Corona in Europa

Portugal hat Impfquote von 98 Prozent – was Deutschland davon lernen kann

Gäste sitzen auf Terrassen in Portugal. Das Land hat viele Corona-Beschränkungen aufgehoben.
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Gäste sitzen auf Terrassen in Portugal. Das Land hat viele Corona-Beschränkungen aufgehoben.

Portugal gehört zu den Ländern mit der höchsten Impfquote. Deutschland zählt mit 64,6 Prozent zu den impfmüden Nationen. Was ist das Geheimnis der Portugiesen?

Lissabon – So lange ist es noch nicht her, Januar dieses Jahres, da befand sich das portugiesische Gesundheitssystem kurz vorm Kollaps. In der Hauptstadt Lissabon quollen die Krankenhausbetten über. Die Behörden bat die Bevölkerung, sich selbst zu Hause zu verarzten, schreibt die New York Times in einem Bericht.

Land:Portugal
Präsident:Marcelo Rebelo de Sousa
Hauptstadt:Lissabon
Bevölkerung:10,31 Millionen (2020)

In der letzten Januarwoche starben 2000 Menschen, als das Virus sich immer mehr ausbreitete. Die Impfkampagne des Landes: ein Trümmerhaufen. Die Regierung wandte sich an einen Mann, der Portugal wieder aus dem Corona-Chaos führen, die Impfpolitik wieder auf Kurs bringen sollte: Vize-Admiral Henrique Gouveia e Melo, ehemaliger Kommandant eines U-Boot-Geschwaders.

Portugal hat Impfquote von 98 Prozent: „Die Dinge sehen gut aus“

Acht Wochen später gehört Portugal zu den Top-Impfländern der Welt. Ungefähr 86 Prozent der 10,3 Millionen Portugiesen sind vollständig geimpft. Zirka 98 Prozent der Impfberechtigten – und das schließt jeden mit ein, der über 12 Jahre alt ist – sind durchgeimpft.

„Wir glauben, wir haben den Punkt des Gruppenschutzes und fast Herdenimmunität erreicht“, sagt Admiral Gouveia e Melo in der New York Times. „Die Dinge sehen gut aus.“ Vergangenen Freitag, 1. Oktober 2021, hat Portugal nahezu alle Corona-Restriktionen beendet. Die Anzahl neuer Infektionsfälle ging massiv runter, auf knapp 650 pro Tag – mit einem verschwindend geringen Anteil an Todesfällen.

Impfquote: Portugal global führend beim Impfen, Deutschland liegt bei 64,6 Prozent

Viele westliche Nationen, die wohlhabend genug sind, sich reichlich Impfstoff zu leisten – so wie etwa Deutschland – verharren seit Längerem auf derselben Impfquote, mehr als 20 Prozent ihrer Bevölkerung ist nicht gegen das Coronavirus geschützt. Und viele westliche Regierungen schauen mit Adleraugen auf das Impfgeschehen in Portugal.

Immer wieder kam es in der Pandemie zu falschen Vorhersagen, zu neuen tödlichen Wellen. Auch Portugal könnte wieder zurückgeworfen werden, jetzt, da die Delta-Variante des Coronavirus sich weiter global ausbreitet. Die Abnahme des Impfschutzes ist ebenfalls ein Thema, der Ruf nach sogenannten „Booster-Shots“, Auffrischungsimpfungen, wird lauter. Portugal will schon bald mit Drittimpfungen für ältere Menschen und Vorerkrankte starten, so Admiral Gouveia e Melo. Er ist zuversichtlich, dass er die Gruppen bereits bis Ende Dezember erreicht haben wird.

Portugal hatte mit vielen Problemen zu kämpfen – dann kam Admiral Gouveia e Melo

Doch jetzt im Moment, wo Bars und Nachtclubs wieder vor Leben sprühen, Neuinfektionen und Todesfälle stark fallen, hat das Land eine erfolgreiche Impfkampagne vorzuweisen – obwohl es mit denselben Hürden zu kämpfen hatte, wie die meisten anderen Ländern auch.

