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Ursprung von Omikron: Entstehung der Corona-Subvariante weiter unklar

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Von: Carolin Gehrmann

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Die Omikron-Variante des Coronavirus hatte schon kurz nach dem ersten Auftreten in Südafrika das weltweite Infektionsgeschehen fest im Griff. Offenbar entstand sie gar nicht so plötzlich wie gedacht.

Update vom 21. Dezember 2022: Berlin – Anfang Dezember veröffentlichten ein Team um Jan Felix Drexler von der Berliner Charité und das Fachmagazin Science eine Studie, welche eine mögliche Erklärung lieferte, wie die Coronavariante Omikron entstanden sein könnte. Nach ihren Untersuchungen hatte sich der Omikron-Subtyp des Coronavirus schrittweise über mehrere Monate in verschiedenen Ländern Afrikas entwickelt. Die erzielten Ergebnisse hatten darauf hingedeutet, dass dieser Prozess von Medizinern lange „übersehen“ worden war.

Doch schon kurz nach dem Erscheinen der Studie hatten Fachleute Zweifel an der Arbeit geäußert, weshalb die beteiligten Wissenschaftler die Studie nun zurückgezogen haben. „Nach neuesten Erkenntnissen sind Teile der in der Studie gemachten Aussagen wegen Verunreinigungen in Untersuchungsproben nicht mehr ohne begründete Zweifel belegbar“, teilte die Charité mit.

In einer nachträglichen Analyse von Restproben seien tatsächlich Verunreinigungen festgestellt worden. Die Aussage der Publikation, dass Viren mit Omikron-Merkmalen bereits vor dem offiziellen Nachweis in Südafrika existiert haben, beruhe auf übereinstimmenden PCR-Nachweisen aus Laboren verschiedener afrikanischer Länder, erklärt die Charité weiter. Die einzelnen Virus-Evolutionsstufen können durch die aufgetretenen Verunreinigungen jedoch nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden.

Dass wissenschaftliche Fachpublikationen im Nachhinein zurückgezogen werden müssen, kommt immer mal wieder vor, auch wenn sie zuvor einen Prüfprozess durch Fachleute durchlaufen haben.

Ursprüngliche Meldung vom 3. Dezember 2022: Berlin – Keine Frage, der Omikron-Subtyp des Coronavirus hat nach seinem Aufkommen im Herbst 2021 die Dynamik der Pandemie noch einmal ordentlich verändert. Durch seine hohe Immunflucht und die besonders starke Übertragbarkeit war schnell klar, dass Omikron noch viel ansteckender sein würde als seine Vorgänger-Varianten. Rasend schnell sorgte die Subvariante für eine globale Welle – und das Infektionsgeschehen weltweit nahm noch einmal ordentlich an Fahrt auf. Auch in Deutschland.

Omikron-Variante des Coronavirus wurde im November 2021 entdeckt – doch offenbar war sie schon vorher da

Eine Studie der Berliner Charité hat sich nun der Entstehung von Omikron gewidmet. Mit einem interessanten Ergebnis: Dabei hat sich nämlich gezeigt, dass der Ursprung der Omikron-Variante ein ganz anderer zu sein scheint, als bisher angenommen. Auch dürfte Omikron schon viel länger sein Unwesen getrieben haben, als bisher bekannt war. Doch der Reihe nach: Im November 2021 wurde die Omikron-Variante des SARS-Covid-2-Virus erstmals in Afrika von Virologen identifiziert.

Blitzschnell verbreitete sich die erste „Variante der Variante“ von dort aus in 87 Länder. Und schon Ende Dezember 2021 hatte es Omikron die damals vorherrschende Delta-Variante verdrängt. Am 26. November 2022 sachließlich wurde Omikron von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „besorgniserregend“ eingestuft.

Omikron hat viele Varianten hervorgebracht: BA.5, BA 2.75, XXB und Omikron BQ.1.1 – letztere Subvariante gilt als „Höllenhund“

Seither ist das Coronavirus auf der Basis der Omikron-Untervariante vielfach weiter mutiert und hat weitere Subtypen wie Omikron BA.5, BA.2.75 oder Omikron BQ.1.1 und XBB hervorgebracht. Es zeichnete sich bei Omikron nach einer gewissen Zeit ab, dass diese Variante des Coronavirus zwar ansteckender ist, aber durch mildere Verläufe auch für eine geringere Sterblichkeit sorgt. Die neueste Omikron-Variante BF.7 wird unter anderem von Top-Virologen Prof. Christian Drosten bereits als die Variante gehandelt, die das Ende der Pandemie einläuten könnte – wenn sie es denn schafft, sich gegen die anderen grassierenden Omikron-Varianten durchzusetzen.

Mikroskopische Ansicht des Coronavirus (Illustration)
Die Omikron-Variante des Coronavirus hat sich neuen Erkenntnissen zufolge über einen langen Zeitraum entwickelt. (Symbolbild) © grafvision/IMAGO

Einige seiner Kollegen von der Berliner Charité haben sich näher mit der genauen Entstehung von Omikron beschäftigt. In einer Studie fanden sie gemeinsam mit Forschenden der Universität Stellenbosch in Südafrika heraus, dass offenbar alles ganz anders war als bisher geglaubt. Die Ergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

Frühere Theorie besagt, dass Omikron von einem tierischen Wirt übergesprungen ist – was ist an der These dran?

