Schockierende Bilder zeugen vom Mord an Michelle (8)

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Der Angeklagte Daniel V.

Leipzig - Zu Beginn des Prozesses um den Mord an der achtjährigen Michelle aus Leipzig hat die Staatsanwaltschaft am Montag erstmals das Martyrium des Kindes in Einzelheiten geschildert.

Als der Rechtsmediziner im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der achtjährigen Michelle mit seinen Ausführungen beginnt, breitet sich entsetztes Schweigen im Landgericht Leipzig aus. Carsten Hädrich zeigt per Videobeamer schockierende Fotos: die tote Michelle im Wasser eines Ententeichs, die verkrümmte Leiche vor der Obduktion, das nackte Kind auf dem Seziertisch. Zwei Frauen im Publikum brechen in Tränen aus. Üblicherweise werden solche Bilder nicht in aller Öffentlichkeit gezeigt. Gleichwohl ist es erlaubt. Daniel V. , der mutmaßliche Mörder der Achtjährigen, schaut nicht hin. Der stämmige 19-Jährige blickt meist nach unten, wischt sich ab und an fahrig mit den Fingern übers Gesicht.

Der junge Mann hat am Montag im Gerichtssaal ein Geständnis abgelegt. Die Prozessbeobachter wurden dabei auf Antrag seines Verteidigers Malte Heise ausgeschlossen. Es würden schutzwürdige Interessen des Heranwachsenden berührt, begründete Heise den Antrag. Dabei gibt Daniel V. gar nicht viel von seiner Persönlichkeit preis. Er lässt Heise lediglich eine Erklärung verlesen. Fragen dazu beantwortet er nicht. Immerhin: Er habe “sämtliche Anklagepunkte bestätigt“, sagt Gerichtssprecher Hans Jagenlauf. Daniel V. bestreitet lediglich, dass er von Anfang an Mordabsichten gehegt habe.

Anklagevertreter Klaus-Dieter Müller wirft dem 19-Jährigen Mord, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und gefährliche Körperverletzung vor. Nach Überzeugung Müllers plante Daniel V. die Tat von langer Hand. Er wollte Michelle sexuell missbrauchen. Vor fast genau einem Jahr, am 18. August 2008, lauerte er dem Mädchen im Leipziger Südosten auf dem Weg vom Hort nach Hause auf. “Das Kind kannte den Angeklagten und folgte ihm arglos in die Wohnung“, sagt Müller.

Welches Martyrium Michelle dann in der Wohnung des 19-Jährigen erlitt, geht aus der Anklage, dem Geständnis und den Schilderungen des Rechtsmediziners übereinstimmend hervor: Der Auszubildende hantierte mit Klebeband, das Kind wurde misstrauisch und wollte fliehen. Der kräftige Kerl packte Michelle am Hals , zerrte sie zurück, würgte sie, setzte sich auf ihre Brust. Eine Rippe bricht. Mit einem Trichter flößte er dem Kind Alkohol ein, um es gefügig zu machen. Dabei schlägt er ihm mehrere Zähne aus. Die Obduktion ergibt einen Wert von 0,83 Promille. Dann vergeht er sich an dem Kind. Michelle, so sagt es Rechtsmediziner Hädrich, war da wahrscheinlich schon tot.

Nach Darstellung von Anwalt Heise hat Daniel V. “erhebliche Reifedefizite“. “Er ist ein zurückgebliebener Teenager. Er muss noch bemuttert werden“, sagt er. Daniel V. selbst berichtet von einer wenig glücklichen Kindheit. Geboren als “ungewolltes Kind“ wächst er allein bei seiner Mutter auf. Er ist ein Außenseiter, versucht sich im Sport: Hockey, Schwimmen und Volkstanz. “Ich hatte in den ganzen Jahren keinen richtigen Freund, da ich sehr oft gehänselt wurde.“ Eine Freundin hatte der zur Tatzeit 18-Jährige nie. Er bittet Michelles Familie um Entschuldigung, weil er ihr “so einen großen Schmerz zugefügt“ hat.

Offen ist, ob Daniel V. nach Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht bestraft wird. Anwalt Heise und die Juristin Ina Alexandra Tust, die Michelles Eltern vor Gericht vertritt, gehen von Letzterem aus. “Er sitzt da wie ein großer Junge, guckt immer nach unten“, sagt Tust. “Da sehe ich schon Reifemängel.“

Michelles Eltern, die nach dem Verbrechen mit ihren beiden Söhnen aus Leipzig wegzogen sind, verfolgen den Prozess nicht im Gerichtssaal. So bleiben ihnen die drastischen Fotos des Rechtsmediziners Hädrich erspart. Tust nennt die Darstellung auf der Videoleinwand “ein zweischneidiges Schwert.“ “Normalerweise werden solche Bilder am Richtertisch angeschaut. Dann ist die Öffentlichkeit aber auch oft unzufrieden. Sie in einer Powerpoint-Präsentation zu zeigen, wirkt natürlich schockierend“, sagt sie. “Nach meiner Erfahrung“, fügt die Anwältin an, “hat das häufig auch Einfluss auf die Strafzumessung.“

dpa

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