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Blutwäsche gegen Long Covid: Was die Behandlung bewirkt – oder nicht

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Von: Carolin Gehrmann

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Was ist dran an der umstrittenen Therapieform Blutwäsche im Kampf gegen Long Covid? Wird die kostspielige Behandlung von den Krankenkassen bezahlt? Welche Erfahrungen es mit der Methode gibt und wie sie wirkt – oder nicht.

Bremen – Die Corona-Pandemie, die derzeit im Zuge der Herbstwelle wieder richtig an Fahrt aufnimmt, hat zahlreiche verzweifelte Patienten zurückgelassen. Denn selbst nach überstandener Infektion klingen bei vielen die Beschwerden einfach nicht ab: Post Covid macht die Runde. Long Covid heißt die Krankheit auch, über die noch nicht viel bekannt ist. Außer, dass sie für eine Vielzahl von Symptomen sorgt: von Atemnot und Kopfschmerzen über Konzentrationsstörungen bis hin zu schweren Erschöpfungszuständen – die Liste der Symptome, die Long Covid verursacht, ist lang.

Long Covid-Symptome sorgen für hohen Leidensdruck – viele suchen Hilfe mittels Blutwäsche

In ihrer Verzweiflung suchen viele Menschen auf eigene Faust medizinische Hilfe, weil sie endlich wieder ein halbwegs normales Leben führen wollen. Und einige von ihnen stoßen dabei auf die Behandlungsmethode „Blutwäsche“ oder Apherese, wie sie im Fachjargon heißt, und die verspricht, sie von ihren Beschwerden zu befreien. In einer ARD-Dokumentation zu Long Covid mit dem bekannten Fernseharzt Eckart von Hirschhausen wurde die Therapieform umfassend vorgestellt.

Blutwäsche bei Long Covid – eine Praxis in Mühlheim gibt an, damit bei vielen Patienten gute Erfahrungen gemacht zu haben

Eine Praxis in Mülheim gibt an, schon mehr als tausend Patienten mit der sogenannten HELP-Apherese behandelt zu haben – mit Erfolg, wie sie sagen. Aber was ist an der Methode überhaupt dran? Hilft sie Long Covid-Patienten wirklich dabei, ihre Beschwerden loszuwerden? Laut Bundesgesundheitsministerium leiden bis zu 15 Prozent der zuvor Corona-Infizierten anschließend unter Long oder Post Covid.

Bei den derzeit hohen Infektionszahlen, der großen Dunkelziffer und dem immensen Leidensdruck der Betroffenen also kein Problem, das auf die leichte Schulter genommen werden kann. Dennoch gibt es noch keine festgelegten Standards, wie die Krankheit medizinisch behandelt werden soll. Zu vieles darüber ist noch im Unklaren, wissenschaftlich fundierte Studien brauchen ihre Zeit und lassen daher derzeit noch auf sich warten.

„Nahezu biblische Heilungen“ durch Blutwäsche bei Long Covid – stimmt das?

Kann die Apherese da vielleicht die Lösung sein? Schließlich spricht die in der ARD-Doku vorgestellte Ärztin Beate Jaeger von „nahezu biblischen Heilungen“, wie die Süddeutsche schreibt: Etwa von „jungen Krankenpfleger, die kaum vom Bett zur Küche kriechen konnten“ und „nach zwei Apheresen plötzlich wieder Marathon laufen konnten“. Das klingt erst einmal ziemlich vielversprechend. Wobei die Zeitung auch kritisch anmerkt, dass in dem ARD-Beitrag gar nicht von Patienten berichtet wurde, denen die Blutwäsche nicht geholfen hat – die es aber durchaus gibt, wie die Macher auf Anfrage einräumen.

Die Kosten einer Blutwäsche bei Long Covid müssen privat getragen werden – Krankenkassen übernehmen sie nicht

Außerdem muss gleich vorweggesagt werden: Die Behandlung ist sehr kostspielig und wird von den Krankenkassen nicht bezahlt. Die Kosten belaufen sich pro Behandlung auf bis zu 3000 Euro – die von Patientinnen und Patienten privat aus eigener Tasche gezahlt werden müssen. Meist ist es außerdem nicht mit einer Behandlung getan, was die Kosten schnell bis in die Zehntausende ansteigen lassen kann.

Experten wie Jan Kielstein, Chefarzt für Innere Medizin und Blutreinigungsverfahren am Städtischen Klinikum Braunschweig, warnen daher davor, dass sich ein Markt für solche Therapien entwickele, wie er gegenüber der Süddeutschen sagt. Zumal die Wirkung von Blutwäsche auf Long Covid noch gar nicht wissenschaftlich belegt ist, wie die Long-Covid-Expertin Carmen Scheibenbogen von der Charité gegenüber der Zeitung erklärt. Mit dem medizinischen Ethos ist es eigentlich nicht vertretbar, Therapien anzubieten, deren Erfolg nicht über klinische Studien nachgewiesen werden konnte.

Wie funktioniert eine Blutwäsche? Was wird eigentlich aus dem Blut herausgefiltert?

