Brexit-Streit zwischen Großbritannien und Norwegen

Streit um Kabeljau-Fang: In Cuxhaven sind 1.500 Arbeitsplätze gefährdet

Ein Fischkutter mit ausgeworfenen Netzen, daneben montiert Niedersachens Europaministerin Birgit Honé.
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Niedersachsens Europaministerin Birgit Honé sagte den Fischern am Freitag in Cuxhaven ihre volle Unterstützung zu. (kreiszeitung.de-Montage)

In Cuxhaven sorgt man sich um den Fang von Kabeljau in norwegischen und britischen Gewässern. Dabei stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Cuxhaven/Brüssel – „Cuxhaven lebt mit und vom Fisch. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern eigentlich schon zu spät“, bringt es Michael Ditzer, Geschäftsführer des Gourmetrestaurants „Meeresfrüchte“ in Cuxhaven, auf den Punkt. Wegen des Fischereistreits zwischen Norwegen und Großbritannien* fürchten die deutschen Fischer ihrerseits eine Konfrontation mit dem skandinavischen Land. In Gefahr: Die Fangquoten für Kabeljau. Daneben geht es auch um etliche Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt mit der Fischwirtschaft in Cuxhaven in Zusammenhang stehen.

Stadt in Niedersachsen:Cuxhaven
Fläche:161,92 Quadratkilometer
Einwohner:48.326 (Stand: 31. Dezember 2020)
Vorwahl:04721
Oberbürgermeister:Uwe Santjer (SPD)

Denn nach dem Brexit versuche die norwegische Regierung derzeit an mehreren Stellen, eigene Fangquoten zulasten der EU-Fischer zu erhöhen, hieß es am Freitag, 27. August 2021 während eines Vor-Ort-Termins der Cuxhavener Fischwirtschaft in Ditzers Restaurant. „Weil der zu verteilende Fischbestand nicht größer wird, muss irgendjemand für diese Selbstbedienungsaktionen der Norweger die Zeche zahlen“, so die einhellige Meinung während der Diskussion mit Niedersachsens Europaministerin Birgit Honé (SPD). Hintergrund des Konflikts sind nach Darstellung der deutschen Fischerei Verwerfungen nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU.

Deutsche Fischwirtschaft schlägt Alarm: Brexit-Streit mit Norwegen bereitet Kopfzerbrechen

Und weiter: „Während die EU ein grundsätzliches Abkommen mit Norwegen über Zugang und Quotenverteilung aushandeln konnte, scheiterten die Verhandlungen der Norweger mit den Briten.“ Als Reaktion habe Norwegen einseitig die EU-Fangquote für Kabeljau zu eigenen Gunsten gekürzt und wolle die eigene Quote für Makrelen zulasten der EU erhöhen. „Da im Rahmen einer nachhaltigen Bewirtschaftung die Gesamtfangmengen nicht steigen, würde daraus eine dauerhafte Verringerung der Fischereimöglichkeiten der EU resultieren.“ Damit sei auch das Gütesiegel „MSC“ in Gefahr.

Mit einer Eskalation rechnen die Fischer spätestens Ende August, „weil dann die EU-Fischer aus Deutschland, Spanien, Portugal, Frankreich und Polen die Quote ausgeschöpft hätten, die ihnen Norwegen noch zugestehen will“, heißt es dazu auch vom Deutschen Fischerei-Verband. Mittlerweile stehe eine Drohung Norwegens im Raum, die Schiffe aus fünf EU-Ländern festzusetzen. „Sollte die EU in dieser Situation die legitimen Rechte der EU-Bürger nicht verteidigen, drohen dauerhafte Verluste von Fangrechten mit einem Gesamtwert von mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr.“

Großbritannien hat mit dem Brexit auch die gemeinsame Fischereipolitik der EU verlassen. Damit wollte die Regierung in London nach eigenen Angaben die heimische Fischwirtschaft beleben – und den Zugang für europäische Fischer in britische Gewässer erschweren. Gleichzeitig hat London durch den EU-Austritt auch gemeinsame Abkommen über den Zugang zu Gewässern Norwegens und anderer Länder verlassen, wo ein Großteil der für Fish and Chips verwendeten Arten wie Kabeljau und Schellfisch gefangen werden.

Streit um Kabeljau-Fang: 1500 Arbeitsplätze in Cuxhaven in Gefahr

Im Fall von Cuxhaven, nach Bremerhaven der zweitgrößte Fischumschlagplatz in Deutschland, seien akut rund 1500 Arbeitsplätze gefährdet, betonte Michael Ditzer mit Blick auf seine Kollegen.

Einer davon ist Horst Huthfeldt, seit 42 Jahren in Cuxhaven mit zuständig für die „Fischwirtschaftliche Vereinigung Cuxhaven“. Ihm ist während der Diskussion anzumerken, dass der Haussegen ordentlich schief hängt und ihn die ganze Sache auch persönlich beschäftigt: „Ich bin aus dem Ruhestand zurückgekommen, so außergewöhnlich ist das hier, was ich erlebe. Wir mussten bereits zwei Schiffe stilllegen.“

Benötigt würden in Cuxhaven rund 50.000 Tonnen Kabeljau jährlich, fällt dabei die Fangquote aus Großbritannien weg, würden 40.000 fehlen. „Wenn das passiert, dann brauche ich die anderen 10.000 Tonnen auch nicht mehr, dann kann ich meinen Laden hier abschließen“, so der Fischereiexperte.

Dicke Luft in der Fischwirtschaft: Ärger um EU-Hilfsgelder in Millionenhöhe entbrannt

Unmut herrscht bei den Fischern auch darüber, wie die erst im Juli zugesagten EU-Hilfsmittel in Millionenhöhe nun verteilt würden – nämlich über den Bund. Auch die Vorgaben, eine Einnahmeeinbuße von 30 Prozent, halten die Fischer für nicht gerecht. Und ob dabei alles dort ankommt, wo es wirklich benötigt wird, davon sind die Fischer nicht restlos überzeugt. Eher das Gegenteil ist der Fall, war am Freitag während des Termins deutlich zwischen den Zeilen zu hören.

Das sieht auch Ministerin Honé so, ließ sie während der Diskussion ganz offen durchblicken: „Mir wäre es am liebsten gewesen, wenn wir die Gelder auf Landesebene verteilen würden.“ Honé versprach der anwesenden Fischwirtschaft ihre volle Unterstützung – auch mit Blick auf die nun gefährdeten Arbeitsplätze. * kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

(Mit dpa-Material)

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