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Rückenschmerzen und Psyche: Wieso bei Stress die Muskeln verspannen – und was dagegen hilft

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Von: Carolin Gehrmann

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Rückenschmerzen gehen oft auf seelische Belastung zurück, erklärt ein Experte. Doch die psychischen Ursachen würden zu selten gesehen. Was Betroffene tun können, um den gefürchteten „Hexenschuss“ zu verhindern.

Bremen – Rückenschmerzen sind ein weitverbreitetes Leiden. In einer Befragung des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2021 gaben 61,3 Prozent der Befragten an, in den letzten zwölf Monaten unter Rückenschmerzen gelitten zu haben. Das sind knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland. Schmerzen des unteren Rückens (52,9 Prozent) sind dabei etwa doppelt so häufig wie Schmerzen des oberen Rückens (27,4 Prozent). 45,7 Prozent berichteten von Nackenschmerzen. Doch woran liegt es, dass der Rücken so oft Probleme verursacht? Einen großen Anteil daran trägt auch unsere Psyche, davon ist der Kölner Orthopäde Peer Eysel überzeugt.

Rückenschmerzen: Stress führt dazu, dass einzelne Muskeln verspannen können – auch im Rücken

Denn bei Stress seien Menschen allgemein stärker angespannt, wie der Experte im Gespräch mit dem Spiegel erklärt. Und das führe eben manchmal dazu, dass sich einzelne Muskeln verspannen. Der Rücken sei dafür besonders anfällig, weil er nicht nur aus einem Muskel bestehe, den man bewusst wieder entspannen könne, sondern aus vielen einzelnen. Diese unterschiedlichen Muskeln hätten darüber hinaus sehr viele Zugänge von den Spinalnerven, weshalb sie mitunter „antagonistisch“, also gegensätzlich arbeiten und verspannen könnten. Die Folge davon ist dann ein überaus schmerzhafter sogenannter Hexenschuss.

 Eine Frau liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht im Bett und fasst sich an den Rücken
Bei seelischer Belastung verspannen sich die Muskeln. Das kann Rückenschmerzen zur Folge haben. © Antonio Guillem/IMAGO

Es gibt eine Verbindung zwischen seelischem Druck und Rückenschmerzen

„Es gibt eine Verbindung zwischen seelischem Druck und organischen Leiden wie Schmerzen in Nacken, Schulter oder Lende“, sagt Eysel. Denn seelischer Druck könne zu Kontraktionen des Muskelgewebes führen. Dieses sei vielen Patienten aber oftmals nicht bewusst. Die seelischen Faktoren würden oft übersehen, stattdessen werde nach einer organischen Ursache als Erklärung gesucht, wie zu schweres Heben oder ausgiebige Gartenarbeit am Tag zuvor.

Veränderungen der Wirbelsäule sind ab einem gewissen Alter „so normal wie Falten auf der Haut“

Diese Denkweise würde laut Eysel von vielen Ärzten noch verstärkt, indem sie auf Röntgenbildern oder im Kernspintomogramm auf Veränderungen der Wirbelsäule durch Verschleiß hinwiesen und diese für die Schmerzen verantwortlich machten. Diese Veränderungen seien ab einem gewissen Alter jedoch „so normal wie Falten auf der Haut“ und fast immer harmlos.

Durch Vermeidungshaltung kann der Rückenschmerz chronisch werden

Das Fatale daran: Viele Menschen begäben sich dann in eine Vermeidungshaltung, wodurch der Schmerz im schlimmsten Fall jedoch chronisch werden kann. Manche Patienten richteten sich sogar regelrecht in der Rolle des Rückenpatienten ein, wie er beschreibt. Der oder die Betroffene erhalte durch das körperliche Leiden besondere Zuwendung, wie Krankengymnastik oder eine Krankschreibung, die oft als eine Art Belohnung empfunden würde.

Rückenschmerzen sollte man möglichst aktiv begegnen – mit Schmerzmitteln und Bewegung

Den Gang zum Arzt sollte man bei starken Rückenschmerzen aber dennoch antreten, vor allem, um eine ernsthafte Erkrankung, die nur äußerst selten vorliege, auszuschließen. Danach solle man vor allem selbst gegen die Schmerzen aktiv werden, rät er. Im Akutfall sei es am besten, Schmerzmittel einzunehmen – aber nur kurzfristig, nicht dauerhaft, wie er betont. Das Wichtigste aber sei Bewegung: „Egal was, Hauptsache man macht es gern: Joggen, Schwimmen, Fahrradfahren, Trainieren im Fitnessstudio, Übungen für den Rücken.“ Außerdem sei es gut, auf sein Körpergewicht zu achten, da ein eher geringes Gewicht auf lange Sicht Rückenschmerzen vorbeugen könnte.

Und für die Psyche? „Nach einem stressigen Tag kann man sich 20 Minuten hinlegen und autogenes Training sowie progressive Muskelentspannung machen“, empfiehlt der Rückenspezialist. „Dabei spannt man Muskeln gezielt in einer bestimmten Reihenfolge an und lockert sie wieder. Das tut Körper und Seele gleichermaßen gut“. Wenn die seelische Belastung so groß ist, dass man eine Depression oder ein Burnout entwickelt, hilft allerdings nur eine Psychotherapie.

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