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Experten schlagen Alarm: Kommt bald die Krebs-Epidemie durch Corona?

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Von: Carolin Gehrmann

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Corona hat die Bekämpfung von Krebs um ein Jahrzehnt zurückgeworfen. Eine Expertenkommission fordert, die Krankheit wieder verstärkt in den Fokus zu stellen.

Bremen – Eine Million Krebsfälle könnten in den vergangenen zwei Jahren in Europa unentdeckt geblieben sein, so die Einschätzung von einer neu gegründeten Expertenkommission. Als Hauptverantwortliche benennen die 47 Fachleute der „Lancet Oncology Commission“ die Corona-Pandemie. Viel weniger Menschen hätten Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen und Behandlungen mussten verschoben werden.

Coronapandemie und Krebs: Vorsorge geriet in Vergessenheit – „Wettlauf gegen die Zeit“

Doch auch der russische Angriff auf die Ukraine und der andauernde Krieg haben Auswirkungen auf die Krebsbekämpfung. Die Lage habe sich dramatisch verschärft. „Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit“, lautet daher die Befürchtung des Kommissionsvorsitzenden Mark Lawler von der Queen’s University Belfast. Die unentdeckten Krebsfälle müssten gefunden werden, sonst drohe Europa bald eine regelrechte „Krebsepidemie“.

Kann Corona Krebs verursachen? Jeder zweite Krebskranke nicht rechtzeitig behandelt

Corona selbst verursacht zwar keinen Krebs, aber das Virus hat die Gesundheitssysteme so überstrapaziert, dass viele Labore nicht mehr so arbeiten konnten wie davor oder sogar schließen mussten. Dadurch hätten sich klinische Studien verzögert, was sich wiederum negativ auf die Krebsforschung auswirkt. Die Bilanz, die die Autoren der Studie der Pandemie ausstellen, ist daher auch alarmierend: Im ersten Corona-Jahr 2020 seien ein bis fünf Millionen Krebspatientinnen und Krebspatienten weniger behandelt worden. Dazu sei jeder zweite Erkrankte außerdem nicht rechtzeitig operiert worden beziehungsweise sei die Chemotherapie zu spät erfolgt.

Corona-Intensivstation
Die Corona-Pandemie hat das Gesundheitssystem an ihre Grenzen gebracht, Behandlungen wurden verschoben. Droht nun eine „Krebsepidemie“? © Christoph Soeder/dpa

Krebs durch Corona: 2020 wurden bis zu 5 Millionen Krebspatienten weniger behandelt

Viele Krankenhäuser waren im ersten Pandemiejahr bis an die Grenzen und darüber hinaus belastet. Die Bilder von überlasteten und völlig erschöpften Krankenhausmitarbeitern haben wohl die meisten noch in Erinnerung. Viele, vor allem ältere und vorerkrankte Menschen entwickelten in der Zeit schwere Verläufe und mussten über lange Zeiträume intensivmedizinisch behandelt werden. Die Kliniken kämpften mit der zusätzlichen Last und den Personalausfällen und kamen dennoch an ihre Kapazitätsgrenzen. Planbare Operationen mussten dadurch verschoben werden. Das alles hat dafür gesorgt, dass an anderer Stelle neue Probleme entstanden sind. In diesem Fall bei den Krebspatienten, die oftmals das Nachsehen hatten.

Der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), Thomas Seufferlein, weist jedoch darauf hin, dass Deutschland im Vergleich noch recht gut dastehe. Andere Länder hätte es hingehen härter getroffen. Die Problematik sei länderspezifisch zu betrachten. „In Deutschland sind wir verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen, deshalb war die Versorgungslage hierzulande auch weniger dramatisch als andernorts. Wir hatten auch Einbrüche bei den Tumoroperationen zu den Gipfeln der Pandemie, einiges konnte aber aufgeholt werden“, erklärt er gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Weniger Vorsorge gegen Krebs: 100 Millionen Untersuchungen wurden wegen Corona versäumt

