SS-Mann Boere wegen Mordes vor Gericht

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Der ehemaliger SS-Angehoerige Heinrich Boere (88) am Mittwoch vor dem Landgericht in Aachen.

Aachen - In einem der letzten großen NS-Prozesse muss sich der frühere SS-Mann Heinrich Boere seit Mittwoch wegen Mordes vor dem Landgericht Aachen verantworten.

Der heute 88-Jährige soll im Kriegsjahr 1944 drei Zivilisten in den Niederlanden erschossen haben. Die Verteidigung beantragte zum Prozessauftakt, Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß durch einen anderen Ankläger zu ersetzen. Boere fürchte, er werde sonst kein faires Verfahren zu bekommen. Der Prozess wurde ohne Verlesung der Anklage vertagt, da zunächst über den Antrag entschieden werden soll. Verteidiger Gordon Christiansen sagte, Oberstaatsanwalt Maaß habe durch Äußerungen unter anderem in einem TV-Interview den Eindruck erweckt, er sei auf eine Verurteilung Boeres “um jeden Preis“ aus und sei darauf einseitig festgelegt. Überdies gehe es ihm darum, Boere in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Am Rande der Verhandlung sagte Maaß dazu, der Prozess sei nicht in Gefahr - er habe mit Sicherheit nicht zu viel gesagt.

Rechtsradikale stören Prozess

Boere selbst verfolgte die Verhandlung in einem Rollstuhl sitzend und ohne sichtliche Gefühlsregungen. Er war durch Panzerglaswände vom Zuschauerraum abgeschirmt. In den Sitzungspausen wurde der 88-Jährige, der wegen eines Herzleidens nur eingeschränkt belastbar sein soll, medizinisch betreut.

Zum Start des Prozesses gab es am Morgen Tumulte, als zwei Zuschauer den Saal in T-Shirts mit der Aufschrift “Kameradschaft Westwall“ und “Kameradschaft Land“ betraten. Andere Zuschauer reagierten mit “Nazis raus“-Rufen. Nebenklage-Anwalt Detlef Hartmann forderte, niemand dürfe im Gerichtssaal Propaganda für seine Parteilinie machen - und erhielt Applaus aus dem Zuschauerraum. Der Vorsitzende Richter Gerd Nohl betonte dagegen, die Gruppierungen seien nicht verboten. Er sehe keine Möglichkeit zum Handeln.

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Boere war laut Anklage im Jahr 1940 der Waffen-SS beigetreten und später zur “Germanischen SS“ in den Niederlanden abkommandiert worden. Im Kriegsjahr 1944 soll er zusammen mit anderen SS-Männern drei Zivilisten in Breda, Voorschoten und Wassenaar getötet haben. Die Taten sollen Teil völkerrechtswidriger Repressionen gegen die niederländische Bevölkerung gewesen sein. Insgesamt fielen solchen unter dem Tarnnamen “Silbertanne“ ausgeführten Aktionen mindestens 54 Niederländer zum Opfer. Boere floh 1947 aus der Kriegsgefangenschaft nach Eschweiler bei Aachen, wo er als Bergmann arbeitete.

1949 wurde er in Amsterdam in Abwesenheit zum Tode verurteilt, später wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt. Diese hat der ehemalige SS-Sturmmann aber nie verbüßt: Die deutsche Justiz lieferte ihn nicht aus, da er mit Eintritt in die Waffen-SS möglicherweise die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hatte. 1984 wurden die Ermittlungen eingestellt. Auch um den aktuellen Prozess gab es ein langes Tauziehen. Erst Anfang des Monats scheiterte Boere mit einer Verfassungsbeschwerde: Er hielt sich wegen seines Herzleidens für verhandlungsunfähig.

Nebenkläger kritisiert Verteidigung

Der als Nebenkläger auftretende Sohn eines der Opfer, Teun de Groot, kritisierte Boeres Anwälte. “Ich bin verärgert über die Tricks der Verteidigung“, sagte er. Er habe eigentlich ein Statement an Boere richten wollen, das nun sein Anwalt am nächsten Sitzungstag verlesen werde. Er selbst wolle nicht wieder erscheinen. De Groot zeigte sich aber zuversichtlich, dass der Angeklagte seine Strafe erhalten werde.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum begrüßte den Prozess. “Die Anklageerhebung gegen Heinrich Boere ist ein sehr starkes Zeichen dafür, dass der Zeitabstand die Schuld der Täter nicht verringert und dass ein hohes Alter die Mörder von unschuldigen Zivilisten nicht schützen darf“, erklärte Direktor Efraim Zuroff. Boere steht auf Platz Sechs der vom Wiesenthal-Zentrum geführten Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Der Prozess soll nun erst am kommenden Montag fortgesetzt werden.

AP

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