1. Startseite
  2. Deutschland

Anti-Covid-Pille Paxlovid: Viele Ärzte in Deutschland lehnen den Corona-Stopper ab

Erstellt:

Von: Yannick Hanke

Kommentare

Die Anti-Covid-Pille Paxlovid soll vor allem älteren, vulnerablen Menschen im Corona-Herbst helfen. Doch viele Ärzte in Deutschland lehnen es ab. Warum?

Berlin – Vor Corona ist bekanntlich so gut wie niemand gefeit. Auch nicht Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der Anfang August 2022 an Covid-19 erkrankt war. „Um die Symptome zu verkürzen und Spätfolgen zu vermeiden und auch um mit gutem Beispiel voranzugehen“, so formulierte es Lauterbach selbst, nahm der Sozialdemokrat das antivirale Medikament Paxlovid ein.

Die Anti-Covid-Pillen könnten im Corona-Herbst einiges verändern. Insofern sie eingesetzt werden dürfen. Denn viele Ärzte in Deutschland verweigern ihren Patienten den Virusstopper. Warum eigentlich?

Corona in Deutschland: An Corona infizierter Karl Lauterbach nahm die Anti-Covid-Pillen Paxlovid ein

Paxlovid, das ist eine Kombination der Wirkstoffe Nirmatrelvir und Ritonavir. Während Nirmatrelvir ein sogenannter Proteasehemmer ist, der die Virusreplikation hemmt, dient das aus der HIV-Therapie bekannte Ritonavir als Wirkverstärker. Von diesen Anti-Covid-Pillen musste Karl Lauterbach innerhalb von fünf Tagen insgesamt 30 Stück schlucken. Zwar hätte er vorübergehend einen metallischen Geschmack im Mund verspürt. „Aber die Wirkung war schlagend“.

Eine Person hält das Medikament Paxlovid vom US-Pharmakonzern Pfizer gegen Covid-19 in den Händen.
Die Anti-Covid-Pillen Paxlovix können vor allem bei älteren Menschen das Risiko einer schweren Corona-Erkrankung verringern. Und doch gibt es auch Kritik und Nachteile am Medikament. © Fabian Sommer/dpa

Schon nach 24 Stunden hätte der Gesundheitsminister wieder arbeiten können. Die Einnahme von Paxlovid hatte Lauterbach auf Twitter kundgetan, umgehend sollte ihm Kritik entgegenschlagen. Mal hieß es, Lauterbach würde nur Werbung für das Medikament machen. Oder Nutzer vom Social-Media-Dienst reagierten zutiefst empört, da ihnen selbst Paxlovid vom Arzt verweigert wurde. Schlicht ein Beispiel für eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Oder steckt mehr dahinter?

Ärtzte in Deutschland mit großer Zurückhaltung beim Verordnen der Anti-Corona-Pillen Paxlovid

Fakt ist: Das vom Pharmakonzern entwickelte Medikament Paxlovid wird von Ärzten in Deutschland tatsächlich nur sehr zurückhaltend verordnet. Das Mittel ist seit Ende Januar 2022 bedingt für an Covid erkrankte Erwachsene zugelassen, „die keinen zusätzlichen Sauerstoff benötigen und bei denen ein erhöhtes Risiko besteht, dass die Krankheit schwerwiegend wird“. Das teilte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) mit.

Wie die Anti-Covid-Pillen Paxlovid von Pfizer wirken

Das Coronavirus bindet sich mit einem sogenannten Spike-Protein an die menschliche Zelle. Das Viruserbmaterial, die RNA, dringt im Folgenden in die Wirtszelle ein. Körpereigene Ribosome lesen die RNA ab und es entstehen Polypeptidketten. Diese Ketten werden wiederum durch spezielle Enzyme vom Coronavirus in einzelne Proteine geteilt.

An dieser Stelle greift das Paxlovid, das aus Ritonavir (wird sonst zur Therapie von HIV-Infektionen und AIDS eingesetzt) und Nirmatrelvir (chemische Verbindung mit antiviraler Wirkung zur Behandlung von Covid-19) besteht.

Das Ritonavir verhindert, dass das Medikament zu schnell abgebaut wird. Das Nirmatrelvir wiederum blockiert die Funktion des viralen Proteaseenzyms vom Coronavirus, das Proteine spaltet. Die Folge: Die Ketten werden eben nicht mehr geteilt, wodurch die Bausteine zur Bildung von neuen Coronaviren fehlen.

