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„Brainfog“ nach Corona: Wie Long Covid das Gehirn vernebeln kann

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Von: Carolin Gehrmann

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Gehirnnebel, auch bekannt als „Brainfog“, kann ein Symptom bei Long Covid sein. Eine Studie liefert nun neue Erkenntnisse, welche Prozesse im Gehirn die Symptome nach einer Corona-Infektion auslösen können.

Bremen – Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen, Orientierungsschwierigkeiten und mentale Erschöpfung. Viele Menschen leiden nach einer überstandenen Corona-Infektion unter sogenanntem „Brainfog“. Es gilt als eines der häufigsten Symptome von Long Covid. Betroffene haben das Gefühl, einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können. Das Gehirn ist wie „vernebelt“. Der Leidensdruck ist oft hoch, da die Patienten häufig den Anforderungen im Beruf und im Alltag kaum noch gerecht werden können.

„Brainfog“ nach Corona: Das Symptom ist typisch für Long Covid – aber schwer zu diagnostizieren

Hinzu kommt, dass Erkrankte oft keine eindeutige Diagnose erhalten, da dies ein schwieriger Prozess ist, und sie die „Schuld“ für ihre Symptome bei sich selbst suchen, statt sie auf ihre Corona-Infektion zurückzuführen. Daher suchen nur wenige Patienten einen Arzt oder eine Ärztin auf, wodurch das Beschwerdebild auch bei Medizinern oft nicht so präsent ist. Laut der Long-Covid-Expertin Jörgis Frommhold sei typisch, dass die Symptomatik oft erst Wochen nach der Erkrankung auftaucht, wie sie gegenüber der Ärztezeitung erklärt. Zudem komme es zu einer Verstärkung der Symptome, je belasteter die Betroffenen sind, zum Beispiel durch Stress.

Was sind die Ursachen für „Brainfog“ nach Corona? Woher der Nebel im Gehirn kommt

Eine Studie, die am Donnerstag, dem 10. November 2022, im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, hat das Problem untersucht und liefert neue Aufschlüsse darüber, welche Prozesse im Gehirn für die Symptome verantwortlich sein könnten. Ein Team um Forscher Anthony Fernández-Castañeda von der kalifornischen Universität Stanford hat sich der Ursachenforschung des Gehirnnebels nach milden Corona-Infektionen angenommen.

Ein Kameramann filmt bei dem Presserundgang zur Eröffnung vom neuen OP-Zentrum in der Klinik rechts der Isar einen Querschnitt von einem menschlichen Hirn, der auf einem Bildschirm dargestellt wird.
Eine neue Studie liefert Hinweise darauf, welche Prozesse den Nebel im Gehirn nach einer Corona-Infektion auslösen könnten. © Lino Mirgeler/dpa/picture alliance

Woher kommt Brainfog nach Corona? Entzündungen im Zentralen Nervensystem führen zu Aktivierung von „Wächterzellen“

Dafür untersuchten sie in einem Experiment Mäuse, die zuvor an Covid-19 erkrankt waren, und fanden bei den Tieren Anzeichen für eine Entzündung des zentralen Nervensystems (ZNS). Zum Zentralen Nervensystem gehören Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark. Das Sars-CoV-2-Virus wurde allerdings nicht im Gehirn festgestellt.

Doch was genau führt nun zu der Verwirrtheit und den kognitiven Einschränkungen bei Long Covid, die verstärkt nach der zweiten Infektion mit dem Corona-Virus auftreten? Hier konnten die Forschenden den wissenschaftlichen „Nebel“ ein wenig lichten: Der Studie zufolge sieht es danach aus, als würden die Entzündungen im Zentralen Nervensystem zu einer Aktivierung der sogenannten Mikroglia-Zellen führen. Dabei handelt es sich um „Wächterzellen“, deren Aufgabe es ist, den Gesundheitszustand unseres Gehirns kontinuierlich zu überprüfen, um notfalls gefährliche Keime abzuwehren. Dazu gehören beispielsweise Borrelien, die von Zecken übertragen werden und Gehirn- und Nervenfunktion beeinträchtigen können.

Gehirnnebel tritt nach Corona-Infektion auf: Forscher suchen Ursachen für Brainfog

In der weißen Substanz des Gehirns fanden die Forscher aktivierte Mikroglia-Zellen vor. Reize im Gehirn werden dadurch langsamer weitergeleitet. Darüber hinaus stellten sie fest, dass weniger neue Nervenzellen gebildet wurden. Das Bilden von Nervenzellen heißt Neurogenese. Dieser Vorgang war bei den untersuchten Tieren gehemmt. Laut Focus sind diese jungen Neuronen wichtig für das Lernen, für das Gedächtnis und für die Stimmung. Ist deren Wachstum gehemmt, kann das negative Auswirkungen auf die Gehirnleistung haben.

