Lebenslang für 90-jährigen Kriegsverbrecher

München -  In einem der letzten deutschen Kriegsverbrecherprozesse ist der 90 Jahre alte Josef Scheungraber am Dienstag in München wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

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Das Schwurgericht war nach knapp elfmonatiger Beweisaufnahme überzeugt, dass der damalige Kompaniechef des Gebirgspionierbataillons 818 im Juni 1944 in der Toskana den Befehl zu einem Vergeltungsschlag für den Tod zweier Soldaten gegeben hatte. Insgesamt 14 italienische Zivilisten starben damals. Das Gericht sprach den Angeklagten aber nur des Mordes in zehn Fällen sowie des versuchten Mordes schuldig.
Das Strafmaß entsprach dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. An der Urteilsverkündung nahmen auch Hinterbliebene der Opfer teil. Die Zuhörer im Gerichtssaal quittierten das Urteil mit Klatschen. Richter Manfred Götzl rief zur Ruhe: "Hören Sie bitte sofort auf." Er wolle zur Urteilsbegründung keinerlei Kommentare.

Bei dem Vergeltungsschlag waren vier Angehörige der Zivilbevölkerung erschossen und zehn in einem Haus in die Luft gesprengt worden. Bei den zehn Männern, die in dem Haus starben, habe es sich nicht um diejenigen gehandelt, die die deutschen Soldaten getötet hatten, sagte Richter Götzl. "Es handelte sich ausschließlich um Zivilbevölkerung, um Bauern und Bauernsöhne aus der Region, von denen nicht bekannt gewesen wäre, dass sie Kontakt zu Partisanen hatten."

Die Sühneaktion Scheungrabers habe Unschuldige getroffen, da man der wahren Täter nicht habhaft werden konnte. "Bei seinem Vorgehen kam es dem Angeklagten darauf an, seinen Hass wegen des Todes seiner Soldaten abzureagieren und sich zu rächen." Scheungraber hatte drei seiner Soldaten losgeschickt, um ein Pferd und einen Wagen für den Bau einer Brücke zu holen. Dabei waren sie in den Partisanenhinterhalt geraten, zwei starben, einer wurde verletzt.

Scheungraber verzichtete auf ein letztes Wort unmittelbar vor dem Urteil. Er hatte im Vorfeld der Verhandlung jede Beteiligung an dem Massaker bestritten, er habe davon nicht einmal gewusst. In Italien war Scheungraber schon 2006 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Als deutscher Staatsbürger wurde er zur Strafvollstreckung nicht ausgeliefert.

Angehörige der Opfer sowie der Bürgermeister des italienischen Ortes Cortona, in dem das Massaker standfand, waren nach München gereist, um an der Urteilsverkündung teilzunehmen. Es gehe nicht vordringlich darum, dass Scheungraber hinter Gitter komme, sagte Bürgermeister Andrea Vignini. "Es geht darum, dass die Wahrheit herauskommt."

Schauplatz des Vergeltungsschlages war der Ortsteil Falzano di Cortona. Heute leben dort laut Vignini noch sechs Menschen. Von den zur Zeit des Urteils rund 600 Einwohnern seien fast alle nach dem blutigen Vorfall weggezogen. In einem weiteren NS-Verfahren hat die Staatsanwaltschaft München I den mutmaßlichen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden angeklagt. Der 89-Jährige sitzt seit seiner Abschiebung aus den USA im Mai in München in Untersuchungshaft. Der Prozess soll im Spätherbst beginnen.

dpa

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