Kneipe bietet kostenlose Hartz-IV-Beratung an

Berlin - Eine Kneipe hilft beim Ausfüllen des Hartz-IV-Bescheids. Was nach einem Scherz klingt, gibt es in Berlin-Neukölln wirklich. Die “Kindl-Klause“ bietet kostenlose Hartz-IV-Beratung an. Das Pils gibt es zum Sonderpreis.

Dicke Rauchschwaden hängen in der Luft, an der Theke zapft der Wirt nachmittags Bier. Wie eine Beratungsstelle für Sozialleistungen sieht die “Kindl-Klause“ in Berlin-Neukölln nicht aus. Doch der Eindruck trügt. In der Kiez-Kneipe gibt es “kostenlose Hartz-IV-Beratung“ ­ ein in Deutschland wohl einzigartiges Angebot. Ihr Pils bekommen bedürftige Gäste zum Sonderpreis. “Bier für Hartz IV“ kostet nur 1,20 Euro. Im Jobcenter Neukölln, nur ein paar Straßen weiter, ist man nicht begeistert über die neue Infostelle. Im Hinterzimmer sitzt Anita Paschen und hilft einem Kneipengast, der Probleme mit dem Thema “Unterkunftskosten“ hat.

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Nach 20 Minuten ist der arbeitslose Mann, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, schlauer. “Die Beratung war gut“, sagt der 33- Jährige. Im Jobcenter würden die Menschen “oft sehr herablassend behandelt“. Er wuchs in Neukölln auf und war jahrelang drogen- und alkoholsüchtig. “Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren.“ In der “Kindl-Klause“ trinkt er keinen Alkohol. Jeden Freitag wälzen Anita Paschen und ihr Mann Carsten am Kneipentisch Sozialgesetzbücher. Hauptberuflich arbeiten beide als Sozialberater bei einem freien Träger im Auftrag des Jobcenters Neukölln. In der Kneipe geben sie Arbeitslosen ehrenamtlich Tipps - und haben reichlich zu tun. “Der Bedarf ist riesig“, sagt Carsten Paschen. Ungelernte Arbeiter kämen ebenso zu ihnen wie Akademiker mit Top-Ausbildung.

Das Jobcenter Neukölln gehört zu den größten in Deutschland. Der Bezirk hat mehr als 300 000 Einwohner - so viele wie eine mittelgroße deutsche Stadt. Von 220 000 Menschen zwischen 15 und 65 Jahren sind 59 000 erwerbsfähige Hilfsbedürftige: 27,2 Prozent, das ist die höchste Quote in Deutschland. Rechnet man Kinder dazu, bekommen 78 000 Menschen staatliche Unterstützung. Um sie kümmern sich 700 Mitarbeiter des Jobcenters. Dass trotzdem zahlreiche Menschen Hilfe lieber in der Kneipe suchen, liegt nach Ansicht von Carsten Paschen an den komplizierten gesetzlichen Regelungen. “Viele der Leute verstehen ihren Hartz-IV- Bescheid schlicht und einfach nicht.“ Die seien dankbar, wenn sich jemand eineinhalb Stunden Zeit für ihre Probleme nehme. “Im Jobcenter gucken die Sachbearbeiter doch schon nach fünf Minuten auf die Uhr.“ Konrad Tack, der Geschäftsführer des Jobcenters Neukölln, gibt zu, dass für seine Leute der Arbeitsdruck “sehr hoch“ sei.

Hartz-IV- Bescheide seien eben in “juristischer Sprache verfasst und nicht ohne weiteres für jeden verständlich“. Über eine Vereinfachung werde in den Jobcentern und Ministerien intensiv nachgedacht. Dass nun “ausgerechnet eine Gastwirtschaft“ Nachhilfe anbietet, hält Tack für bedenklich. “Da wurde vielleicht die Außenwirkung nicht bedacht.“ Das Klischee, dass Arbeitslose ihre Stütze versaufen und verqualmen, werde in der Hartz-IV-Kneipe zementiert. Die Paschens weisen den Vorwurf zurück. Zunächst einmal könne der Staat nicht vorschreiben, wofür ein Mensch sein Geld ausgibt, sagt Anita Paschen. “Und wenn er sich 10 000 Lollis dafür kauft.“ Außerdem gelte während der Hartz-IV-Beratung Alkoholverbot, fügt ihr Ehemann hinzu. “Wir haben schon Beratungen abgebrochen und Gäste nach Hause geschickt, weil sie zu betrunken waren.“ Ziel der Paschens ist es aber, ihre Beratungsstelle in ein richtiges Büro zu verlegen.

dpa

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