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Aufgedeckt: Toilettenpapier wieder knapp – es liegt nicht nur an Hamsterkäufen

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Von: Jennifer Köllen

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Kunden im Supermarkt und Discounter stoßen auf leere Klopapier-Regale. Unsere Recherche bei Aldi, Edeka, Lidl ergab: Es liegt nicht nur am Hamsterkauf.

Hamburg – Derzeit stehen viele Kunden in ganz Deutschland vor leeren Klopapier-Regalen. Und das überall, ob in Supermärkten und Discountern wie Rewe, Aldi, Lidl und Edeka – oder in Drogerien. Und das ausgerechnet heute, am Freitag, 26. August 2022, dem Internationalen Tag des Toilettenpapiers.

Tendieren die Deutschen mal wieder zu Hamsterkäufen und bunkern Toilettenpapier? So wie zu Beginn der Corona-Pandemie? Im Gegensatz zu den Franzosen, die Wein und Kondome horteten, war für die Deutschen damals Klopapier ein unverzichtbares Gut.

Und woran liegt das? Fest steht: Sogar die Papierindustrie ist alarmiert – und sieht die Versorgungssicherheit mit Klopapier gefährdet.

Toilettenpapier ausverkauft: Klopapier-Regale wieder leer – das sind die Gründe

Oder kommt es gar nicht zu Hamsterkäufen bei Aldi, Lidl und Edeka? Und die Gründe, warum Toilettenpapier wieder knapp wird und vielerorts ausverkauft ist, liegen ganz woanders? Wird Klopapier wegen steigender Energie- und Produktionskosten jetzt ebenfalls so knapp und teuer wie Sonnenblumenöl oder Mehl, Fleisch, Milch und Öl? Ist der Nachschub an Klopapier gesichert?

Wir haben eine Recherche durchgeführt – und bei Supermärkten, Toilettenpapier-Herstellern, der Handelskammer und einem Speditionsunternehmen nachgefragt. Das Ergebnis: Es ist kompliziert.

Hamsterkäufe und Lieferengpässe sind schuld an den leeren Toilettenpapierregalen in den deutschen Supermärkten
Hamsterkäufe und Lieferengpässe sind schuld an den leeren Toilettenpapierregalen in den deutschen Supermärkten. (kreiszeitung.de-Montage) © Jennifer Köllen/Axel Heimken/dpa

Papierindustrie alarmiert: Versorgungssicherheit mit Toilettenpapier gefährdet

Doch Schuld ist dieses Mal nicht das Coronavirus oder Klopapier-hamsternde Menschen, dieses Mal ist es die Gaskrise. Es kann schlicht kein Klopapier produziert werden, beziehungsweise die Bedrohung, dass dies bald nicht mehr geschehen kann, ist durchaus real. Die Papierindustrie ist bereits alarmiert. Und nimmt den heutigen Branchenfeiertag als Anlass, um Alarm zu schlagen.

Die Versorgungssicherheit mit Klopapier, diesem „so bedeutenden Produkt“, sei zumindest gefährdet, so die Papier-Lobbyisten in einer Pressemitteilung. „In der gegenwärtigen Energiekrise ist unsere oberste Priorität die Sicherstellung der Versorgung der Menschen mit diesem wichtigen Gut“, bekräftigt der Vizepräsident des Verbandes „Die Papierindustrie“ und Geschäftsführer des Hygienepapierherstellers WEPA, Martin Krengel.

Immerhin verbrauche jeder Bundesbürger im Schnitt 134 Rollen im Jahr. Toilettenpapier sei nicht nur für die private Hygiene wichtig. Es sei auch am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen wie zum Beispiel Krankenhäusern, Pflegeheimen und Flughäfen unverzichtbar.

Wird Toilettenpapier wegen Hamsterkäufen knapp? Regale leer, Lager voll, woran liegt es?

Ob in München, Köln oder Hamburg – in ganz Deutschland gab es bereits im April leere Klopapier-Regale. Und jetzt scheint es wieder loszugehen.