Aber was bewirkt die Therapie mittels einer Blutwäsche eigentlich genau? Und wie funktioniert so eine Lipid-Apherese? Ursprünglich ist die Methode für Menschen mit zu hohen Blutfettwerten entwickelt worden. Es werden daher vor allem Fette aus dem Blut gewaschen. Bei der Apherese wird eine Vene am Arm angezapft. Das Blut wird in einen Apparat geleitet, in dem sich spezielle Filter befinden, die es die roten Blutzellen und das Plasma aufspalten. Bestimmte Bestandteile und Proteine werden anschließend herausgefiltert. Dann werden Plasma und rote Blutkörper durch die Maschine wieder zusammengeführt und das so „gereinigte“ Blut über einen Schlauch und eine Vene wieder in den Körper geleitet.

Eine Blutwäsche-Maschine mit Frau im Hintergrund
Die Blutwäsche wird als Therapie gegen Long Covid angeboten – auf eigene Kosten und mit fraglichem Erfolg. © Science Photo Library/IMAGO

Was soll die Blutreinigung bei Long Covid bewirken? Welche Rolle spielt das Blut bei Long Covid Symptomen?

Laut Tagesspiegel fußt die Behandlung mittels Blutreinigung bei Long Covid auf der „kaum belegten Annahme, dass kleine Blutgerinnsel infolge der Corona-Infektion den Sauerstofftransport einschränken und so die Symptome von Long Covid auslösen“. Doch Robert Ariens, Professor für Gefäßbiologie an der Medizinischen Hochschule im britischen Leeds, merkt in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift BMJ an: „Mikrogerinnsel [im Blut] mögen ein Biomarker für die Krankheit sein, aber wie sollen wir wissen, ob sie auch die Ursache sind?“

Behandlung mit Blutwäsche zur Beseitigung von Gerinnseln – laut Gefäßexperten bei Long Covid „übereilt“

Und weiter: „Wenn wir noch nicht wissen, wie sich die Mikrogerinnsel bilden und ob sie die Krankheit verursachen, erscheint es übereilt, eine Behandlung zu gestalten, die diese Mikrogerinnsel entfernen.“ Laut Ariens sei darüber hinaus auch nicht klar, ob die Behandlung überhaupt dauerhaft ist, also die Rückkehr der Mikrogerinnsel wirklich verhindert wird.

Wie sind die Erfahrungen mit Blutwäsche bei Long Covid? Welche Ergebnisse gibt es?

„Ich fühle mich insgesamt viel besser“, sagt ein Patient in der ARD-Doku, der sich einer Apherese in der Mühlheimer Praxis unterzogen hat. In den Augen vieler Behandelten war die Therapie ein Erfolg. Die Beschwerden des Patienten haben nachgelassen. Ob das aber wirklich an der Behandlung mittels Blutwäsche liegt, lässt sich derzeit kaum nachweisen. Experten führen es laut Tagesschau zum einen auf den Placebo-Effekt zurück, zum anderen liegt es auch daran, dass dem Faktor Zeit wohl beim Abklingen der Long Covid-Symptome wohl die größte Bedeutung zukommt.

Auch ohne Blutwäsche sind die Long Covid-Symptome meist nach einem Jahr verschwunden

Eine im Ärzteblatt veröffentlichte Studie aus Seattle konnte ermitteln, dass die Beschwerden bei den meisten Patienten nach einem Jahr deutlich nachgelassen oder ganz verschwunden waren. Lediglich 11 Prozent der Long Covid-Patienten, die bei der Infektion im Krankenhaus behandelt worden waren, hatten nach einem Jahr noch Symptome und sogar nur 0,7 Prozent der Erkrankten ohne Krankenhausaufenthalt – und das auch ganz ohne kostspielige Blutwäsche-Behandlungen.

Leitlinien für Ärzte empfehlen die Apherese als Behandlung von Long Covid derzeit nicht

In der Leitlinie für Ärzte zur Behandlung von Long und Post-Covid heißt es daher auch bezüglich der Apherese: „Wenn es auch positive Fallberichte und kleine Fallserien geben mag, ist aktuell von einer generellen Anwendung dringend abzuraten“, schreibt die Süddeutsche. Zumal die Therapieform auch eine Vielzahl von Nebenwirkungen haben kann: Laut der Nephrologie-Gesellschaft gehören dazu Komplikationen wie Venenentzündungen, allergische Reaktionen, Blutungskomplikationen, Blutdruckabfälle und Zerstörung der roten Blutkörperchen.

Zu wenig Wissen über Erfahrungen mit Blutwäsche führt dazu, dass sie Patienten verkauft werden kann

Laut Tagesschau werden der hohe Leidensdruck der Patienten und die fehlenden Studien über die Behandlung von Long Covid dazu führen, dass die Menschen auch weiterhin auf eigenen Faust – und eigene Kosten – nach Hilfe suchen. Dabei sind sie nicht immer unbedingt gut beraten. Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover zeigt sich daher der Methode Apherese gegenüber skeptisch: Solange es keine Studien gebe, die die Nutzlosigkeit zeigen, wird er zitiert, könne man immer wieder Patienten eine Blutwäsche verkaufen. 

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