Zeuge sagte aus

Jenny (18) starb auf der Gorch Fock: Ermittlungen werden nach elf Jahren wieder aufgenommen

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Die Marine-Kadettin Jenny Böken wurde bei einer Nachtwache der „Gorch Fock“ ins Meer gespült - und verlor damit auf unerklärliche Weise ihr Leben. 

Die Kadettin Jenny Böken ertrank während ihrer Nachtwache auf der „Gorch Fock“. Elf Jahre später will die Staatsanwaltschaft den rätselhaften Fall wieder aufrollen.

Update vom 11. Juni 2019: Mehr als zehn Jahre nach dem rätselhaften Tod der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken hat die Staatsanwaltschaft Kiel den Fall wieder aufgerollt. Das Todesermittlungsverfahren sei wieder aufgenommen worden, teilte die Behörde am Dienstag mit. Die Ermittlungen waren 2009 eingestellt worden.

Nach den Aussagen einer Zeugin müssten einige Punkte überprüft werden. Die Angaben dieser Zeugin beruhten allerdings im Wesentlichen auf Hörensagen, hieß es. Sie sei im Jahr 2008 Soldat der Bundeswehr gewesen, habe aber weder zur Marine noch zur Besatzung der „Gorch Fock“ gehört.

Kadettin Jenny Böken war während Ausbildungsfahrt über Bord gegangen - Eltern sprechen von Mord

Die damals 18-jährige Jenny Böken war in der Nacht zum 4. September 2008 während einer Ausbildungsfahrt des Segelschulschiffs der Marine bei einer Wache über Bord gegangen. Die Todesumstände blieben bisher ungeklärt. Der Leichnam wurde erst nach elf Tagen aus der Nordsee geborgen. Die Ermittler hielten ein Unglück bisher für am wahrscheinlichsten.

Die Eltern sahen dagegen sogar Hinweise für einen Mord. Sie stützten sich dabei auf eine eidesstattliche Aussage eines früheren Bundeswehrangehörigen, der im April dieses Jahres - nach einer Geschlechtsumwandlung - von der Kieler Staatsanwaltschaft als Zeugin vernommen wurde. Oberstaatsanwalt Axel Bieler hatte damals gesagt, die Aussage werde überprüft und dann entschieden, ob das Todesermittlungsverfahren wieder eröffnet wird. Die Zeugin sei früher ein Kamerad von Jenny Böken bei der Bundeswehr gewesen, sagte Bieler Ende April nach der staatsanwaltschaftlichen Vernehmung.

Update vom 4. April 2017: Was geschah wirklich in der Nacht, in der Jenny Böken auf der „Gorch Fock“ starb. Die ARD zeigt am Mittwochabend einen Spielfilm über das Todesdrama auf der Gorch Fock.

Mitten in der Nordsee ereignete sich vor circa neun Jahren ein mysteriöser Unfall: Die junge Kadettin Jenny Böken hielt gerade ihre Nachtwache auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ ab, als sie kurz vor der Insel Norderney über Bord ging und ertrank - und zwar ausgerechnet in der Nacht zum 4. September 2008. Denn am Folgetag hätte die Sanitätsoffizier-Anwärterin der Deutschen Marine ihren 19. Geburtstag gefeiert.

Trotzdem herrschte elf Tage später bereits traurige Gewissheit: Im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion konnten Männer eines Fischereiforschungsschiffs nordwestlich von Helgo Land Jenny Bökens Leiche bergen.

Die Ursache ist bis heute ungeklärt

Die Eltern stehen seitdem vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel und rollen den Fall vor Gericht immer wieder auf. Berichten des Nachrichtenportals „n-tv“ zufolge ist es Marlis Böken ein persönliches Anliegen, endlich herauszufinden, „was in dieser Nacht eigentlich geschehen ist". 