Im April gab es mehrere Gründe für die Lieferengpässe bei Toilettenpapier. Damals fragten wir in einer Hamburger Rewe-Filiale nach. Der Filialleiter bestätigte die Hamsterkäufe: Die Deutschen hamstern neben Öl und Mehl auch Klopapier. „Aber nur, wenn sie sehen, dass es knapp wird.“ Denn dann bekämen sie Angst, dass sie nichts mehr davon abbekommen würden. Knapp war Toilettenpapier vergangenes Wochenende. Das hatte aber ganz unterschiedliche Gründe.

In einem Edeka-Markt haben wir gehört, es könnte an China liegen. Der Grund: Aus China wird Verpackungsmaterial geliefert, also Plastik. Doch in der Wirtschaftsmetropole Shanghai war Corona-Lockdown. Die Folge: Zahlreiche Frachtschiffe konnten nicht starten. Und dadurch wurden globale Lieferketten massiv gestört.

Hamsterkäufe im Supermarkt? Leere Regale bei Toilettenpapier bei Lidl, Edeka, Aldi oder Rewe – könnte an Chinas Lockdowns liegen

„Auch in Deutschland werden die Lieferengpässe jetzt zu spüren sein“, sagte Maximilian Butek, der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Shanghai, der Deutschen Presse-Agentur auch in Bezug auf mögliche Hamsterkäufe im Supermarkt sowie Discounter und leere Toilettenpapier-Regale bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Das Exportvolumen des größten Hafens der Welt sei um rund 40 Prozent zurückgegangen, schätzen Experten, was auch Auswirkungen auf die leeren Regale beim Toilettenpapier hat.

Die Lieferprobleme Probleme in China dürften sich erst in etwa zwei Monaten voll auf Deutschland auswirken, schätzte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) im April. Die Güter seien bis Hamburg 30 bis 40 Tage unterwegs, müssten danach noch weitertransportiert werden.

Besuch in einer Hamburger Drogerie-Filiale von Budnikowsky. Der Filialleiter bestätigte: „Es gibt Lieferschwierigkeiten.“ Haben die Toilettenpapier-Hersteller tatsächlich zu wenig Rohstoffe? Fehlt Plastik, um die Rollen zu verpacken? Oder liegt es an fehlendem Holz aus der Ukraine oder Russland? Holz ist derzeit knapp und teuer. Schließlich besteht Klopapier neben Recycling-Papier aus Holzfasern.

Hamsterkäufe: Leere Regale bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe – Toilettenpapier-Hersteller verzeichnet starken Anstieg bei Online-Käufen

Anruf beim Toilettenpapier-Hersteller Hakle. Man beziehe sein Holz aus Finnland und Südamerika, sagte uns Caroline Trah über den Nachschub beim Klopapier, die Assistentin der Geschäftsführung. Das ist also nicht der Grund für die fehlenden Rollen. Sind Hamsterkäufe wie mit Mehl bei Aldi, Lidl und Edeka oder Rewe tatsächlich Schuld an den leeren Klopapier-Regalen? „Ja, das ist ein Grund“, bestätigte uns Trah. Das Unternehmen verzeichne in letzter Zeit einen starken Anstieg an Online-Käufen. Die Deutschen scheinen also tatsächlich mal wieder Klopapier zu bunkern. Typisch... Und auch eine aktuelle Umfrage zu Hamsterkäufen zeigt: Jeder dritte Deutsche bunkert Lebensmittel zuhause.

Deutsche hamstern wieder Klopapier
Toilettenpapier wird wieder gehamstert. Netto reagiert – und verkauft in einer Filiale in Hannover nur noch eine Packung pro Kunde. © Martin Wagner/imago

Dass zu wenig Toilettenpapier hergestellt werde, daran liege es jedenfalls nicht, heißt es zumindest bei Hakle. „Unsere Lager sind voll.“ Das Problem seien – neben den Hamsterkäufen – die fehlenden LKW-Fahrer. Entweder, weil sie Corona haben. Oder, weil sie aus der Ukraine kommen und im Krieg kämpfen müssen. Die Ware ist also da, wird aber nicht abgeholt. Das wollen wir genauer wissen.