Da war zu einem die Flut aus Missinformation, welche die sozialen Medien der Portugiesen füllte. Das Land wird von einer linken Minderheitsregierung geführt, Umfragen zufolge waren die Zweifel gegenüber den Impfstoffen groß und weit verbreitet, als sie erstmalig vorgestellt wurden. Doch dann kam Admiral Gouveia e Melo – und riss das Ruder um. Der Experte für komplizierte logistische Aufgaben im Militär wurde im Februar zum obersten Leiter der nationalen Impfkampagne ernannt.

Admiral Gouveia e Melo führte Portugal zum Impferfolg: „Müssen das Ganze als Krieg zu betrachten“

Über 1,90 Meter groß ist der Admiral eine imposante Figur. Zudem sieht man in den zahlreichen öffentlichen und Fernsehauftritten nie ohne seine militärische Kampfuniform – um die Bevölkerung zu einer Pandemie-bekämpfenden Einheit zu formen. „Das Erste, was man macht, ist, das Ganze als einen Krieg zu betrachten“, sagte Admiral Gouveia e Melo einmal in einem Interview. „Ich benutze nicht nur Kriegs-, sondern auch Militär-Sprache.“

Auch wenn Politiker weltweit ebenfalls in den Duktus martialischer Rhetorik übergegangen sind, so der Admiral, sei es maßgeblich für seinen Erfolg gewesen, dass er von den meisten nicht als Politiker wahrgenommen wurde.

Sie müssen Leute finden, die keine Politiker sind.

Admiral Gouveia e Melo auf die Frage, welchen Ratschlag er geben könne

Gleich zu Beginn scharrte er ein Team aus etwa drei Dutzend Leuten um sich – Mathematiker, Doktoren, Analytiker, Strategie-Experten aus Portugals Armee, Luftwaffe und Marine.

Als er gefragt wurde, wie denn andere Länder ihr eigenes Impfvorhaben weiter nach vorne bringen können, zögerte der Admiral nicht, seinen besten Ratschlag zu geben: „Sie müssen Leute finden, die keine Politiker sind.“

Corona in Portugal: Land hatte mit Problemen zu kämpfen: „Impfgegner in der Minderheit“

Vor der Pandemie hatte Portugal das Glück, ein robustes nationales Impf-Programm zu haben, das aus der verheerenden Erfahrung im Kampf gegen Polio entstand. Das Desaster beeinflusste das Land auch lange nach 1960, als Admiral Gouveia e Melo geboren wurde. Er konnte sich noch an die Tochter eines Familienfreundes erinnern, die an Polio erkrankte und an das Leiden, das folgte.

Manuela Ivone da Cunha ist eine portugiesische Anthropologin und hat die Impfgegner-Bewegung studiert. Sie sagt, dass „die Impfgegner in Portugal in der Minderheit sind, und sie sind weniger laut, als sie es in anderen Ländern sind“, schreibt die New York Times.

Vize-Admiral Henrique de Gouveia e Melo (Mitte) beim Besuch eines Impfzentrums in der portugiesischen Stadt Gondomar.

Die ehemalige Gesundheitsministerin Portugals, Leonor Beleza, die nun die medizinische Champalimaud-Stiftung leitet, sagte, dass Portugals Ausbau der Impfkampagne ganz klar durch die Ernennung eines militärischen Offiziers profitiert habe. „Er hat die Kommunikationsstrategie definiert, immer gesagt, was gerade aktuell passiert. Das hat Glaubwürdigkeit und Vertrauen produziert.“

Portugal schuf Vertrauen ins Impfen – durch Soldaten

Nach dem Beschluss der Taskforce, dass der effizienteste Weg zum Erfolg durch die Impfzentren führt, wurden Truppen der Armee genutzt, um Vertrauen innerhalb der Bevölkerung zu schaffen. Und das gelang auch, als die Menschen sehen konnten, wie ein Soldat nach dem anderen seine Impfung bekam.

