B.1.1.529

Hat uns Omikron längst unterwandert? Hunderte Fälle befürchtet

Wahrscheinlich gibt es die Omikron-Variante des Coronavirus schon seit Oktober und ist bereits hundertfach nach Deutschland eingeschleppt worden. Eine Lösung ist in Sicht.

Berlin/Abuja – Die als besorgniserregend eingestufte Corona-Variante Omikron scheint schon wesentlich länger zu existieren, als ursprünglich von Experten angenommen. Wie das nigerianische Gesundheitsamt Nigeria Centre for Disease Control (NCDC) am Mittwoch, 1. Dezember 2021, mitteilte, sei die Variante bei einer nachträglichen Sequenzierung entdeckt worden. Dabei soll es sich laut der Pressemitteilung des NCDC um Sequenzierung von Proben von Einreisenden handeln, die bereits im Oktober genommen worden seien.

Virus:Coronavirus, Covid-19
Krankheitserreger:SARS-CoV-2
Vorkommen:Weltweit
Erster bekannter Fall:1. Dezember 2019
Neuentdeckte Variante:Variante Omikron (B.1.1.529)

Dies passt zusammen mit der Vermutung des Münchener Virologen Oliver Keppler vom Max von Pettenkofer-Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Keppler vermutet, dass die Omikron-Variante bereits hundertfach nach Deutschland eingeschleppt worden sein könnte. „Einige Hundert Fälle können es in Deutschland vielleicht sein“, sagte er auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa. Auch in Niedersachsen wurde bereits ein erster Verdachtsfall mit Omikron* entdeckt. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) fordert inzwischen eine Impfpflicht und einen Lockdown.

Omikron-Variante: Bereits im Oktober in Nigeria entdeckt – „bereits mit dem Rücken zur Wand“

Die aktuellen Infektionszahlen in Deutschland* könne man jedoch nicht mit Omikron in Verbindung bringen, das sei die Delta-Welle, betonte Keppler. Er halte eine größere unentdeckte Omikron-Verbreitung in Deutschland für unwahrscheinlich. Am Max von Pettenkofer-Institut waren Omikron-Fälle in Bayern nachgewiesen* worden.

Die Variante war kurz nach ihrem Bekanntwerden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als besorgniserregend eingestuft worden. Inzwischen haben mehrere Länder weltweit Nachweise gemeldet. Gesamtzahlen für Deutschland veröffentlicht das Robert Koch-Institut bisher nicht.

Nach Expertenmeinung könnte die Omikron-Variante des Coronavirus bereits hundertfach in Deutschland eingeschleppt worden sein. (Symbolbild)

„Angesichts der Delta-Infektionsdynamik steht unser Gesundheitssystem in einer Sackgasse – ja bereits mit dem Rücken zur Wand“, erklärte Keppler zum möglichen Einfluss der neuen Variante auf die aktuelle Welle. „Nun fährt ein Wagen mit defekter Bremse darauf zu.“

Omikron-Variante: Übertragbarkeit, Impfstoff-Effektivität und Krankheitsausprägung schwer einzuschätzen

Zwar seien Omikron-Eigenschaften in Hinblick auf Übertragbarkeit, Verminderung der Impfstoff-Effektivität und Krankheitsausprägung noch schwer einzuschätzen. Was bisher bekannt sei, lasse aber eine Verschlechterung der Situation befürchten. Daher bestehe jetzt „höchster Handlungsdruck, die vierte Welle zu brechen“.

Die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt rechnet damit, dass sich über die Dauer und den Umfang der internationalen Omikron-Verbreitung erst in nächster Zeit mehr sagen lässt. Das werde man in den nächsten Wochen lernen, wenn Labore zum Beispiel Rückstellproben aus den vergangenen Wochen analysierten, teilte sie auf Anfrage mit. Das RKI kündigte ebenfalls an, in der Vergangenheit gewonnene Genomsequenzen zu analysieren. Auch mit einem extra Impfstoff für die Omikron-Variante ist wohl erst im nächsten Jahr* zu rechnen.

Die Tatsache, dass europäische Länder die Variante erst bei Reisenden erkannten, nachdem Südafrika und andere Länder davor gewarnt hatten, bedeute wahrscheinlich, dass viele Fälle bisher unentdeckt blieben, twitterte der aus Österreich stammende Impfexperte Florian Krammer von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York vor einigen Tagen. „Es sagt uns auch viel über die Genomüberwachung in einigen Ländern mit hohem Einkommen.“

Omikron in Deutschland: Erbgutaufschlüsselung bei fünf bis zehn Prozent aller positiven Corona-Proben

Bei der Routine-Überwachung in Deutschland wird von fünf bis zehn Prozent der positiven Corona-Proben das Erbgut genau aufgeschlüsselt. „So würde Omikron auch in Deutschland entdeckt“, erklärte der Verband Akkreditierter Labore in der Medizin (ALM) am Dienstag. Das RKI informiert in seinen Wochenberichten über Ergebnisse dieser Analysen; diese zeigen stets Daten der Vor-Vorwoche. Begründet wird dies mit der „prozessbedingten langen Dauer bis zur Übermittlung der Sequenzierungsergebnisse an das RKI“.

