„Nutzen und Schäden abwägen“

Tübinger Ärztin fordert: Schulen offen lassen! - Schließungen nur „ wirklich letzte Option“

Stellvertretend für Kinder- und Jugendärzte in Deutschland fordert eine Tübinger Medizinprofessorin, Kinder nicht zu stark einzuschränken. Schulen sollten offen bleiben, so die Expertin.

Tübingen/Berlin - Während das Infektionsgeschehen in Deutschland aktuell wieder Fahrt aufnimmt, diskutieren Politiker und Mediziner fast ununterbrochen über neue Maßnahmen. Manche fordern sofort einen harten Lockdown - ein Ludwigsburger Klinik-Chef sprach sogar davon, dass es bereits „fünf nach zwölf“ sei (BW24* berichtete). Die Lage ist ernst, mittlerweile müssen zahlreiche Kliniken wegen des Corona-Chaos OP-Termine verschieben*. Angesichts der dramatischen Entwicklungen stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass Schulen und Kindergärten wieder öffnen, obwohl dort tagtäglich so viele Menschen aufeinander treffen? Die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Ingeborg Krägeloh-Mann aus Tübingen, gibt Antworten.

„Im Gegensatz zu Erwachsenen oder Jugendlichen sollte man kleinere Kinder anders bewerten“, fordert die Tübinger Medizinprofessorin im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur (dpa). Die jüngeren Kinder seien wahrscheinlich weniger am Infektionsgeschehen beteiligt „und mehr auf Präsenzunterricht angewiesen“. Nach Erkenntnissen der DGKJ und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie weiterer Experten tragen Kinder und Jugendliche aktuell nicht mehr zum Infektionsgeschehen bei als andere Altersgruppen, so die Expertin.

Wie hoch ist das Risiko einer Corona-Infektion bei Kindern? Experten meinen: niedrig

Bereits seit Ausbruch der Pandemie geht es in der politischen Debatte immer wieder um die Rolle der Kinder als mögliche Infektionstreiber. Eine gemeinsame Studie verschiedener Universitäten aus Baden-Württemberg fand Antworten auf die Frage, wie hoch das Corona-Risiko bei Kindern wirklich ist*. Ähnlich wie andere Studien zu diesem Thema kamen die Experten zu dem Ergebnis, dass gerade jüngere Kinder bei der Übertragung des Coronavirus wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen.

„Schulschließungen sollten wirklich die letzte Option sein“, meint die Tübinger Medizinerin Ingeborg Krägeloh-Mann. Zuvor sollten alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um Kontakte in der gesamten Bevölkerung zu verringern. Die aktuell stärker ansteigenden Zahlen bei den erfassten Corona-Fällen in der Altersgruppe der Kinder gehen laut Krägeloh-Mann auf eine Erhöhung der Testzahl zurück. Dadurch würden im Vergleich zu früher mehr Fälle aus der Dunkelziffer erfasst.

Schulschließungen wegen Corona: Medizinerin rät, Nutzen und Schäden abzuwägen

Die Expertin empfiehlt außerdem, bei den Schulschließungen „Nutzen und Schäden gut abzuwägen“. So hätten Studien gezeigt, dass der Anteil an Kindern mit depressiven Verstimmungen oder psychosomatischen Störungen im Lockdown zugenommen habe. Auch manche Eltern finden, dass die Maßnahmen für die Kinder zu weit gehen. So wehren sich beispielsweise in Baden-Württemberg tausende Eltern gegen die Maskenpflicht bei Kindern*. Sie sehen eine Gefahr für die Entwicklung der Kinder, da sie zum Teil nicht gut atmen könnten - und zudem die Mimik anderer nicht mehr richtig deuten und einordnen könnten. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa

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