Prozess

Missbrauch in Großfamilie: Schreckliche Details

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Am Landgericht Itzehoe wird der Fall verhandelt

Itzehoe - Im Prozess um sexuellen Missbrauch in einer Großfamilie in Schleswig-Holstein kamen am Donnerstag schlimme Details ans Licht. Die Staatsanwaltschaft fordert neun Jahre Haft für den Vater.

„Schon die Vorstellung, was dort im Haus vorgefallen ist - mein Kind wird dort nie hinkommen.“ Die junge Frau mit der Bob-Frisur, die auf dem Zeugenstuhl des Landgerichts Itzehoe in Schleswig-Holstein sitzt, ist so offensichtlich erschüttert, dass sie kaum einen ganzen Satz mehr rauskriegt. Dann geht ein Ruck durch den zierlichen Körper: „Ich möchte nicht einmal, dass meine Mutter meinen Sohn auch nur anfasst“, sagt die 22-Jährige mit harter Stimme.

Warum die 22-Jährige so erbost ist? Ihre Mutter hat doch nichts getan, oder? Doch genau dieses Nichtstun erbittert die junge Frau. Ihr Vater und zwei ihrer Brüder haben nach den Vorwürfen in diesem Prozessüber Jahre drei ihrer Schwestern sexuell missbraucht.

Am Donnerstag forderte die Staatsanwaltschaft neuneinhalb Jahr Haft für den zehnfachen Vater aus Dithmarschen. Für den 18 Jahre alten Sohn beantragte die Anklagebehörde eine zweijährige Jugendstrafe auf Bewährung. Gegen den anderen Sohn wird getrennt verhandelt.

Die kleinen Mädchen hatten nach Aussagen der Zeugen vergeblich bei der eigenen Mutter Hilfe gesucht. Schlimmer noch: Vor zweieinhalb Wochen habe die Mutter die Tochter angerufen und verlangt, die Polizei zu belügen, erzählt die 22-Jährige.

Dabei ging es um ein pinkfarbenes Tagebuch mit einer niedlichen Didl-Maus auf dem Umschlag. Ihre heute 17 Jahre alte Schwester hatte darin auf fünf Seiten einige ihrer schlimmen Erlebnisse geschildert. Die Mutter hatte das Büchlein der Tochter zufolge Tage vor der Festnahme des Familienvaters gefunden. Spätestens dann hatte sie von den Vorwürfen gegen den 48-Jährigen gewusst. Der Polizei erzählte sie jedoch, das Tagebuch erst nach der Verhaftung ihres Mannes gefunden zu haben. „Tu mir den Gefallen und sag das nicht“, habe die Mutter verlangt.

„Ich habe nie mitbekommen, dass meine Schwestern vergewaltigt wurden: Dann hätte ich sie sofort rausgeholt“, sagt die junge Frau. Und schildert dem Gericht Szenen aus dem Haus in Weddingstedt, in dem sie alle einmal gewohnt hatten. Dort habe es zwei Bäder gegeben: „Eins war das Jungs-Klo, das andere war für die Mädchen“, sagt sie. Anfangs konnte man die Türen abschließen, doch „irgendwann war der Schlüssel weg“.

Sie berichtet auch, was ihre Schwestern ihr angeblich später erzählt haben: Zum Beispiel vom Papa, der nachts plötzlich halb nackt in Boxershorts vor einem Mädchenbett gestanden habe. Oder vom Papa, der die anderen Kinder aus dem Wohnzimmer geschickt habe, um mit einer seiner Töchter allein zu sein. „Man kann sich sowas einfach nicht vorstellen“, sagt sie.

Auch ihr Schwiegervater (46) merkte nach eigenen Angaben nichts. Manchmal habe er ein ungutes Bauchgefühl gehabt, erinnert sich der 46-Jährige. Zum Beispiel, als er Zeuge eines Streits der Eltern wurde: Das Thema sei gewesen, ob der Papa eines der Mädchen „angefasst“ habe. Das sei von der Mutter letztendlich als „Mädchenstreich “ abgetan worden.

Solche Streitereien habe es immer wieder einmal gegeben, und immer wieder habe die Mutter gedroht, ihren Mann zu verlassen, falls er sich tatsächlich an einer Tochter vergangen habe, sagen Zeugen im Laufe dieses Verfahrens. Doch letztendlich hätten sich die Eltern immer wieder vertragen. Damit wurden die Opfer des Vaters wohl auch zu Opfern der Mutter. Die habe einfach behauptet, dass ihre Tochter psychisch krank sei, erinnert sich eine Freundin der 17-Jährigen.

Die Zeugin ist gerade 16 Jahre alt geworden und war Anfang 2010 eine Weile mit dem Bruder der 17-Jährigen befreundet. „Wir waren zusammen“, sagt sie und blickt kurz zur Anklagebank hinüber. Dort rutscht ihr Ex-Freund nervös hin und her. Sie habe ihn damals fast täglich besucht, sagt sie. Und auch den Vater kennengelernt. „Der war immer nett und freundlich zu mir.“ Oft habe sie an den Wochenenden bei ihrem Freund übernachtet. Meist sei die 17-Jährige zu ihnen aufs Zimmer gekommen. Damals habe sie sich darüber gewundert. Heute denke sie, dass ihre Freundin Schutz suchte vor den Sex-Attacken des Vaters.

Und sie wisse, so erzählt sie, dass ihr Freund - er ist heute ihr Ex-Freund - sich damals ebenfalls an der 17-Jährigen vergangen habe. Der hat das mittlerweile vor Gericht auch zugegeben. Am Ende der Befragung kann die 16-Jährige ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Vor zwei Jahren habe ihre Freundin ihr erzählt, dass der Vater „es mit ihr gemacht“ habe: „Ich wollte mit ihr zur Polizei gehen, aber sie wollte nicht. Und ich konnte sie doch nicht hin prügeln.“

So dauerte das Martyrium der drei Schwestern den Ermittlungen zufolge noch weitere Monate, bis die Kripo Anfang Dezember 2011 eingriff. Die Beamten verhafteten den Vater und seinen 18-jährigen Sohn. Für die bis dahin offenbar ahnungslosen anderen Kinder ein Schock: „Was war da los, was habt ihr mit den Mädchen gemacht?“, schrie eine der Schwestern laut und fast hysterisch ihren heute 16 Jahre alten Bruder an, bis dieser schließlich zurück brüllte: Er habe sich an seiner achtjährigen Schwester vergangen.

Die Mutter habe auch da noch immer versucht, alles zu bagatellisieren, sagte ein Rettungssanitäter als Zeuge. Das seien doch nur „Doktorspiele“ pubertierender Kinder gewesen, wiederholte sie immer wieder.

Nach Überzeugung von Prozessbeteiligten kam in dem Verfahren nur „die Spitze des Eisbergs“ zur Sprache. Das Urteil soll am 27. August verkündet werden.

dpa

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