FKP Scorpio: „Situation ernst wie nie“

Festival-Schock: Corona legt Hurricane, Southside und Deichbrand lahm

Das Glastonbury in England hat den Anfang gemacht und sein Festival für 2021 schon abgesagt. Jetzt hat auch der Hamburger Konzert- und Festivalveranstalter FKP Scorpio pandemiebedingt die Reißleine gezogen. 

Scheeßel/Hamburg - Erstmal nur für Juni und Juli hat das Unternehmen seinen Sommerfestivals eine Absage erteilt, weiß kreiszeitung.de*. So müssen die Fans auf namhafte Open-Airs wie Southside, Deichbrand und das Hurricane auf dem Scheeßeler Eichenring wie schon im vergangenen Jahr verzichten. Über das Aus, wirtschaftliche Faktoren und die Hoffnung auf bessere Zeiten für die Kulturszene hat sich Lars Warnecke mit Scorpio-Geschäftsführer Folkert Koopmans (57) unterhalten. 

UnternehmenFKP Scorpio
SitzHamburg
Gründung1990
DachorganisationMEDUSA Music Group GmbH
Auf solche Szenen beim Hurricane-Festival wird man auch dieses Jahr verzichten müssen.
Herr Koopmans, wie oft ist Ihnen eigentlich noch zum Lachen zumute?
Ich habe nach wie vor viele Dinge, über die ich mich freuen kann. Aber klar: Die Situation ist so ernst wie nie, der mittlerweile gut einjährige Stillstand unseres Geschäfts ist die größte Herausforderung unserer Unternehmensgeschichte.
Wie steht FKP Scorpio nun wirtschaftlich dar?
Finanziell geht es dem Unternehmen immer noch gut, da wir in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und Reserven gebildet haben. Von denen zehren wir jetzt. Nur wenn es 2022 auch nicht weitergehen sollte, wird es sehr bitter. Unser Team befindet sich ganz überwiegend in Kurzarbeit, wobei man bedenken muss, dass wir trotzdem eine Menge Arbeit mit der teilweise mehrfachen Verlegung von Tourneen und Festivals haben, und die Lohnkosten teilweise trotzdem anfallen.
Zumindest im letzten Jahr waren Ihre Festivals noch versichert. Das dürfte sich geändert haben.
Das hat es. In diesem Jahr ist es natürlich nicht mehr möglich, Versicherungen gegen Pandemien abzuschließen.
Die staatlichen Hilfen waren sicher nicht auskömmlich.
Nein, ganz und gar nicht. Abgesehen vom Kurzarbeitergeld sind bisher nur etwa 70 000 Euro aus dem Neustart-Kultur-Fonds eingetroffen, wovon wir noch nicht mal die Monatsmiete für unser Büro bezahlen können. Wir sind trotzdem dankbar, dass uns das Kurzarbeitergeld dazu befähigt hat, niemandem aus dem Team kündigen zu müssen. Das war uns von Anfang ein wichtiges Ziel und keineswegs selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass sich unser Umsatz um 92,5 Prozent verringert hat. Für alle anderen staatlichen Hilfen fällt unser Betrieb immer wieder durchs Raster.
Wie hoch sind die eingefahrenen Verluste bis heute?
Im letzten Jahr waren wir wie gesagt versichert, dadurch sind wir unter den gegebenen Umständen ganz gut durch das Jahr gekommen. Der Verlust 2021 dürfte sich aber auf mehrere Millionen Euro belaufen.
Welche konkreten Forderungen haben Sie an die Politik?
Wir und die gesamte Branche brauchen eine verlässliche Öffnungsstrategie und klare Perspektiven, wann welche Veranstaltungen unter welchen Bedingungen möglich sein werden – und zwar einheitlich für die gesamte Bundesrepublik. Wir selbst arbeiten sowohl für Konzerte als auch für Festivals in verschiedenen Gremien an tragfähigen Schutzkonzepten und hoffen, dass die Politik unserer Expertise letztlich Gehör schenken wird. Darüber hinaus sind schnellere Fortschritte bei der Impfung natürlich auch für uns überlebenswichtig. Die Durchimpfung ist ganz klar das entscheidende Kriterium der Pandemiepolitik. Durch ihren Einfluss auf die Inzidenzen werden Lockerungen hier genauso wie in anderen Ländern auch schrittweise möglich sein. Da bin ich mir sicher. 
Wie alle Sommerfestivals aus Ihrem Hause, die im Juni und Juli hätten stattfinden sollen, ist auch das Hurricane in Scheeßel für dieses Jahr gestrichen. Die Gründe liegen auf der Hand.
Entgegen berechtigter Hoffnungen ist der Pandemieverlauf noch nicht so weit unter Kontrolle, wie es die Fortschritte bei der Impfstofffindung und -produktion eigentlich hatten vermuten lassen. Wie viele Menschen in Deutschland sind auch wir enttäuscht, dass die Impfungen und Öffnungsschritte hierzulande im Gegensatz zu anderen Ländern wie Großbritannien nur langsam voranschreiten. Hier hat es Versäumnisse gegeben, die nicht nur für uns als Veranstalter, sondern für die gesamte Wirtschaft schädlich sind. Allein an einem Festival wie dem Hurricane arbeiten Tausende Menschen, darunter Stagehands, Gastronomen, Landwirte und etliche andere Fachkräfte. Ein Schaden entsteht also nicht nur für uns, sondern in der gesamten Wertschöpfungskette und der Region – und darum tut es mir besonders leid.
Ließe sich denn nicht ein Festival „light“ realisieren – mit weniger und getestetem Publikum?
Das wäre für niemanden wirtschaftlich. Große Open-Airs mit einem gewissen Anspruch sind nicht beliebig skalierbar. Sie tragen sich nur, wenn das Verhältnis aus Acts und Publikumsgröße stimmt.
Ist der Zeitpunkt der Bekanntmachung richtig gewählt? Oder hätte man es schon eher, in Anbetracht der absehbaren Pandemie-Situation, kommunizieren müssen?
Wir waren in diesem und im vergangenen Jahr unter den Ersten, die transparent kommuniziert haben, wie die Lage ist. Das haben wir uns bis heute beibehalten und erfahren dafür auch sehr viel Rückhalt. Um die Frage zu beantworten: Nein, eine frühere endgültige Absage wäre nicht der richtige Weg gewesen. Zum einen, weil wir es unseren Gästen schuldig sind, alles dafür zu tun, eine erworbene Leistung zu erbringen. Zum anderen, weil wir mit vielen anderen Namen der Festivalbranche an einem guten Konzept gearbeitet haben, das Festivals auch unter Pandemiebedingungen sicher macht. Die dort geleistete Arbeit wird uns aber in Zukunft dennoch nützlich sein.
Inwiefern? 
Dazu kann ich leider noch keine Details nennen, da es sich um ein branchenweites Projekt handelt, das wir in Abstimmung mit mehreren Partnern veröffentlichen werden.
Was passiert nun mit den bereits erworbenen Tickets?
Die Tickets behalten ihre Gültigkeit, unsere Gäste müssen nichts weiter tun. Sollte jemand den Besuch im kommenden Jahr nicht einrichten können, gibt es natürlich eine Härtefallregelung.
Viele Bands, die 2020 beim Hurricane hätten spielen sollen, waren schon für dieses Jahr wieder angekündigt worden. Das heißt, die kommen nun 2022 zum Zuge?
Wir halten unsere Solidarität aufrecht und werden den Bands wieder die Möglichkeit geben, für 2022 zu bestätigen.
Und wenn es im kommenden Jahr schon wieder pandemiebedingt keine Konzerte, Festivals und dergleichen geben sollte – was dann?
Dieses Szenario ist angesichts der entwickelten Vakzine sehr unrealistisch, würde aber den sicheren Untergang noch weiterer Teile der Veranstaltungswirtschaft bedeuten.
Aber Sie geben die Hoffnung nicht auf...
Natürlich nicht. Wir haben eine Perspektive und gute Lösungen für wirksame Schutzkonzepte parat. Kultur schafft man nicht einfach ab – sie ist ein menschliches Grundbedürfnis und wird so schnell wie irgend möglich zurückkehren. Die Menschen in Deutschland und überall auf der Welt sind nach dieser beispiellosen Dürre so durstig auf Live-Erlebnisse wie noch nie. Genauso wie wir.