Toilettenpapier wieder knapp – Hamsterkäufe und fehlende LKW-Fahrer sind ein Grund

Ein Sprecher des Handelsverbands bestätigt uns: Wenn es zu Lieferproblemen komme, liege das entweder an einem Mangel an Rohstoffen, wie derzeit bei Mehl und Öl. „Oder es liegt an einem Mangel an Verpackungsmaterial wie Plastik, oder an Problemen beim Transport wegen mangelnden LKW-Fahrern, etwa aus der Ukraine.“ Unsere Recherche hat ergeben: Es liegt an allem zusammen.

Wir rufen beim Hamburger Speditionsunternehmen 123 Air Sea Rail International Transport an, erreichen den Geschäftsführer Miles Binz. „Der Fahrermangel ist eklatant und befeuert die Inflation“, bestätigt er im Zusammenhang nur fehlenden Fahrer, was zu leeren Regalen beim Klopapier führen könnte. Sie hätten nigelnagelneue LKWs auf dem Parkplatz – aber keine Fahrer, welche Waren wie Klopapier von A nach B bringen könnten. Der Mangel an Fahrern verschärfe sich schon seit Jahren.

Leere Regale: LKW-Fahrer sitzen nicht hinterm Steuer, sondern kämpfen im Ukraine-Krieg

Jetzt kommt noch die Lage in der Ukraine hinzu: Der Ukraine-Konflikt verschärft den Mangel an Arbeitskräften. Die LKW-Fahrer aus der Ukraine kämpfen gerade im Krieg gegen russische Soldaten, riskieren ihr Leben. Und fehlen, so makaber das klingt, hierzulande hinter dem LKW-Steuer.

Wir sprechen Binz auf eine Aussage an, welche wir anonym von einem großen Toilettenpapier-Hersteller zugespielt bekommen haben: Dass kein Toiletten-Papier in den Regalen liege, läge auch daran, dass die Händler die teuren Klopapier-Preise der Hersteller nicht mehr bezahlen wollten. Denn die erhöhten Energie- und Produktionskosten (hohe Strom- und Gaspreise) durch den Ukraine-Krieg treiben auch die Herstellungskosten für Klopapier in die Höhe. Die Hersteller müssen die Preise erhöhen. Und die Händler wollen diese nicht mehr zahlen?

Leere Supermarkt Regale, Hamsterkaeufe von Toilettenpapier aus Angst vor den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs
Die Deutschen hamstern wieder mal Toilettenpapier – und die Regale bleiben leer. Aber: Das liegt auch an Lieferschwierigkeiten. © Frank Hoermann/Sven Simon/imago

Mögliche Hamsterkäufe: Toilettenpapier wieder knapp – kaufen die Händler wegen teurer Preise zu wenig ein?

Binz kann sich beim Klopapier das vorstellen. „Die Marge ist bei Toilettenpapier eh schon gering“, sagt er. Binz vermutet, dass die Händler, also Supermärkte wie Aldi, Lidl oder Edeka, kein teures Toilettenpapier einkaufen wollen, weil sie dann ihre Preise für den Kunden erhöhen müssten. „Das wollen sie aber nicht, weil die Kunden dann zur Konkurrenz gehen.“ Doch so bleibt das Klopapier im Lager – und die Deutschen machen Hamsterkäufe und bunkern. Aus Panik davor, es könnte bald alle sein.

Laut Binz sei eine Alternative, Toilettenpapier aus dem Ausland einzukaufen, das immer noch billiger sei – weil die Hersteller dort eher auf Gewinn verzichten würden als hierzulande. „Ich habe letztens im Regal Toilettenpapier aus Italien gesehen“, sagt Binz.

Aus einer Edeka-Filiale hören wir beim Klopapier: Man kaufe genug ein. Dazu hätte man auch eigene Toilettenpapier-Marken und sei nicht abhängig von anderen Anbietern.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Dass die Regale in den nächsten Wochen bei Toilettenpapier im Supermarkt und Discounter immer wieder leer sein werden könnten. Hamstern befeuert diese Entwicklung nur, und wird beim Einkauf bei Rewe, Aldi, Edeka, dm oder Lidl nicht empfohlen. Die Gründe für die Knappheit an Klopapier sind komplex.

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