Wie Omikron die vierte Welle in Deutschland beeinflussen könnte, lässt sich laut Ciesek bisher nicht seriös abschätzen. „Wir haben derzeit eine ausgeprägte Delta-Welle, das allein ist schon ein großes Problem, welches eigentlich unsere volle Aufmerksamkeit fordert.“ Omikron führe auf jeden Fall zu weiteren Belastungen der Labore.

Herkömmliche PCR-Tests, die in Laboren durchgeführt werden, zeigen auch bei mit Omikron Infizierten ein positives Corona-Ergebnis an. Um welche Variante es sich handelt, bleibt bei diesem Verfahren im Dunkeln. Mit zusätzlichen PCR-Nachtestungen auf bestimmte charakteristische Mutationen können sich Hinweise auf Omikron ergeben, als Bestätigung ist laut ALM derzeit noch eine Gesamtgenom-Analyse nötig.

Omikron-Variante: PCR-Tests und Antigentests erkennen Corona-Variante

In Laboren würden aber bereits spezielle Omikron-Kits getestet, sagte Nina Beikert aus dem ALM-Vorstand. „Wir gehen davon aus, dass wir spätestens zum Ende der Woche in der Lage sind, nach der ersten PCR zur Feststellung einer Infektion dann auch die zusätzliche PCR auf die Omikron-Variante durchzuführen.“

Diese hätte dann eine sehr hohe Aussagekraft, dass wahrscheinlich Omikron vorliegt. Der Laborverband kündigte den Einsatz in konkreten Verdachtsfällen an, etwa bei Reiserückkehrern aus bestimmten Regionen oder deren Kontaktpersonen.

Wie häufig variantenspezifische PCR-Tests in den vergangenen Wochen durchgeführt wurden, scheint sich regional sehr zu unterscheiden. Während Ciesek von solchen Tests bei sich im Haus bei jeder Erstdiagnose berichtet, hieß es von ALM-Vorstand Michael Müller, dass dieses Verfahren wegen der großen Dominanz der Delta-Variante zuletzt „im Wesentlichen eingestellt“ gewesen sei.

Stiko zu Omikron-Variante: Beobachtungsstudien für Klarheit über Corona-Krankheitsverläufe

Dass die neue Variante Omikron von herkömmlichen PCR- und Antigentests erkannt wird, bestätigt auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens. Gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“ sagte Mertens, dass dies eine „sehr gute Nachricht“ sei. Um jetzt mehr über die Variante zu erfahren, seien Beobachtungsstudien nötig.

Laut dem Chef der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts, Thomas Mertens, können sowohl Antigen- als PCR-Tests die neu entdeckte Omikron-Variante des Coronavirus erkennen. (Archivbild)

Es solle dabei herausgefunden werden, „wie die Krankheitsverläufe zum Beispiel bei älteren und vorerkrankten Menschen sind“. Er fügte hinzu: „Es wird etwas dauern, bis hier Klarheit besteht.“ Mertens wies noch einmal daraufhin, dass die derzeitigen Überträger Nummer eins die Ungeimpften seien. Er forderte weitgehende Kontaktbeschränkungen, berichtet die dpa.

Corona-Pandemie in Deutschland: Coronavirus verhält sich anders, als es Virologen erwartet haben

Der bisherige Pandemieverlauf hat gezeigt, dass vorherrschende Varianten innerhalb relativ kurzer Zeit von ansteckenderen Mutanten abgelöst werden können. Die Alpha-Variante (B.1.1.7) war einige Tage vor Weihnachten 2020 von Großbritannien gemeldet worden. In Deutschland wuchs ihr Anteil zu Beginn des Jahres 2021 immer weiter. Sehr schnell lief nach RKI-Daten der Wechsel hin zur in Indien entdeckten Delta-Variante im Sommer ab. Diese befeuert nach den bisherigen Daten die vierte Welle zu über 99 Prozent.

Sars-CoV-2 habe sich nun schon mehrmals anders verhalten als zunächst von einem Coronavirus erwartet, hatte der Virologe Christian Drosten der Deutschen Presse-Agentur im Sommer gesagt. „Alpha und Delta waren absolute Überraschungen.“ Mit so massiven Steigerungen der Übertragungsrate habe kein Virologe gerechnet.

„Das hat es bisher bei keinem anderen Virus gegeben“, so Drosten. Ob Omikron eine noch einmal höhere Übertragungsrate bedeutet oder aber andere Vorteile hat – etwa bei der Infektion von Genesenen oder Geimpften – ist derzeit noch unklar. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de, hna.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Pavlo Gonchar/dpa

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