Thomas Wolf legt 100-seitiges Geständnis ab

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Der Bankräuber und Erpresser Thomas Wolf hat am Freitag vor dem Wiesbadener Landgericht ein Geständnis abgelegt

Wiesbaden - Der Bankräuber und Erpresser Thomas Wolf hat am Freitag vor dem Wiesbadener Landgericht ein Geständnis abgelegt und sein Entführungsopfer um Verzeihung gebeten.

Bei seinem Geständnis blickt der Entführer Thomas Wolf nach wenigen Sätzen von seinen Notizen auf und richtet das Wort direkt an die zierliche Frau auf der Nebenklägerbank: “Ich möchte mich bei Ihnen und Ihrer Familie entschuldigen, obwohl ich weiß, dass es damit nicht getan ist“, sagt der 58-Jährige am Freitag vor dem Wiesbadener Landgericht. “Deshalb bleibt mir nur, um Verzeihung zu bitten.“ Die 44 Jahre alte Frau in der hellen Bluse auf der anderen Seite des Gerichtssaals scheint die Luft anzuhalten. Im März 2009 hatte Thomas Wolf sie entführt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst.

Die Frau eines leitenden Bankangestellten blieb an einen Baum gefesselt zurück, konnte sich wenig später selbst befreien. Der Täter flüchtete quer durchs Land und wurde zwei Monate später auf der Reeperbahn in Hamburg festgenommen.

Am zweiten Prozesstag leitet Thomas Wolf sein Geständnis mit den Worte ein: “Ich bereue meine Taten zutiefst.“ Er habe eine gesamte Familie zehn Stunden lang in Angst und Schrecken versetzt. “Da gibt es nichts zu verharmlosen.“ Einige der Zuhörer hinter dem Panzerglas äußern mit lautem “Pah“ und “Nee“ ihre Missbilligung. Der 58-jährige Angeklagte zeigt keine Reaktion, räumt ohne Umschweife auch die beiden ihm zur Last gelegten Banküberfälle ein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte im Jahr 2000 in Hamburg mit einer Bombenattrappe knapp 500.000 D-Mark erbeutet haben, in den Niederlanden 2003 mit einer ähnlichen Masche 110.000 Euro.

Gegen “Zerrbild“ in der Öffentlichkeit

Die Vorwürfe gegen ihn seien völlig unstrittig, betont der Angeklagte. Er habe sofort nach seiner Festnahme alles gestanden. Allerdings will Thomas Wolf dringend sein Bild in der Öffentlichkeit korrigieren. Von ihm sei ein Zerrbild entstanden. Nach der Entführung habe der “knallige Hinweis“ auf dem Fahndungsaufruf geprangt, dass er mit Sicherheit bewaffnet sei. “Dabei wusste die Polizei genau, dass ich in meinem Leben noch nie eine scharfe Waffe benutzt habe“, sagt Wolf. Eine große Tageszeitung habe getitelt, er sei Deutschlands gefährlichster Verbrecher. In seiner Einlassung wolle er wichtige Fakten hinzufügen, um dieses Bild von ihm zu entzerren.

Dabei holt Thomas Wolf weit aus, berichtet von einer lieblosen Mutter, die zu viel Alkohol trank und sich einen Liebhaber zulegte, von der zerrütteten Ehe seiner Eltern und seinem Abrutschen in die Kriminalität. Als er die Schrecken seiner Jugend schildert, schluchzt er laut auf. Er ist ein guter Vorleser, einige im Publikum sagen, ein guter Schauspieler. Detailliert berichtet Wolf, wie er wegen Straftaten wie Raub oder Diebstahl immer wieder im Gefängnis landete. Und ganz nebenbei, wie er immer wieder ausbüxte.

So spazierte er bei einem Krankenhausaufenthalt mit Frau und Sohn durch den Park, und ging einfach davon. Ein anderes Mal wähnte er seine Schwiegereltern im Anmarsch, um Tochter und Enkel nach England zu holen. Bis zu seinem Ausgang konnte er nicht warten: “Ich musste nach Düsseldorf und versuchen, zu retten, was zu retten war. Sofort.“ Also sägte er die Gitterstäbe durch und machte sich auf den Weg. Ein anderes Mal traf er bei einem Freigang seine Frau in einem Kaufhausrestaurant. Er sei nervös gewesen, habe überlegt, ob er ins Gefängnis zurückkehren solle. “Aus heutiger Sicht wäre es sinnvoll gewesen, keine Frage“, räumt Wolf ein. Doch damals gab er vor, auf Toilette zu gehen, und verließ das Kaufhaus.

Erst 22 von 100 Seiten vorgelesen

Viel weiter kommt Thomas Wolf an diesem Freitag nicht. Fortsetzung folgt. Als er auf Nachfrage des Richters sagt, dass er von rund 100 Seiten bisher etwa 22 vorgelesen habe, geht ein Aufschrei durchs Publikum. Doch nach Ansicht des Verteidigers ist diese ausführliche Schilderung seines Lebens wichtig für den Prozess. “Es ist notwendig zu verstehen, wie der Angeklagte in die Position kam, in der er jetzt ist“, sagt Joachim Bremer. Der Anwalt ist empört über die strengen Sicherheitsvorkehrungen. Er hält es für nicht akzeptabel, dass sein Mandant zwischen zwei Justizbeamten an einem Tisch hinter ihm sitzen muss. Dadurch wird seiner Ansicht nach die Verteidigung behindert. Doch mit seiner Kritik an der Sitzordnung kann er sich ebenso wenig durchsetzen wie mit seinen Befangenheitsanträgen.

Der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk begründet die Sicherheitsvorkehrungen mit Wolfs mehrmaliger Flucht. Außerdem habe der Angeklagte einst im Gefängnis mit mehreren Mithäftlingen eine Geiselnahme geplant. Beim späteren Prozess sei Wolf über die Balustrade gesprungen und habe sich dem Ausgang genähert, dabei sei es zu einem “Kampfgetümmel“ mit den Justizbeamten gekommen. Dass in diesem Prozess nun auf eine Sicherungsverwahrung geprüft werde, erhöhe die Fluchtgefahr noch, sagt Bonk. Auch Wolfs Borrelioseerkrankung schließe einen Fluchtplan nicht mit Sicherheit aus.

dapd

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