Was wirklich zählt

Wie Sterbenskranke am Lebensende Bilanz ziehen

Bonn - "Ich wünschte, ich hätte..." - so sagen viele sterbenskranke Menschen, die kurz vor dem Tod zurückblicken und sich fragen, was in ihrem Leben wirklich gezählt hat.

„1.000 Orte, die Du gesehen haben musst, bevor Du stirbst.“ Oder „101 Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist.“ So oder so ähnlich lauten Buchtitel der vergangenen Jahre. „Hast Du schon einmal einen Rekord für das Guiness-Buch aufgestellt“, heißt es beispielsweise im „definitiven Handbuch für all die Abenteuer, die draußen noch auf Dich warten“. Oder „Hast Du schon einmal in einem Flugzeug Sex gehabt?“

Ein schönes Spiel mit der Zukunft und der Frage, was wichtig ist im Leben. Doch es geht auch ernster: „Ich wünschte, ich hätte...“, so sagen viele sterbenskranke Menschen, die kurz vor dem Tod zurückblicken und sich fragen, was in ihrem Leben wirklich gezählt hat. „Wenn sie sterben, kommt eine Menge Furcht und Ärger aus den Menschen heraus“, schreibt die Krankenschwester Bronnie Ware, die über die Wünsche von Sterbenden gerade ein Buch veröffentlicht und daraus einen Leitfaden für Lebende gemacht hat. „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“, heißt das 350 Seiten starke, im arkana-Verlag erschienene Buch in deutscher Übersetzung.

Glaubt man der Australierin, die selber sterbenskranke Menschen betreut hat, so haben die Sterbenden Wünsche, die nichts mit Geld und Besitz zu tun haben. „Keinen meiner Pfleglinge hörte ich rückblickend klagen, er wünschte, er hätte mehr gekauft oder besessen, keinen einzigen“, schreibt sie. Das bestätigt auch Benno Bolze, seit 2006 hauptamtlicher Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands in Berlin und seit 1994 in der Hospiz- und Palliativarbeit engagiert. „Mir ist bisher niemand begegnet, der gern mehr gekauft oder besessen hätte. Am Lebensende sind eher andere Dinge wichtig“, sagt er in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Fast wörtlich stimmen die Erfahrungen Bolzes und der Buchautorin Ware überein: Sterbende bedauern, dass sie nicht bewusster und damit entschiedener gelebt haben. „Man sagt sich ja oft: Das kann ich auch noch später machen. Und dann verschiebt man es auf bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag“, erzählt Bolze. „Verbreitet ist das Gefühl, so gelebt zu haben, wie andere es erwarteten. Also nicht der gewesen zu sein, der man eigentlich ist, auch weil der Mut dazu fehlte.“ Und Ware zitiert eine Patientin mit den Worten: „Ich wünschte, ich hätte mir gestattet, glücklicher zu sein. Was für ein jämmerlicher Mensch ich gewesen bin.“

Auch Beruf und Arbeit sowie Freundschaften und Beziehungen spielen in der Lebensbilanz vieler eine entscheidende Rolle. „Sterbenskranke denken nach über Freundschaften und Beziehungen, die geglückt sind und erfüllt waren, aber auch über Beziehungen, die kaputtgegangen sind. Über nicht gelöste Konflikte oder über Gefühle, die nicht zum Ausdruck gebracht worden sind“, weiß Bolze. Viele ärgerten sich, dass sie in ihrem Leben zu viel gearbeitet und sich zu wenig Zeit genommen haben für die Familie, Freunde und die Freude am Leben.

Für den Sterbebegleiter bleibt angesichts solcher ungelöster Fragen nur eine bescheidene Rolle: „Natürlich kann man vieles nicht mehr nachholen“, räumt Bolze ein. Zumindest könnten die Begleiter aber helfen, kleine Dinge in Ordnung zu bringen: etwa den Kontakt zur Familie oder anderen Menschen herzustellen, Gespräche zu ermöglichen, damit Konflikte beigelegt oder Streitpunkte bereinigt werden können.

Sowohl Bolze als auch Ware sind sich sicher, dass die Arbeit mit Sterbenden auch ihr eigenes Leben verändert hat. Ware beschreibt, dass ihr die Erfahrungen mit den Patienten bei dem schwierigen Lernprozess geholfen hätten, „mir selbst mit Liebe und Freundlichkeit zu begegnen“. Bolze ist sich der Endlichkeit des eigenen Lebens sehr bewusst geworden. „Die Begegnungen mit sterbenden Menschen haben mich nicht nur zum Wissen, sondern zu der Erkenntnis geführt, dass mein Leben auf dieser Welt begrenzt und damit wertvoll ist“, sagt er. Trotz des vielen Leids sei bei ihm auch die Hoffnung gewachsen, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. „Aus dem Leiden, dem Karfreitag, erwächst die Hoffnung auf den Ostersonntag.“

KNA

Rubriklistenbild: © dpa

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