Diskussion um Indikator

Hospitalisierungsrate: Neuer Corona-Leitwert könnte auf falschen Zahlen beruhen

Zu sehen ist ein Schild, auf dem „Hospitalisierung“ steht. Zudem ist eine Krankenhaus-Mitarbeiterin zu sehen, die Schutzkleidung trägt mitsamt Mundschutz und das Zimmer eines Corona-Patienten verlässt.
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Die Hospitalisierungsrate als Corona-Leitindikator für Pandemie- Entscheidungen steht in der Kritik. Laut Medienberichten seien die Zahlen über die Corona-Patienten in den Krankenhäusern schlichtweg falsch. (kreiszeitung.de-Montage)

Die Hospitalisierungsrate ist der neue Leitindikator für Corona-Entscheidungen. Doch sind die Zahlen womöglich falsch respektive veraltet? Die Hintergründe.

Berlin – Seit rund 18 Monaten bestimmt das Coronavirus den Alltag. Um die Pandemie unter Kontrolle zu halten, wurde und wird bundesweit mit Beschränkungen, Maßnahmen und Regeln reagiert. Mittlerweile hat sich die vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte Hospitalisierungsrate als neues Leitindikator etabliert. Auf Basis dieser Werte werden politische Entscheidungen gefällt. Doch laut einer NDR-Analyse wird die Corona-Lage in den Krankenhäusern enorm unterschätzt.

Behörde:Robert Koch-Institut
Hauptsitz: Berlin
Gründung:1. Juli 1891
Staatliche Ebene:Bund
Stellung:selbstständige Bundesoberbehörde
Aufsichtsbehörde:Bundesministerium für Gesundheit
Bedienstete:1100, davon rund 450 Wissenschaftler, einschließlich Doktoranden und Trainees
Behördenleitung:Präsident: Lothar H. Wieler; Vizepräsident: Lars Schaade

Hospitalisierungsrate gibt angeblich verzerrte Zahlen wieder – neuer Corona-Leitindikator wird infrage gestellt

Anstelle der bundesweiten Neuinfektionen ist die Hospitalisierungsrate an die erste Stelle gerückt. Nach ihr werden Entscheidungen im Rahmen der Corona-Pandemie getroffen. Doch berichtet der NDR, dass die konkrete Situation auf den Intensivstationen der Krankenhäuser nicht korrekt abgebildet wird. Die Hospitalisierungsrate sei deswegen „immer weniger belastbar“.

Zur Einordnung: der angesprochene Wert wird täglich vom Robert Koch-Institut in Berlin veröffentlicht. Doch sei die Hospitalisierungsrate nur noch halb so groß wie ihr tatsächlicher Wert. Beispielhaft wird Mittwoch, der 8. September 2021, genannt. Von diesem Datum ausgehend verzeichnete das RKI für die letzten sieben Tage 1,8 Neuaufnahmen wegen einer Corona-Infektion pro 100.00 Einwohner. Der tatsächliche Wert habe jedoch bei 3,6 gelegen.

Neue Basis für Corona-Entscheidungen: Politik greift auf Zahl der Corona-Aufnahmen in Krankenhäusern zurück

Wie aber ist das möglich? Erklärt wird diese große Diskrepanz mit Tausenden an Krankenhausaufnahmen, die erst nach und nach erfasst würden. Laut dem NDR dauert es bundesweit nunmehr 21 Tage, bis die Corona-bedingten Neuaufnahmen in den Krankenhäusern durch Nachmeldungen zu immerhin 95 Prozent erfasst werden.

Was drückt die Hospitalisierungsrate aus?

Mit der Hospitalisierungsrate wird die Zahl der Corona-Neuaufnahmen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner abgebildet. Konkretes Beispiel: Liegt die Hospitalisierungsrate bei zwei, sind zwei von 100.000 Personen binnen sieben Tagen „mit“ oder „wegen“ Corona in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Seit Mitte September 2021 wird auf dieses zahlen basierte Instrument zurückgegriffen, um eine Bewertung der jeweils gegenwärtigen Pandemie-Situation vorzunehmen.

