Handy brachte Polizei auf die Spur des Ausbrechers

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Entfernung von Mülheim nach Schermbeck habe er offenbar mit dem Fahrrad zurückgelegt, sagte Polizeidirektor Dieter Klinger (kleines Foto).

Köln - Auf einer Bundesstraße überwältigte ein SEK-Kommando den geflohenen Ausbrecher Paul Michalski. Bei einer Pressekonferenz informierte die Polizei über Details der Festnahme des bewaffneten Mannes.

Über Handy-Ortung hat die Polizei am Dienstag auch den zweiten Ausbrecher aus Aachen aufgespürt und festgenommen. Damit ist die spektakuläre Flucht der beiden Schwerverbrecher nach fünf Tagen unblutig zu Ende gegangen. Die Fahndung dürfte allerdings eine der kostspieligsten der letzten Jahre gewesen sein.

Gewaltverbrecher auf der Flucht

Gewaltverbrecher auf der Flucht

Schauplatz des Zugriffs war eine zugige Bundesstraße am Niederrhein. In Schermbeck bei Wesel war Peter Paul Michalski (46) mit unbekanntem Ziel auf einem alten, silberfarbenen Damenfahrrad unterwegs, als die Spezialeinsatzkräfte zuschlugen. Er wurde von zwei Polizeiautos eingekeilt und leistete keinen Widerstand. Er habe sich sofort auf den Boden gelegt und den Polizisten gesagt, wo seine durchgeladene Waffe war, sagte Polizeidirektor Dieter Klinger am Dienstag in Köln.

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Beide Schwerverbrecher, die am Donnerstagabend aus dem Aachener Gefängnis ausgebrochen waren, sind nun wieder in Haft. Der Geiselgangster Michael Heckhoff (50) war bereits am Sonntag in Mülheim an der Ruhr gefasst worden. Er ist zurzeit im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bochum untergebracht. Michalski befindet sich noch in Polizeigewahrsam und wird danach ebenfalls in einen Hochsicherheitstrakt verlegt. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Justizministeriums werden die beiden nicht mehr in die JVA Aachen zurückkehren. Auch sollen beide in unterschiedliche Gefängnisse kommen.

Polizeigewerkschaft spricht von “Musterbeispiel“

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ingo Wolf (FDP) lobte Polizei und Bevölkerung. Die Deutsche Polizeigewerkschaft sprach von einem “Musterbeispiel“ für zentral gesteuerte Fahndungsarbeit. “Der große Vorteil ist, dass nicht mehrfach die Führung übergeben wurde, je nach örtlicher Zuständigkeit, wie es im Gladbecker Geiseldrama der Fehler war“, sagte der NRW-Landesvorsitzende Rainer Wendt der dpa. Beim Gladbecker Geiseldrama im Sommer 1988 waren zwei Schwerkriminelle quer durch die Republik geflüchtet, verfolgt von Presse und Fernsehen. Drei Menschen wurden getötet.

Die “Bild“-Zeitung brachte am Dienstag einen Bericht mit Einzelheiten des Ausbruchs und Zitaten von Heckhoff. Nach eigenen Angaben liegt “Bild“ ein vom Anwalt autorisiertes Interview mit Heckhoff vor. Der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller sagte dazu: “Ein Interview mit der Polizei oder mit einem der beiden Ausbrecher hat definitiv nicht stattgefunden. Die Angaben von Heckhoff in diesem “Bild“-Zeitungsartikel treffen wohl nicht zu.“

Deutlich ist, dass Heckhoff sein Handeln in dem Artikel zu rechtfertigen versucht und sich in einem möglichst günstigen Licht darstellen will. Der Verbrecher berichtet, dass er von einem Wärter den Gefängnisschlüssel bekommen und diesen auf einem Kopierer kopiert habe. Anhand dieses Musters habe Michalski in einer Schlosserei eine Kopie machen lassen. Diesen Schlüssel hätten sie dann in einem günstigen Augenblick genutzt, um zu fliehen.

Erst mal auf den Weihnachtsmarkt

In einem Taxi, das zufällig vor der JVA Aachen hielt, fuhren die beiden Täter bis Kerpen und von dort in einem anderen Taxi zum Kölner Dom. “Da sind wir erst mal auf den Weihnachtsmarkt. Wir haben uns in einer Pommesbude Pommes und Sprudel gekauft. Während wir gegessen haben, kreiste ein Polizeihubschrauber über uns.“ Die Nacht hätten sie unter einer Brücke verbracht und dabei “voll gefroren“.

Am nächsten Morgen frühstückten sie den Angaben zufolge in der Cafeteria eines Krankenhauses. Mit einer jungen Frau fuhren sie in deren Auto nach Essen. In einem Wald am Baldeneysee waren sie plötzlich von Polizisten umringt. Sie versteckten sich hinter zwei Schubkarren. “Irgendwann kamen SEK-Beamte vorbei. Einer meinte: “Da hör ich was!“ Aber zum Glück hat der uns nicht gesehen.“

Nach einer Nacht im Schrebergarten drangen sie in die Villa eines Ehepaars ein, duschten dort, sahen fern und ließen sich bekochen. Die Nacht zum Sonntag verbrachten sie in einem Hochhaus in der Mülheimer Innenstadt. Am nächsten Morgen liefen sie der Schilderung zufolge einem Polizisten in Zivil in die Arme. Michalski konnte im letzten Moment entkommen.

Zu seiner Motivation sagt Heckhoff: “Der Ausbruch war eigentlich eine Trotzreaktion auf die Vollzugsumstände im Knast.“ Die Direktorin habe ihn “voll schlecht behandelt“ und ihm den Ausgang gestrichen. JVA-Leiterin Reina Blikslager sagte dazu in einem n-tv-Interview, Häftlinge seien selten für ihre Wahrheitsliebe bekannt.

von Christoph Driessen und Petra Albers, dpa

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