten der Polizei. „Er war einer von uns, und wir müssen uns sehr, sehr genau hinterfragen, um zu verstehen, wie er einer von uns sein konnte und was das über uns als Organisation aussagt.“ Und eben weil der Täter einer derjenigen war, dessen Aufgabe es sein sollte, in der Gefahr zu helfen, hat die Tat auch zu einer Erschütterung des Vertrauens in die Polizei* geführt. House betonte: „Wir wissen, dass wir daran arbeiten müssen, wieder Vertrauen und Zuversicht herzustellen, und wir werden alles dafür tun, dies zu erreichen.“

Den Satz „schreib mir, wenn Du zu Hause bist“ hat jeder bestimmt schon einmal so oder in ähnlicher Form gehört oder selbst gesagt. Auch auf dem Parliament Square hält eine Frau ein Plakat mit der Aufschrift „Text Me Yhen You‘re Home“ in der Menschenmenge.

„Wir haben gelernt, dass uns niemand beschützen wird“ – Misogynie als Hassverbrechen?

Die BBC ließ in der weiteren Berichterstattung auch mehrere Frauen zu Wort kommen, die erzählten, wie sie sich verhalten, wenn sie sich allein in den Straßen fortbewegen. Unter der Überschrift „Wir haben gelernt, dass uns niemand beschützen wird“, erzählen sie vom Vortäuschen von Telefonaten, über das Festhalten des Schlüsselbunds als mögliche Waffe zur Verteidigung bis zum Nutzen von Apps, die entwickelt wurden, um dem Nutzenden Sicherheit auf dem Weg nach Hause zu geben. Die zitierten Frauen haben einen ganzen Katalog an Vorsichtsmaßnahmen, um sich unterwegs sicher zu fühlen. 

Die Forderung der einen Freundin an die andere „meld Dich, wenn Du angekommen bist“ ist, genau wie die anderen Maßnahmen, nicht nur in England verbreitet.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan: Epidemie der Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Der Fall Everard hatte für Mahnwachen von Frauen und Verbündeten gesorgt, die für mehr Schutz demonstrierten. Dabei war es auch zu einem umstrittenen Polizeieinsatz gekommen*. Kurz vor Verkündung des Urteils gegen Sarahs Everards Mörder verschwindet die 28-jährige Sabina Nessa. Die Lehrerin geht durch einen Park auf dem Weg zum Treffen mit einer Freundin. Dort kommt sie nicht an. Einen Tag später wird ihre Leiche in eben diesem Park gefunden.

„Bei uns herrscht eine Epidemie, wenn es um Gewalt gegen Frauen und Mädchen geht“, sagt der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan nach dem Mord an Sabina Nessa. Es müsse endlich gehandelt werden, fordert er.

Eine Frau schaut sich die Blumen an, die im März für die getötete Sarah Everard im Clapham Common Park niedergelegt wurden.

Misogynie als Hassverbrechen: 106 Frauen seit Jahresbeginn 2021 in Großbritannien mutmaßlich von Männern ermordet

Der Sender ITV zählt zwischen den beiden Taten 77 Frauen, die mutmaßlich von Männern getötet wurden. Seit Jahresbeginn sind es nach Zählung der Gruppe Counting Dead Women 106. Drei Viertel aller Frauen, die älter als 16 Jahre sind, seien schon einmal in der Öffentlichkeit belästigt worden, sagt die Opferbeauftragte Vera Baird dem Sender BBC Radio 4. 

Seit Juli läuft ein Regierungs-Programm, mit dem die Gewalt gegen Frauen und Mädchen angegangen werden soll. Dazu gehören ein besonderes Augenmerk auf Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr, aber auch umstrittene Ideen wie der Einsatz von Zivilbeamten in Pubs und Clubs. Grundsätzlich sei das ein guter Ansatz, sagen Aktivistinnen. Doch es reiche bei weitem nicht.

Die Frage nach der Einordnung misogynistischer Gewalttaten als Hassverbrechen

Per Definition gilt in England und Wales eine Tat als Hassverbrechen, wenn sie aus Feindseligkeit oder aus Vorurteilen resultiert, die rassistische oder religiöse Hintergründe hat, sich gegen die sexuelle Orientierung, die Behinderung oder die Transgender-Identität eines Menschen richtet. 

Die Law Commission, eine unabhängige Rechtskommission in England und Wales, hat bereits vor dem Mord an Everard vorgeschlagen, auch „Sex“ oder „Gender“ zu den Charakteristiken für Hassverbrechen hinzuzufügen. Auch Aktivisten fordern die Erweiterung der Zuordnung zu Hassverbrechen um Sex und Gender. Misogynie sei einer der Hauptgründe für Gewalt gegen Frauen, wie die BBC zitiert. Misogynie meint Frauenfeindlichkeit, wobei sich Gender allgemeiner auf die Geschlechtsidentität eines Menschen bezieht. Mit Sex ist das biologische Geschlecht gemeint. 

Britischer Premierminister Boris Johnson stellt sich gegen Misogynie als Hassverbrechen

Premierminister Johnson bezog dahingehend Stellung, dass es ausreichend Maßnahmen gebe, um gegen Gewalt gegen Frauen vorzugehen. Er unterstütze es daher nicht, Misogynie zum Hassverbrechen zu erklären. Die vorhandenen Möglichkeiten würden nicht „ordnungsgemäß vollstreckt“ werden und darauf müsse man sich konzentrieren. An der Stelle müsse es radikale Änderungen geben, sagte er im Interview mit der BBC.

Die damalige Ministerin für Gleichstellung, Victoria Atkins, erklärte bereits 2018 in einem Interview mit der BBC, dass es auch schwierig sei, Gesetze zu schaffen, die in Konflikt geraten mit den Grundsätzen der Gleichheit. Gäbe es als Hassverbrechen definierte Taten in Bezug auf „Gender“, müsse genau überlegt werden, ob es sich auf die gesamte Bevölkerung oder nur auf eine Hälfte bezieht.

Zudem erklärte sie, dass die Gesetze zu Hassverbrechen sehr auf Minderheiten fokussiert sind. Frauen seien jedoch keine Minderheit und sie sei zögerlich, wenn es darum ginge, womöglich diesen Eindruck zu vermitteln. Schottland denkt hingegen über frauenfeindliche Gewalt als eigenes Verbrechen nach. (Mit Material der dpa) *kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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