Vor allem die Bundeswehr soll massiv in Verantwortung gezogen werden. Offenbar gehen die Eltern weniger davon aus, dass eine übermutige Tat ihrer Tochter deren Tod provoziert hatte - vielmehr vertreten sie die Ansicht, dass die Bundeswehr ihr Kind besser hätte schützen müssen. Die Eltern berufen sich dazu auf das sogenannte Soldatenversorgungsgesetz, welches besagt, dass Eltern einen Anspruch auf Unterstützung haben, wenn ihre Kinder bei der Berufsausübung unter besonderer Lebensgefahr sterben. 

Doch schon im Jahr 2014 wies das Aachener Verwaltungsgericht die von den Eltern geforderte Entschädigung in Höhe von 40.000 Euro ab. Demnach sei die gesamte Besatzung zu keinem Zeitpunkt einer besonderen Gefahr ausgesetzt worden.

Die Eltern klagten daraufhin erneut und zogen laut „Tagesspiegel“ 2016 zum mittlerweile sechsten Mal vor Gericht. 

Im Berufungsverfahren vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster forderten Marlis und Uwe Böken nunmehr eine Entschädigung in Höhe von 20.000 Euro - und erreichten immerhin, dass vor wenigen Monaten erstmals auch der damalige Kapitän sowie der Schiffsarzt öffentlich aussagten.

Doch auch der sechste Versuch in Folge blieb letztendlich erfolglos: Laut NDR wurden die Eltern weder für ihren Verlust entschädigt, noch konnte die Aussagen des Prozesses zutage führen, warum Jenny wirklich sterben musste.  

Nun meldet sich Bökens Kollegin zu Wort 

Umso brisanter erscheint es da, dass sich kürzlich eine der Kadettinnen äußerte, die zum Zeitpunkt des folgenschweren Unfalls ebenfalls an Bord war und gemeinsam mit Böken Wache hielt. 

Im Gespräch mit dem „Stern“ erklärt die anonyme Matrosin, dass sie „schätzungsweise zehn nach halb zwölf“ Schreie von Steuerbord gehört habe. Der Posten „Rettungsboje“ habe schließlich das alarmierende Kommando „Mann über Bord“ ausgelöst: "Wir haben die Segel in Trichterstellung gebracht, weil man so ein Boot nicht einfach anhalten kann. Haben gezogen an den Tampen, als gäb's kein Morgen mehr."

Ein Befehl von oben, der kaum zu befolgen war

Schließlich wurden die Kameradinnen angewiesen, sich wieder Schlafen zu legen - ein Ding der Unmöglichkeit, wie sich herausstellte: "Das hat natürlich nicht funktioniert. Es war so komisch, dass wir alle in unseren Hängematten lagen, nur sie halt nicht. Wir haben immer rausgeschaut durchs Bullauge und Angst gehabt, dass sie da vorbeischwimmt. Wir haben richtige Horrorvorstellungen gehabt."

Dennoch wurde danach kaum über die verlorene Kameradin gesprochen, geschweige denn gemeinsam getrauert. Erst als ein Militärpfarrer die Kadettinnen aufsuchte, kam es zur allgemeinen, verbalen Konfrontation mit dem Thema. Das Gespräch gipfelte allerdings schon bald in einem Streit: "Da haben sich die Mädels gegenseitig beschuldigt: Als es passiert ist, warst du doch auch nicht traurig, da brauchst du auch nicht so zu tun. Das war ein Zickenkrieg“, berichtet die ehemalige Marinesoldatin.  

„Tod einer Kadettin“: Jenny Bökens Geschichte im Spielfilm

Obwohl Jenny Böken bereits vor neun Jahren verstarb, ist ihre Geschichte noch immer allgegenwärtig: Die renommierten Dokumentarfilmer Hannah und Raymond Ley arbeiteten ihre Geschichte kürzlich in einem Spielfilm auf.  Die ARD strahlt das Drama „Tod einer Kadettin“, für das die Autoren die Umstände des Todes detailliert nachrecherchierten, am Mittwoch um 20.15 Uhr aus. Im Anschluss folgt dann die Dokumentation „Der Fall Gorch Fock. Die Geschichte der Jenny Böken“. 

sl

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