Gemäß den Ausführungen vom NDR wird der neue Corona-Leitindikator seit drei Monaten zunehmend stärker unterschätzt. In diesem Kontext heißt es wie folgt: „Ende Juni zeigte die aktuelle Hospitalisierungsrate noch etwa zwei Drittel des endgültigen Wertes an, jetzt nur noch die Hälfte – zeitweise auch schon weniger“.

Hospitalisierungsrate vom Robert Koch-Institut (RKI) wird nicht zwingend von Bundesländern für Corona-Entscheidungen benutzt

Dementsprechend besteht die Befürchtung, dass mit steigenden Fallzahlen einer vierten Coronawelle im Herbst/Winter der Grad an Unterschätzung noch weiter zunehmen könnte. In ähnlicher Hinsicht hatte bereits Christian Drosten gewarnt. Der Virologe der Berliner Charité verweist auf trügerische Zahlen hinsichtlich der bundesweiten Impfquote, die nicht ausreichen würde, um die Pandemie bis zum Jahresende schadlos zu überstehen.

Doch zurück zur Hospitalisierungsrate, die vom RKI täglich für Bund und Länder veröffentlicht wird. Ob die Bundesländer auf diese Zahlen zurückgreifen oder nicht, ist der jeweiligen Landesregierung selbst überlassen. Selbiges gilt für die Festsetzung von Schwellenwerten, nach denen Corona-Maßnahmen greifen. Ein Beispiel hierfür ist die ab 1. Oktober geltende, neue Corona-Verordnung in Bremen.

Generell trifft jedes Bundesland seine Corona-Entscheidungen autonom. Ähnliches ist für die Hospitalisierungsrate festzuhalten. Schleswig-Holstein etwa greift auf die vom RKI veröffentlichten Zahlen zurück. Demgegenüber steht beispielsweise Niedersachsen, dass die entsprechenden Krankenhausdaten komplett selbst erhebt.

Kann die Hospitalisierungsrate weder Pandemie-Ist-Zustand noch den aktuellen Corona-Trend abbilden?

Ein Extrembeispiel würde nach NDR-Recherchen Hamburg darstellen. Die dort gemeldete Hospitalisierungsrate würde den tatsächlichen Wert so stark unterschätzen, dass dieser letztendlich vier- bis fünfmal so hoch sei wie offiziell angegeben. In einem Stadtstaat wie Hamburg würde es gar einen Monat dauern, bis alle Nachmeldungen registriert sind. Einen Ist-Zustand sowie einen aktuellen Corona-Trend könnte die Hospitalisierungsrate somit nicht wiedergeben.

Wie viele Menschen in Deutschland mussten aufgrund von Corona bereits intensivmedizinisch behandelt werden?

Das Online-Portal „Statista“ erfasst Daten zu dieser Thematik seit Ende März 2020, sie reichen bis zum 30. September 2021. Für dieses konkrete Datum hat das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bundesweit 1357 Corona-Patienten ermittelt, die sich in intensivmedizinischer Betreuung befinden. Insgesamt beläuft sich die immer wieder ansteigende Zahl der Corona-Infektionen bundesweit auf mehr als 4,2 Millionen Fälle. Weltweit ist gar die Rede von mehr als 234 Millionen Corona-Infektionen – die Zahl der Todesopfer beläuft sich auf mehr als 4,7 Millionen Menschen (Stand aller Daten: 30. September 2021).

Konkret werden Trendveränderungen wie zunehmende Klinikaufnahmen erst mit einer Verzögerung von Tagen oder Wochen erfasst – ausgehend von den NDR-Analysen, welche die Hospitalisierungsrate infrage stellen. Aktuelle Zahlen könnten sogar vortäuschen, dass sich die Corona-Situation entspannt, obwohl sie sich tatsächlich verschlechtert.

Nowcasting-Methode als Alternative zur Datenerhebung vom Robert Koch-Institut – Forderung nach Gegenwartsvorhersage

Wie kann dieses Problem gelöst werden? Niedersachsen zeigt, dass nicht blind auf die RKI-Daten vertraut werden muss. Das nördliche Bundesland fasst die Angaben der Kliniken zu Corona-Neuaufnahmen ohne Umwege und Abbiegungen über die Gesundheitsämter in einem digitalen Meldesystem zusammen. Die Lösung heißt in diesem Fall „Ivena“. Bereits am Folgetag steht hier der endgültige Wert für die gesundheitliche Belastung durch Corona fest.

