Jugendliche sollen zur Abschreckung hinter Gitter

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Zur Probe eingesperrt: Ein Tag hinter Gitter soll jungen Leuten die Augen öffnen.

Hamburg - Den harten Knastalltag will das Hamburger Projekt “Gefangene helfen Jugendlichen“ jungen Menschen zeigen, die schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. So soll der Schnupper-Tag den jungen Leuten die Augen öffnen:

Im Gefängnis werden sie auf Probe eingesperrt und treffen Häftlinge zum Gespräch.

Vor dem Eingang des berüchtigten Hamburger Gefängnisses “Santa Fu“ (im Stadtteil Fuhlsbüttel) stehen fünf Jugendliche und albern herum. Sie alle sind bereits kriminell auffällig geworden oder gelten als gefährdet. Das mehrfach preisgekrönte Projekt “Gefangene helfen Jugendlichen“ setzt auf den Abschreckungseffekt. Für einen Tag sollen die Jungen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, die bisher höchstens Sozialstunden aufgebrummt bekamen, freiwillig den harten Knastalltag kennenlernen. Ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, viele Jahre fern von Freunden und Familie hinter dicken Gefängnismauer einzusitzen.

“Das ist Eure Chance, damit der Weg vielleicht wieder geradeaus geht“, sagt Projekt-Mitarbeiter Sadat. Der 36-Jährige ist nur einer von mehreren Mördern, die die Jungen während ihrer Stunden hinter Gittern der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel kennenlernen.

Der Weg der Jugendlichen und ihrer Betreuer führt durch ein großes, schweres Tor, vorbei an hohen Mauern und Stacheldraht in ein Nebengebäude. Die Jugendlichen werden stiller und stiller. Sadat von “Gefangene helfen Jugendlichen“ ist unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen wie die jungen Besucher. Er wisse genau, wie er sie ansprechen müsse, sagt der Mann, der selbst bereits viele Jahre im Knast gesessen hat. Im Moment ist er im offenen Vollzug. Er kennt alle Details des Knastlebens, erzählt von Urinkontrollen mitten in der Nacht, Drogenverbot, Hofgängen, Essensausgaben, fehlender Privatsphäre und dem ständigen Knallen der Zellentüren.

Fernsehserien vermittelten ein völlig falsches Bild vom Gefängnisalltag, meint Sadat. “Knast ist nicht cool“, schärft er den Jugendlichen ein. Zusammen mit seinen Mitstreitern will er verhindern, dass die jungen Männer völlig auf die schiefe Bahn geraten. “Wir sind keine Pädagogen, die Euch Kräutertee servieren, wir zeigen Euch die Realität“, sagt Sadat und öffnet plötzlich zwei Zellentüren: “Ihr werdet jetzt mal eingesperrt.“ Dann schickt er einen nach dem anderen in Kurzzeit-Haft.

Mit einem lauten Geräusch wird der Riegel vorgeschoben, für mehrere Minuten ist der 18-jährige Tarek aus Geesthacht bei Hamburg (Schleswig-Holstein) eingeschlossen. Durch ein kleines Fenster in der Tür lässt sich beobachten, wie der junge Mann in dem engen Raum unbeweglich neben dem Bett in der Ecke steht. Als er wieder in die Freiheit kommt, atmet er tief durch und grinst in die Runde. Der 17-jährige Vahag kommt mit ernstem Gesichtsausdruck wieder aus der Zelle, sein Kumpel Ahmed (Name geändert) sagt nur knapp: “Man fühlt sich dort drin so hilflos.“

Lange musste die JVA Fuhlsbüttel nach aufsehenerregenden Ausbrüchen und einer Meuterei gegen ihren Ruf als “Skandal-Knast“ kämpfen. Das Projekt “Gefangene helfen Jugendliche“ entstand dort bereits 1996 auf Initiative von drei Inhaftierten.

Auch an diesem Tag treffen die fünf Jungen mehrere Häftlinge zu einem Gespräch. Sie hören die Biografie von Richard, der insgesamt schon 33 Jahre - und damit mehr als die Hälfte seines Lebens - im Gefängnis gesessen hat, und sprechen mit Rolf, der nach einer schweren Kindheit im Heim ins Rotlichtmilieu abrutschte und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Das Projekt will zeigen: Keinem der Männer sieht man an, was sie auf dem Kerbholz haben. Sie alle haben mit kleinen Delikten angefangen - bis sich die Taten immer weiter steigerten. “Ich hoffe, dass ich viele junge Leute retten kann, weil sie abgeschreckt werden“, erklärt Richard nach der Gesprächsrunde auf die Frage, warum er bei diesem Projekt ehrenamtlich mitmache. Zum Abschluss dürfen die Jugendlichen noch das Knast-Essen probieren, bevor sie wieder in die Freiheit entlassen werden.

“Ich will hier nicht wieder herkommen müssen“, sagt Ahmed über den Tag im Knast, und Vahag fügt hinzu: “Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass es sich nicht lohnt wegen Beleidigungen oder Schlägereien ins Gefängnis zu gehen. Man verliert alles.“ Dann albern die Jungs wieder herum - erleichtert, in ihr normales Leben zurückkehren zu können.

dpa

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