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Long Covid nach Omikron – Expertin warnt: „20-Jährige kommen die Treppe nicht hoch“

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Von: Jennifer Köllen

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Eine junge Frau bedeckt ihr Gesicht mit einem Handtuch
Long Covid kann man auch nach Omikron bekommen. Betroffene, darunter viele Junge, sind sehr müde, kommen die Treppe nicht mehr rauf. © Imago

Long Covid kann uns auch nach einer Infektion mit Omikron treffen. Expertin Dr. Jördis Frommhold: „Schockierende Beispiele müssen Menschen wachrütteln.“

Heiligendamm – Ja, auch nach Omikron kann man Long Covid bekommen. Und ja, auch junge Menschen, die Gefahr an Corona-Langzeitfolgen zu erkranken, noch zu häufig unterschätzen.

Alle reden gerade von ihren Corona-Infektionen. „Hattest du auch so hohes Fieber bei Omikron BA.5?“ Doch die Menschen mit Long Covid bleiben oft still. Aus einem einfachen Grund: Sie sind zu kaputt, um sich mit Freunden zu treffen, um über ihre Langzeitfolgen zu reden. Und so wird viel zu wenig darüber gesprochen – und auch berichtet – dass über eine Million Menschen in Deutschland unter Long Covid leiden. Und es werden immer mehr.

Gefahren von Long Covid weiter unterschätzt: Expertin Frommhold warnt – Corona-Langzeitfolgen die „neue Volkskrankheit“

Eine Frau, die seit über zwei Jahren unermüdlich dafür kämpft, dass die „neue Volkskrankheit Long Covid“ ernst genommen wird, ist Dr. Jördis Frommhold, die deutsche Expertin auf dem Gebiet. Frommhold hat einen Soldaten gesehen, der die Treppe nicht mehr hochkommt. Ein Model, dem die Haare ausfallen. Und „20-Jährige, die nicht mehr aus dem Bett kommen“, nicht zur Arbeit oder Uni gehen können – von Partys ganz zu schweigen.

Frommhold warnt auch junge Menschen davor, Long Covid zu unterschätzen. Besonders, weil eine neue Studie festgestellt halt: Bei einer Reinfektion mit Corona verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit für Long Covid.

Long Covid auch nach Omikron – Expertin: „20-Jährige kommen die Treppe nicht hoch“

Long Covid, das kriege man doch eh nicht, denken viele. Vor allem jetzt, nach Omikron, der milderen Corona-Variante. Das ist falsch.

Zu der Chefärztin für Lungenkrankheiten in der Median Klinik in Heiligendamm kommen auch nach Omikron viele Betroffene, erzählt Jördis Frommhold im Interview mit IPPEN MEDIA. „Die hatten häufig zwar einen leichten Corona-Verlauf, leiden jetzt aber unter den Langzeitfolgen“, sagt Frommhold. „Bei jungen Menschen ist es nach Omikron häufig so: Die schleppen sich zur Arbeit, das geht irgendwie noch. Ihre Pflichten schaffen sie noch, aber den Rest des Tages schlafen sie dann zu Hause. Aber als 20-Jähriger hat man ja noch anderes vor, als nur zu arbeiten.“

Zu den neuen Fällen kommen noch die alten. Denn gegen Long Covid gibt es nach wie vor kein Medikament. Man kann nur die Symptome von Long Covid behandeln. Eine lange Liste von Long-Covid-Symptomen, die mittlerweile 62 Anzeichen für mögliche Corona-Langzeitfolgen umfasst.

Long Covid: Expertin Jördis Frommhold über Corona-Langzeitfolgen – „in Zukunft viele Ausfälle im Berufsleben“

Die Long Covid-Fälle würden nicht weniger, im Gegenteil. „Es werden immer mehr.“ Frommhold übt Kritik an den Corona-Plänen der Politiker, sagt, dass Langzeitfolgen derzeit keine große Rolle spielen. „Doch in Zukunft werden wir viele Ausfälle im Berufsleben wegen Long Covid haben. Damit muss man planen. Hunderttausende Menschen sind betroffen. Und es werden immer mehr.“

Um die Menschen wachzurütteln, müsse man auch mal schockierende Beispiele bringen. „Etwa so: ‚Diese junge Frau ist 22 und kommt nicht mehr aus dem Bett. Sie muss ihr komplettes Leben auf absehbare Zeit umstellen, nichts ist mehr so wie vorher.‘ Es gibt viele traurige Beispiele bei Long Covid“, sagt Frommhold. „Auch nach Omikron. Das ist schon schockierend – und die Menschen werden vielleicht wieder vorsichtiger, wenn sie das mitbekommen.“

Jördis Frommhold und eine „Long Covid“-Patientin bei der Digitalen Therapie mit einem Ergotherapeuten.
Eine junge Long Covid-Betroffene trainiert mit einem Ergotherapeuten. Expertin Jördis Frommhold: „Auch nach Omikron haben viele Junge Langzeitfolgen.“ © Jörg Carstensen/Bernd Wüstneck/dpa/Montage

Expertin warnt: „Es werden sehr viele Menschen Long Covid bekommen“

Dass laut einer Studie nur halb so viele Menschen nach einer Corona-Infektion mit der Subvariante Omikron Long Covid bekommen würden, als nach Delta, beruhigt Frommhold nicht. „Die Omikron-Zahlen sind gerade sehr hoch und steigen immer weiter. Also werden im Verhältnis doch sehr viele Menschen Long Covid bekommen“, sagt sie.

Um der Flut der Patienten-Anfragen gerecht zu werden, die sie täglich erreicht (Tausende Menschen stehen noch auf der Liste, 5000 hat sie bisher behandelt), wird die Ärztin im Oktober 2022 ein Institut für Betroffene in Rostock eröffnen. Dann könne sie auch per Video Tipps geben, wie es den Menschen in ihrem Alltag schnell besser gehe. Viele aufwendige Therapiemethoden, wie die auf dem oberen Foto mit dem Ergotherapeuten, müssten häufig gar nicht sein. Manchen Betroffenen würden schon Atemübungen helfen.

Vorsorge bei Long Covid: Während Corona Atemübungen, danach Schonung im Job und beim Sport

Menschen, die erst Corona bekommen, könnten vorsorgen, um keine Langzeitfolgen zu kriegen. Was hilft gegen Long Covid: Inhalieren und Atemübungen. „Auf vier Schläge durch die Nase einatmen, sieben durch den Mund aus. Die Ausatmung muss dabei länger sein als die Einatmung.“

Nach der Infektion solle man erst Sport machen, wenn man sich wirklich fit fühle. Das gleiche gelte für die Arbeit. Frommhold weiß aus den Berichten ihrer Patienten: „Viele sagen sich stattdessen: ‚Das ging vorher, das muss jetzt auch gehen.“ Und wenn nicht, würden die Menschen härter trainieren oder arbeiten. Frommhold warnt: „Das kann in Bezug auf Long Covid fatal sein.“ Also: Nach Corona nicht übertreiben. Denn mit den Symptomen und dem Verlauf nach einer Corona-Infektion mit Omikron BA.5 ist nicht zu spaßen. Und noch viel weniger mit den Langzeitfolgen von Long Covid, wenn man nicht auf den eigenen Körper hört.

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