Laut Helmut Küchenhoff, Statistik-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist der Meldeverzug sowohl für Bund als auch für Länder „statistisch korrigierbar“. Seine vergleichsweise simple Rechnung: die aktuellen Werte des Hospitalisierungsrate müssten schlicht um die zuletzt beobachtete Unterschätzung nach oben korrigiert werden.

Was ist das „Nowcasting“-Verfahren?

Mit der Bezeichnung „Nowcasting“ oder auch Gegenwartsvorhersage ist eine statistische Vorhersagemethode gemeint, die in der Meteorologie, aber auch in anderen wissenschaftlichen Bereichen verwendet wird. Diese Methode bezieht sich auf die Vorhersage eines gegenwärtigen Zustandes auf Basis zurückliegender, nicht aktueller oder vollständiger Daten. Auf dem Gebiet der Epidemiologie wird „Nowcasting“ für die Schätzung der aktuellen Infektionszahlen benutzt. Hierbei werden beispielsweise Diagnose- und Meldeverzug berücksichtigt.

Ein Verfahren, das als „Nowcast“ bezeichnet wird – und das statistisch gut beherrschbar sei. Das RKI würde bereits auf dieses Verfahren zurückgreifen, um die Sieben-Tage-Inzidenz der bundesweiten Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zu ermitteln.

Die Forderung Küchenhoffs: „Das Robert Koch-Institut sollte für die Hospitalisierungsinzidenzen der Bundesländer ebenfalls einen Nowcast veröffentlichen“. Doch bringt diese Methode auch einen Nachteil mit sich. Denn die aktuellen Zahlen sind in diesem Fall nur statistische Schätzungen.

Ungleiche Daten in den nördlichen Bundesländern: Verschiedene Methoden zur Ermittlung der Hospitalisierungsinzidenz

Ungeachtet der NDR-Analyse, der zufolge die Hospitalisierungsinzidenz nur verzerrte Werte abbildet, besteht ein weiteres Problem: die Werte aus den verschiedenen Bundesländern lassen sich kaum miteinander vergleichen. Das wird allein durch einen Blick auf den Norden Deutschlands deutlich.

Wie bereits skizziert, obliegt es der jeweiligen Landesregierung, Corona-Entscheidungen eigenständig zu treffen. Diese erfolgen auf Basis der Hospitalisierungsrate, die je nach Bundesland durch unterschiedliche Methoden ermittelt wird. Niedersachsens Krankenhäuser fahren in dieser Hinsicht zweigleisig. Neben der „Ivena“-Option werden die Daten der neu eingewiesenen Corona-Fälle über den offiziellen RKI-Meldeweg verschickt. Hier wird teilweise sogar noch auf das Faxgerät zurückgegriffen.

Während Schleswig-Holstein vollends auf die RKI-Hospitalisierungszahlen setzt – andere Berechnungsvarianten seien hinreichend ausprobiert worden – haben die RKI-Werte für Hamburg keine größere Bedeutung. Denn „die Hospitalisierungs-Inzidenz sagt uns nicht, welche Belastung das Gesundheitssystem gerade erfährt“, wird Martin Helfrich von der Hamburger Sozialbehörde vom NDR zitiert.

Bundesländer sind sich einig: Hospitalisierungs-Inzidenz darf nicht alleiniger Faktor zur Bewertung der Corona-Lage sein

Mecklenburg-Vorpommern wiederum nutzt, so wie auch Niedersachsen und Bremen, den Tag des Hospitalisierung für die Berechnung der entsprechenden Inzidenz. Denn aus Sicht des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGuS) stellt „das Hospitalisierungsdatum den Referenzwert dar, der die Realität möglichst genau abbildet“.

Bei all diesen unterschiedlichen Ansätzen sind sich die Bundesländer jedoch in einem Punkt einig: Nur allein auf die Hospitalisierungs-Inzidenz zu setzen, um die gegenwärtige Corona-Situation realitätsgetreu abzubilden, reicht nicht aus.

Deswegen veröffentlichen alle fünf nördlichen Bundesländer ausnahmslos weiterhin die ehemaligen Corona-Leitindikatoren, um ein Gesamtbild zu skizzieren. Das letzte Wort scheint in dieser Angelegenheit also noch nicht gesprochen worden zu sein. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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