Gehirnnebel nach Corona: Auswirkungen von Omikron BA.5, der „Höllenhund“ BQ.1.1 oder der neuen Variante XBB noch unklar

Für die Studie wurde allerdings der Urtyp des Virus, die sogenannte Alpha-Variante, untersucht. Wie es sich bei den aktuellen Virustypen wie Omikron BA.5., der „Höllenhund“-Variante BQ.1.1 oder der Variante XBB verhält, wurde hier nicht analysiert. Laut den Autoren der Studie liegt es jedoch nahe, dass sich die Ergebnisse auch auf andere Varianten übertragen lassen. Das Magazin Focus hingegen schreibt, dass das Post-Covid-Risiko bei einer Omikron-Infektion geringer sei, und bezieht sich dabei auf Aussagen des Infektiologen Winfried Kern vom Universitätsklinikum Freiburg.

Schon im Juni 2021 haben britische Wissenschaftler des Imperial College London in einer Veröffentlichung im EClinicalMagazine bestätigt, dass Long Covid das kognitive Leistungsvermögen beeinträchtigt. Sie fanden Anzeichen dafür, dass der Gehirnnebel den Intelligenzquotienten senkt und das Gehirn von Betroffenen um 10 Jahre altern lässt. Auch viele junge Menschen sind durch Long Covid beeinträchtigt, wie eine große deutsche Studie unter Leitung der Uniklinik Dresden herausfinden konnte. Sie wurde im Fachblatt „PLOS Medicine“ veröffentlicht.

Was gegen Gehirnnebel nach Corona helfen kann – Paxlovid könnte auch gegen Brainfog nach Corona helfen

Daher ist es umso wichtiger, Wege zu finden, wie die Beschwerden gelindert werden können, damit sie nicht chronisch werden. Denn Gehirnnebel (Brainfog) und die anderen Symptome von Long Covid wie Erschöpfung, Herzrhythmusstörungen oder Schwindel können die Lebensqualität Betroffener erheblich mindern. Ein wichtiger Schritt, auf dem in der Zukunft ein Forschungsschwerpunkt liegen sollte, ist die Untersuchung der Frage, welche Medikamente gegen den „Brainfog“ helfen können.

Die Studie gibt Hinweise, wie die aus ihr gewonnenen Erkenntnisse weiter genutzt werden könnten. Als Ansätze für weiterführende Studien und Medikamententests werden Entzündungshemmer und Tetrazykline genannt, da diese auf die aktivierten Wächterzellen („Mikroglia“) abzielen und diese hemmen. Auch dem Medikament Paxlovid, das zur Behandlung bei akuten Covid-19-Fällen eingesetzt wird, könnte darüber hinaus eine große Bedeutung im Kampf gegen Long Covid zukommen, wie die New York Times berichtete.

Was machen bei Brainfog? Betroffene können nach Corona-Infektion selbst aktiv werden

Long-Covid-Expertin Jörgis Frommhold hatte im Interview mit Focus bereits im Mai dazu geraten, selbst aktiv zu werden, um den Nebel im Gehirn zu lichten. Mit Hirnleistung lasse sich nämlich aktiv arbeiten. Man könne sie selbst trainieren, zum Beispiel mit speziellen Hirnleistungstrainings-Apps oder auch mit Kreuzworträtseln, Memory oder Sudoku. Das helfe dem Gehirn und dem Gedächtnis wieder auf die Sprünge. In den meisten Fällen seien die Beschwerden glücklicherweise ohnehin nicht von Dauer, wie ARD alpha berichtet. Sie verschwänden größtenteils nach einer gewissen Zeit von selbst und die Betroffenen könnten wieder so klar denken wie zuvor.

Auch andere Infektionskrankheiten wie Grippe können Gehirnnebel auslösen

Auch bei anderen Infektionskrankheiten kann im Anschluss Gehirnnebel auftreten, wie zum Beispiel bei der Grippe. Die Symptome von Covid-19, Grippe und einer einfachen Erkältung sind allerdings nicht immer so leicht zu unterscheiden. Wenn es einen jedoch trotz aller Vorsicht erwischt hat, lässt sich mit entsprechenden Maßnahmen die Krankheitszeit unter Umständen auf wenige Tage verkürzen. Außerdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Immunsystem in der kalten Jahreszeit zu stärken, um von Grippe und Co. verschont zu bleiben – was dabei hilft und was nicht.

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