Gleichzeitig wurde auch gezeigt, wie Doktoren und Krankenschwestern ihre Spritze erhielten, so wurde das Bild einer Impfsicherheit zementiert.

Admiral Gouveia e Melo sagte, zu zeigen, wie Ärzte und Soldaten geimpft werden, hätte das Vertrauen innerhalb der Bevölkerung in die der Kampagne gestärkt. (Archivbild)

Während andere Länder in ihren Impfkampagnen mit Doktoren, Krankenschwestern und Polizisten warben – in Deutschland war es Uschi Glas – sei das Wichtigste dabei die Kontinuität, sagt Admiral Gouveia e Melo.

Der Admiral gegen die Impfgegner: „Bin durch diese Verrückten durch“

Als die Kampagne im Sommer zu den jüngeren Altersgruppen überging – da war die Hälfte der Portugiesen noch nicht geimpft – zeigte sich schon, dass sich Widerstand bildete.

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In einem U-Boot, so der Admiral, befindet man sich in einem langsamen Schiff, das versucht, schnellere Schiffe zu fangen. „Man muss sich positionieren und man muss schlau dabei sein.“ Die Möglichkeit beim Schopfe packen, sobald sie sich zeigt.

Und genau danach griff er im Juli. Impfgegner hatten den Eingang des Impfzentrums in Lissabon versperrt. Der Admiral zog seine Kampf-Uniform an und fuhr dorthin – ohne jegliche Sicherheitsabsprachen. „Ich bin durch diese Verrückten durch“, sagte er. „Sie fingen an, mich ‚Mörder‘, ‚Mörder‘ zu rufen.“

Auch in Deutschland hat die Politik mit Impfgegnern zu kämpfen.

Als die Fernsehkameras anfingen, aufzuzeichnen, behauptete der Admiral seine Stellung. „Ich sagte, dass das Virus der Mörder ist“, erinnert sich Admiral Gouveia e Melo. Der wahre Killer seien die Menschen, die leben, als wäre es das 13. Jahrhundert – ohne jeglichen Bezug zur Realität. „Ich habe damit versucht, in einer sehr ehrlichen und aufrichtigen Art über die Probleme und Sorgen zu sprechen“, sagt er.

Portugal ist Weltspitze beim Impfen – doch es gibt auch Kritik

Doch nicht jeder fand seinen Versuch gelungen. „Wir haben keine wirkliche Kultur, Autoritäten zu hinterfragen“, sagt Laura Sanches. Die klinische Psychologin hat bereits in der Vergangenheit Portugals militaristischen Weg in der Impfpolitik kritisiert – und dafür geworben, jüngere Menschen von den Impfungen auszuschließen.

„Und die Art, wie er sich immer in seiner Tarn-Uniform präsentierte – als würde er Krieg führen – zusammen mit der Sprache, die auch Medien und Politiker benutzen – das hat zu einem Angstgefühl geführt. Eines, das uns noch gefügiger macht, Folge zu leisten und nicht, Fragen zu stellen“, sagte Sanches.

Umfrage-Hammer: Nur 2,2 Prozent wollen den Impfstoff nicht. Admiral Gouveia e Melo: „Wachsam bleiben“

Dennoch konnte die öffentliche Nachrichten-Kampagne – dazu gehören aggressive TV- und Medienaktionen – stetigen Erfolg verbuchen. „Anfangs hatten wir 40 Prozent, die unsicher waren“, sagte Admiral Gouveia e Melo. Jetzt seien laut dem neuesten Umfragen 2,2 Prozent, die den Impfstoff nicht wollen.

Als er diese Woche von der Impf-Taskforce zurücktrat, sagte der Admiral, dass er denke, dass das Land auf einem guten Kurs sei. Aber ganz der Experte im U-Boot-Kampf, mahnte er auch an, Vorsicht walten zu lassen, wachsam zu bleiben – bis der Krieg gewonnen sei. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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