Erstmals wurde die Omikron-Untervariante bei einem Patienten aus Südafrika nachgewiesen. Bislang gingen Forschende von zwei Theorien aus. Die eine besagt, dass das Virus zunächst vom Menschen auf ein Tier übergesprungen ist, sich dort zu Omikron weiterentwickelt hat und dann zurück in einen menschlichen Wirt gelangte.

Die andere These stützte sich auf die Beobachtung, dass bei der Omikron-Variante auffällig viele Gene im Gegensatz zur ursprünglichen Corona-Variante verändert waren. Über 30 Aminosäure-Änderungen waren allein im Spike-Protein identifiziert worden. Aufgrund dieser Beobachtung kamen Experten zu der Vermutung, dass sich die Omikron-Variante in einem Menschen mit HIV oder einer anderen Form von Immunschwäche entwickelt haben könnte.

Omikron entstand bei immungeschwächten HIV-Patienten – glauben die Experten

Die Idee dahinter war, dass das Coronavirus von einem geschwächten Immunsystem nie ganz bekämpft und ausgeschaltet wurde. Es blieb dadurch über einen langen Zeitraum in seinem Wirt aktiv und konnte so Stück für Stück zur Omikron-Variante mutieren. Von diesem Wirt aus gelangte es dann an andere Personen, die es weiter in den Umlauf brachten. Vor allem, weil HIV-Patienten in Afrika oft nicht ausreichend therapiert werden, war diese Erklärung unter Fachleuten als sehr naheliegend eingeschätzt worden.

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Doch für die Science-Studie haben die Charité-Wissenschaftler um Jan Felix Drexler mit ihren afrikanischen Kooperationspartnern Corona-Proben untersucht, die sowohl aus der Zeit vor der Omikron-Entdeckung in Südafrika stammten als auch aus der Zeit danach. Mit einem speziellen PCR-Test, der gezielt die Omikron-Variante nachweisen kann, analysierten sie 13.000 Proben aus 22 afrikanischen Ländern.

Forschende der Charité finden Omikron-ähnliche Viren aus der Zeit vor der Omikron-Entdeckung

Dabei fanden sie in Proben aus sechs verschiedenen Ländern Viren mit Omikron-spezifischen Mutationen – und zwar bereits im August und September 2021 – also Monate vor der ersten Entdeckung von Omikron. Bei rund 670 Proben sequenzierten die Forscher zudem noch das virale Erbgut. Dabei entdeckten sie mehrere Viren, die Ähnlichkeiten mit Omikron aufwiesen, aber eben nicht identisch waren.

Unsere Daten zeigen, dass Omikron verschiedene Vorläufer hatte, die sich miteinander mischten und zur selben Zeit und über Monate hinweg in Afrika zirkulierten.

Jan Felix Drexler, Wissenschaftler an der Charité Berlin

„Unsere Daten zeigen, dass Omikron verschiedene Vorläufer hatte, die sich miteinander mischten und zur selben Zeit und über Monate hinweg in Afrika zirkulierten“, erklärt der Charité-Virologe Drexler. „Das deutet auf eine graduelle Evolution der BA.1-Omikron-Variante hin, während der sich das Virus immer besser an die vorhandene Immunität der Menschen angepasst hat.“

Omikron hatte verschiedenen Vorläufer, hat sich graduell entwickelt – und wurde übersehen

Demnach sei die Omikron-Variante 2021 nicht so plötzlich aufgetreten, wie es damals den Anschein gehabt hat. Und es sei auch nicht darauf zurückzuführen, dass die Variante aus dem Tierreich übergetreten ist oder sich über einen immungeschwächten Menschen verbreitet hat. Auch wenn das zusätzlich zur Virusentwicklung beigetragen haben könnte, wie Drexler erläutert.

Nein, das vermeintlich plötzliche Auftreten von Omikron ist nach Ansicht der Forschungsgruppe eher darauf zurückzuführen, dass die Entwicklung in Afrika lange Zeit übersehen wurde. „Dass wir von Omikron überrascht wurden, liegt stattdessen am diagnostischen blinden Fleck in großen Teilen Afrikas, wo vermutlich nur ein Bruchteil der Sars-CoV-2-Infektionen überhaupt registriert wird“, sagt Drexler.

Omikron-Entstehung: „Diagnostischer blinder Fleck in großen Teilen Afrikas“

Die Forschenden um Drexler kommen anhand ihrer Daten außerdem zu dem Schluss, dass sich der Corona-Subtyp Omikron zuerst in Südafrika zur dominanten Variante wurde und sich dann innerhalb einiger Wochen von Süd nach Nord über den afrikanischen Kontinent ausbreitete, ehe er dann in den Rest der Welt getragen wurde.

Dass wir von Omikron überrascht wurden, liegt am diagnostischen blinden Fleck in großen Teilen Afrikas.

Jan Felix Drexler, Wissenschaftler an der Charité Berlin

Die Ergebnisse der Studie werfen also ein ganz neues Licht auf die Entstehung der Omikron-Variante des Coronavirus. Sie bleibt mit ihren verschiedenen Untertypen auch derzeit die dominante Variante und könnte mit ihrem BQ.1.1-Ableger für eine schwere Winterwelle sorgen. Damit solch drastische Entwicklungen künftig nicht noch einmal unbemerkt bleiben, sei es wichtig, diagnostische Überwachungssysteme im globalen Süden auszubauen und den weltweiten Datenaustausch zu erleichtern, betont Drexler.

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