"Heimtückischer Mord"

NS-Prozess:  Lebenslänglich für 92-Jährigen?

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Siert B. hat vor fast 70 Jahren laut der Anklage einen heimtückischen Mord begangen.

Hagen - Im Hagener Prozess um einen NS-Mord 1944 in den Niederlanden hat die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft für den 92-jährigen Angeklagten Siert B. gefordert.

Das frühere Mitglied der Waffen-SS habe sich des heimtückischen Mordes an dem holländischen Widerstandskämpfer Aldert Klaas Dijkema schuldig gemacht, sagte der Dortmunder Oberstaatsanwalt Andreas Brendel nach Gerichtsangaben am Donnerstag in seinem Plädoyer. Das Urteil gegen den mutmaßlichen NS-Täter will das Gericht am 8. Januar verkünden.

Der gebürtige Niederländer B. muss sich seit Anfang September wegen des fast 70 Jahre zurückliegenden Mordes vor dem Hagener Landgericht verantworten. Das Opfer Dijkema gehörte im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand gegen die damalige deutsche Besatzung in den Niederlanden an. Dijkema war kurz vor der im niederländischen Appingedam verübten Bluttat vom SS-Sicherheitsdienst (SD) festgenommen worden. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatten B. und ein mittlerweile gestorbener SS-Mann den Befehl erhalten, Dijkema zu erschießen.

Dem Anklagevetreter zufolge soll einer der beiden SS-Leute den niederländischen Widerstandskämpfer dann in der Nacht vom 21. zum 22. September 1944 mit mindestens drei Schüssen auf einer Straße getötet haben. Zuvor hätten sie das spätere Opfer mit einem Wagen zum Tatort gefahren.

Zwar stehe nicht sicher fest, dass B. selbst geschossen habe, sagte der Oberstaatsanwalt den Angaben zufolge. Der heute 92-Jährige habe aber den Tod des Widerstandskämpfers ebenso wie der zweite SS-Mann gewollt und die Erschießung jedenfalls mit ermöglicht. Damit sei er zumindest Mittäter bei dem Mord gewesen.

B. hatte zur Tatzeit dem deutschen Grenz- und Sicherheitspolizeiposten im niederländischen Delfzijl angehört. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich nach Deutschland ab. Das erste Ermittlungsverfahren gegen B. in Deutschland wegen des Mordes an Dijkema war 1978 eingestellt worden. Damals war die deutsche Justiz der Auffassung, dass es sich bei Erschießungen von Widerstandskämpfern durch die NS-Besatzer nicht um Morde aus Heimtücke handelte. Denn das Mordmerkmal der Heimtücke setzt die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers voraus.

Die Rechtsprechung änderte sich jedoch zuletzt: 2010 verurteilte das Aachener Landgericht den damals 88-jährigen Heinrich Boere zu lebenslanger Haft. Die Richter sprachen den ehemaligen Bergmann der Tötung von drei niederländischen Zivilisten 1944 schuldig. Das Urteil erging wegen heimtückischen Mordes.

Auch in dem Hagener Verfahren plädierte der Oberstaatsanwalt auf Mord aus Heimtücke. Es sei davon auszugehen, dass Dijkema arglos war, als der Angeklagte und sein Mittäter ihn in der Tatnacht in einem Auto wegfuhren. Dijkema habe nicht damit rechnen müssen, ohne Verfahren nachts auf der Straße erschossen zu werden.

Derweil berichtete die "Neue Osnabrücker Zeitung" (Freitagsausgabe), dass bereits im Oktober einer der 30 mutmaßlichen NS-Verbrecher gestorben ist, gegen die derzeit Ermittlungen bei bundesweit 20 Staatsanwaltschaften laufen. Dem in einem Osnabrücker Hospiz gestorbenen Mann sei Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vorgeworfen worden.

afp

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