Bei der Krebsfrüherkennung kommt er hingegen zu einem ähnlichen Schluss wie die Expertenkommission der Fachzeitschrift „Lancet“. Dadurch sieht auch er ein Risiko, dass künftig die Zahl der Menschen, die eine Krebserkrankung entwickeln, weiter ansteigen wird. Circa 100 Millionen Vorsorgeuntersuchungen seien nach Angaben der Kommission versäumt worden. Das deckt sich mit Seufferleins Beobachtungen. „Wir können im Moment noch nicht abschätzen, wie stark sich das auswirken wird“, erklärt er. „Aber es wird sich auswirken.“

Behandlung von Krebs: Heilungschancen sind oft gut – bei frühzeitiger Erkennung

Die Heilungschancen von Krebs sind umso besser, je früher sie erkannt werden. Mit Anzeichen für eine Krebserkrankung sollte lieber einmal mehr als einmal zu wenig eine Arztpraxis aufgesucht werden. Doch gerade in den ersten zwei Jahren der Corona-Pandemie sind viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung lieber nicht gegangen, gerade auch die älteren. Doch ausgerechnet sie haben ein erhöhtes Krebsrisiko, da ein höheres Alter das Entstehen bösartiger Tumore wie Darmkrebs oder Lungenkrebs begünstigt. Anders ist das beim Hodenkrebs, er tritt meist schon in jungen Jahren zwischen 20 und 45 auf.

Forschung bei Krebs muss ausgebaut werden – nicht nur finanziell

Im Ausbau der Forschung liegt nach Ansicht der Expertenkommission der Schlüssel, um Krebs besser behandeln und heilen zu können. Zudem benötige man mehr Erkenntnisse darüber, warum Menschen in Europa nicht an Krebsfrüherkennungsprogrammen teilnehmen, erklärt Kommissionsmitglied Anna Schmutz von der französischen International Agency for Research on Cancer. Hier gebe es laut der Kommission erhebliche Defizite – vor allem auch finanzieller Art. Sie fordern daher, das europäische Krebsforschungsbudget auf 50 Euro pro Kopf bis 2030 zu verdoppeln.

Die Investitionen in die europäische Krebsforschung in den Jahren 2010 bis 2019 betrugen etwa 20 bis 22 Milliarden Euro – ohne die Beiträge des privaten Sektors wie der pharmazeutischen Industrie, schreibt sie in ihrem Bericht. Das sind etwa 26 Euro pro Kopf. In den USA sind die Investitionen 234 Euro pro Kopf wesentlich höher. Die Krebskommission sieht hier einen erheblichen Mangel und fordert, die finanziellen Mittel für die Krebspräventionsforschung aufzustocken. Sie werde bei Weitem noch nicht so gefördert, wie sie es verdient, argumentieren die Experten.

Abseits von Corona: Ukrainekrieg hat negative Folgen für die Krebsforschung

Doch Geld ist nach Ansicht der Experten nicht das alleinige Mittel. Auch das Volumen der Forschung müsse sich vergrößern: bis 2024 müssten daher die Forschungsaktivitäten verdoppelt werden. Vor allem in osteuropäischen Ländern stagniere die Forschungsarbeit derzeit, was durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine noch verstärkt wird. Beide Länder tragen jedoch finanziell erheblich zur klinischen Krebsforschung bei, sie gehören weltweit zu den größten Beitragszahlern. Studien könnten sich durch den Krieg verzögern oder gar nicht erst zustande kommen. Damit bleibe mögliches Wissen über die Krankheit Krebs auf der Strecke.

Das Ziel ist es, die Forschung zu verbessern und die Überlebensrate bis 2035 deutlich zu erhöhen

Das erklärte Ziel der „Lancet Oncology Commission“ ist, die Überlebenschancen Krebskranker wesentlich zu verbessern. 70 Prozent der Krebspatientinnen und Krebspatienten in Europa sollten bis zum Jahr 2035 eine 10-Jahres-Überlebensrate haben. Mit einer Umgestaltung der Krebsforschung bestünde die Chance dazu. DKG-Präsident Seufferlein hält eine weitere Steigerung der Rate für realistisch – auch in fortgeschrittenen Stadien. Zunehmend personalisierte Therapien und individuelle Tumorsequenzierungen könnten das möglich machen.

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