Zur Person: Das ist Folkert Koopmans

Folkert Koopmans, Geschäftsführer von FKP Scorpio, fordert eine verlässliche Öffnungsstrategie für Kulturveranstaltungen wie Festivals und Konzerte.

Früher organisierte er als Fan Auftritte von Bands im Jugendzentrum, sein erstes Konzert mit gerade mal 17 Jahren. Heute ist Folkert Koopmans Unternehmer und veranstaltet mit der 1990 von ihm gegründeten FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH, deren Firmengruppe allein in Deutschland mehr als 150 Mitarbeiter zählt und zu 50,2 Prozent im Besitz des Ticketvertreibers CTS Eventim ist, riesige Festivals und Tourneen (unter anderem für die Rolling Stones, Ed Sheeran und Foo Fighters) – jedenfalls unter normalen Umständen. Der Vater von drei erwachsenen Kindern lebt in Nindorf, einem Örtchen am Rande der Lüneburger Heide, wo er seit ein paar Jahren auch Welsh-Black-Rinder züchtet. 

Hurricane und Southside Festival

FKP Scorpio organisiert das Hurricane (Scheeßel/Niedersachsen) und das Southside (Neuhausen ob Eck/Baden-Württemberg). Dieses Jahr sollte das Zwillingsfestival eigentlich vom 18. bis 20. Juni stattfinden, doch daraus wird nichts. Geplant waren unter anderem Auftritte von Seeed, Martin Garrix, The Killers, Deichkind, Twenty One Pilots, Kings of Leon und Rise Against. Knapp 70.000 Besucher feierten in den vergangenen Jahr auf dem Eichenring in Scheeßel.

Deichbrand Festival

Vom 15. bis 18. Juli war das Deichbrand Festival in Cuxhaven geplant, doch auch das Festival an der Nordsee muss coronabedingt ausfallen. Geplant waren unter anderem Auftritte von Nightwish, Beatsteaks, Steve Aoki, Sido und Maximo Park. In den vergangenen Jahren feierten knapp 60.000 Fans an der Nordseeküste. Von Lars Warnecke. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Ulla Heyne

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