Vorsorglich hatte das Bundesgesundheitsministerium eine Million Packungen der Anti-Covid-Pillen eingekauft. Doch wurden bislang nur circa 43.000 Packungen Paxlovid vom Großhandel auch an die Apotheken ausgeliefert. Ein Indiz dafür, wie selten das Medikament bislang von Ärzten verordnet wurde. Und wenn die EMA die erlaubte Haltbarkeitsdauer nicht signifikant verlängert, müssen Anfang 2023 mehrere hunderttausend Dosen vernichtet werden.

Corona-Studien belegen bereits Wirksamkeit von Paxlovid

„Ich glaube, dass wir durch die viel zu zurückhaltende Paxlovid-Verordnung gerade eine große Chance vertun“, heißt es von Clemens Wendtner gegenüber Spiegel Online. Der Infektiologe und Chefarzt an der München Klinik Schwabing verweist darauf, dass das Mittel innerhalb der ersten fünf Tage nach Beginn der Symptome eingenommen werden muss. Doch die meisten der Covid-Patienten, die in seinem Krankenhaus stationär behandelt werden müssen, hätten in diesem Zeitraum kein Paxlovid von ihrem Hausarzt erhalten.

Ich denke, dass man ihr Leid dadurch oft hätte verhindern können.

Clemens Wendtner, Infektiologe und Chefarzt an der München Klinik Schwabing, spricht mit Spiegel Online über die Anti-Covid-Pillen Paxlovid

Dabei gibt es bereits reichlich Belege für die Wirksamkeit von Paxlovid. In der Zulassungsstudie konnte das Medikament das Risiko für Krankenhauseinweisungen oder Tod um 89 Prozent verringern. Hierfür wurden jedoch nur ungeimpfte Risikopatienten untersucht. Eine von US-Forschern veröffentlichte Kohortenstudie an Geimpften wiederum zeigte, dass nach der Einnahme von Paxlovid ein um 45 Prozent niedrigeres Risiko für Notfallambulanz-Besuche, Krankenhauseinweisungen oder Tod vorlag.

Corona-Herbst in Deutschland: Paxlovid kann Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs bei älteren Menschen senken

Mit Blick auf den Corona-Herbst in Deutschland, den damit verbundenen neuen Corona-Regeln und der Situation der älteren, für Krankheiten anfälligen Menschen ist eine Studie aus Israel entscheidend. Sie wurde an über 100.000 Patienten durchgeführt, die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Hier konnte gezeigt werden, dass Paxlovid bei über 65-jährigen Covid-Patienten das Risiko für einen schweren Verlauf erheblich senken kann – egal, ob sie geimpft oder ungeimpft sind.

Und das Risiko, aufgrund einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, war bei denen, die Paxlovid eingenommen hatten, um 73 Prozent geringer. Das weiß auch Karl Lauterbach, der Paxlovid zur zweiten Säule neben der Corona-Impfung machen will. Hierfür wurde in die Wege geleitet, dass Hausärzte das Medikament ab sofort in ihrer Praxis vorrätig haben und direkt an Corona-Patienten abgeben dürfen. Eine Verordnung soll zudem mit 15 Euro vergütet werden.

Nebenwirkungen von Paxlovid: Anti-Covid-Pillen bringen nicht nur Positives mit sich

Doch was spricht bei all den positiven Faktoren eigentlich gegen die Anti-Covid-Pillen Paxlovid? Wie so oft bei Medikamenten kann auch der von Pfizer entwickelte Corona-Stopper Nebenwirkungen mit sich bringen:

Laut der EMA seien die Nebenwirkungen von Paxlovid im Allgemeinen milde. Doch könne das Mittel die Wirkung von anderen Medikamenten beeinträchtigen. Darüber hinaus sehen Experten im vermeintlichen „Game Changer“ Paxlovid noch weitere Nachteile und Probleme.

Kritik an Corona-Medikament Paxlovid: Beeinträchtigt die Wirkung anderer Medikamente

Das Medikament muss schließlich rechtzeitig eingenommen werden, möglichst kurz nach der Covid-19-Infektion. Doch wissen Betroffene häufig erst nach einigen Tagen, ob sie sich tatsächlich mit Corona infiziert haben. Für die volle Wirkung von Paxlovid könnte es in vielen Fällen also zu spät sein.

Ein weiterer Nachteil wird darin gesehen, dass die Anti-Covid-Pille Paxlovid die Wirksamkeit anderer Medikamente beeinträchtigen kann. Dabei sind Risikopatienten und Menschen mit Vorerkrankungen jedoch häufig auf die Einnahme von anderen Medikamenten angewiesen. Zudem gibt es die Befürchtung, dass bei einer zweiten Behandlung mit Paxlovid eine Resistenz gegen das Medikament gefördert und entwickelt wird.

Auch interessant

Kommentare