Damit nicht nur der Pfarrer am Grab steht

Ehrenamtliche Trauergäste für einsame Tote

Saarbrücken - Immer mehr Menschen sterben einsam, und auch bei vielen Bestattungen ist kein Angehöriger dabei. In Saarbrücken erweisen ehrenamtliche Trauergäste diesen Toten die letzte Ehre. Damit nicht nur der Pfarrer am Grab steht.

Sie kennen den Toten nicht. Dennoch sind sie zur Beerdigung auf den Saarbrücker Hauptfriedhof gekommen. Sie stehen in der Trauerhalle vor der mit Blumen geschmückten Urne und begleiten den Toten auf seinem letzten Weg. Sie sind ehrenamtliche Trauergäste - und die einzigen Trauernden bei der Beerdigung. „Es geht darum, einen Beitrag zu einer würdigen Bestattung zu leisten“, sagt Hans Heine (67). „Damit die Verstorbenen, die vielleicht ihr ganzes Leben einsam waren, nicht noch bei ihrem letzten Gang alleine sind.“ Heine war schon etwa ein Dutzend Mal als ehrenamtlicher Trauergast dabei.

„Ich finde es sehr traurig, wenn jemand bestattet wird, ohne dass Angehörige, Freunde oder Bekannte dabei sind“, sagt Bestatter Hubert Laubach. In den vergangenen Jahren habe er vermehrt Trauerfeiern gehabt, in denen er mit dem Pfarrer und Organisten alleine in der Halle saß. „Man schaut dann immer zur Tür und denkt, da muss doch noch jemand kommen. Aber die Bänke bleiben leer“, sagt der 57-Jährige.

Um das zu ändern, hat er Anfang des Jahres gemeinsam mit seinem Sohn eine Anzeige geschaltet - mit dem Aufruf „Ehrenamtliche Trauergäste gesucht“. Und prompt meldeten sich einige Interessierte - so dass Laubach jetzt über eine Liste von sechs Leuten verfügt, die er in derartigen Trauerfällen abtelefoniert. „Wir stehen dann da wie eine Trauergemeinde, eine Art Familie“, sagt der Geschäftsführer des Beerdigungsinstituts Hubert Laubach GmbH in Saarbrücken.

Der Ehrenamtliche Heine kommt stets schwarz gekleidet - mit weißem Hemd. „Ich kleide mich respektvoll, dem Anlass entsprechend“, sagt der frühere kaufmännische Angestellte. Als Kind sei er als Messdiener einmal bei einer Beerdigung dabei gewesen, bei der außer ihm nur noch der Pastor und ein anderer Messdiener gewesen seien. „Da habe ich abends im Bett Rotz und Wasser geheult.“ Er lasse solche Beerdigungen heute aber nicht mehr so nahe an sich rankommen. „Sie sind ein Zeichen der Zeit.“

Etwa 20 Bestattungen hat Laubach im Jahr, bei denen keine Angehörigen ausfindig gemacht werden können. Sei es die einsame alte Frau im Altenheim, der ältere Herr im Krankenhaus oder ein Obdachloser. Von den Behörden bekommt Laubach dann den Auftrag für ihre Bestattung - weiß aber über den gestorbenen Menschen meist nicht mehr als dessen Namen und letzten Wohnort. Nach Laubachs Kenntnis ist er der erste Bestatter in Deutschland, der ehrenamtliche Trauergäste für einsame Beerdigungen organisiert.

Dem Bundesverband Deutscher Bestatter ist noch eine ähnliche Initiative aus Göttingen bekannt. Dort organisiert die Tobiasbruderschaft, an der auch Bestatter beteiligt sind, einen würdigen Rahmen für Beerdigungen, wenn sich sonst niemand darum kümmert. Vorbild sind mittelalterliche Bruderschaften.

Im Saarland versucht Bestatter Laubach, etwa unter den Nachbarn des Toten Trauergäste zu finden. „Wir drucken auch Trauerbriefe und hängen sie im Haus des Verstorbenen im Treppenhaus ans schwarze Brett, in der Hoffnung, dass jemand zur Beerdigung kommt“, sagt er. Zudem werde über den Menschen recherchiert, vor allem, welche Religion er oder sie hatte - um einen entsprechenden Pfarrer zu organisieren. „Wenn jemand keine Religion hatte, versuche ich trotzdem einen Geistlichen zu finden.“

Laubachs Institut mit 13 Bestattungsunternehmen im Saarland zählt im Jahr rund 900 Bestattungen. Doch jene, bei denen keine Angehörigen und Freunde erscheinen, gehen dem Bestatter besonders nahe. „Ich kann dann nicht verstehen, dass es niemanden gibt, der von diesem Menschen Abschied nimmt.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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