Bischöfe uneins bei Bewältigung von Missbrauchsskandal

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Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick fordert längere Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch.

Bamberg - Die katholischen Bischöfe in Deutschland sind bei der Bewältigung des Missbrauchsskandals in kirchlichen Schulen und Internaten uneins.

Während der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Dienstag als erster Oberhirte einer Diözese längere Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch forderte, bezichtigte sein Regensburger Kollege Gerhard Ludwig Müller Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) der Lüge. Unterdessen melden sich immer mehr frühere Mitglieder der Regensburger Domspatzen und berichten von Prügelstrafen des einstigen Direktors der Internatsvorschule.

Schick will Frist auf 30 Jahre verlängern

“Das wichtigste sind die Opfer, ihnen muss die Justiz Gerechtigkeit zukommen lassen“, teilte der Bamberger Erzbischof mit. Schick plädierte dafür, die Frist bei der Verfolgung von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen auf 30 Jahre zu verlängern, damit die Behörden die Taten auch wirklich aufklären können. “Dieses Recht und diese Pflicht sollte nicht infrage gestellt werden.“

Zuvor hatte bereits Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) längere Verjährungsfristen verlangt. Bisher endet diese bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Regel 10 Jahre nach der Volljährigkeit des Opfers. Leutheusser-Schnarrenberger sieht längere Verjährungsfristen allerdings skeptisch. Sie plädierte stattdessen in der “Süddeutschen Zeitung“ (Dienstag) für eine Entschädigung der Opfer in bereits verjährten Fällen.

Bischof Müller attackiert Justizministerin

Mit scharfen Worten attackierte der Regensburger Bischof Müller die Bundesjustizministerin. Leutheusser-Schnarrenberger unterstelle der Kirche, strafrechtliche Sanktionen zu verhindern. Sie behaupte, besonders an katholischen Schulen gebe es eine Schweigemauer, die die Aufklärung von Straftaten erschwere oder gar verhindere. “Die Behauptung der Ministerin ist unwahr und ehrenrührig“, erklärte Müller auf den Internetseiten des Bistums. Er forderte die FDP- Politikerin auf, Beweise vorzulegen. “Kann sie diesen Beweis nicht erbringen, fordere ich sie auf, ihre Amtsautorität nicht für derartige Übergriffe zu instrumentalisieren.“

Im Bistum Augsburg meldete sich unterdessen ein früherer Pfarrer elf Jahre nach einem möglichen Missbrauchsfall bei den Ermittlungsbehörden. Das Bischöfliche Ordinariat hatte den Mann zur Selbstanzeige gedrängt. Das Ordinariat wusste eigenen Angaben zufolge von Anfang an von dem Verdachtsfall, bei dem es um “moralisch fragwürdige Verhaltensweisen“ des Pfarrers gegenüber Kindern gehen soll.

Nach dem Treffen einer Delegation des Bistums unter Leitung des Generalvikars mit Augsburgs Leitendem Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz teilte die Anklagebehörde am Abend mit, bei ihr sei “zwischenzeitlich ein Schreiben eines von einem Priester mandatierten Augsburger Rechtsanwalts eingegangen“. Darin werde “ein Verhalten des Priesters aus dem Jahr 1999 beim Umgang mit Kindern geschildert“. Die Staatsanwaltschaft Augsburg habe “insoweit ein Vorermittlungsverfahren zur Prüfung, ob ein Anfangsverdacht für verfolgbare Straftaten vorliegt, eingeleitet“.

Ratzinger distanziert sich von Prügel-Praktiken

Der frühere Regensburger Domkapellmeister und Papst-Bruder Georg Ratzinger distanzierte sich unterdessen erneut von früheren Prügel- Praktiken in der Internatsvorschule der Regensburger Domspatzen. Der “Passauer Neuen Presse“ (Dienstag) sagte der 86-Jährige mit Blick auf den Internatsleiter: “Wenn ich gewusst hätte, mit welch übertriebener Heftigkeit er vorging, dann hätte ich schon damals etwas gesagt.“ Er verurteile das Geschehene und bitte die Opfer um Verzeihung.

Ratzinger räumte zwar ein, einige der Buben hätten ihm auf Konzertreisen erzählt, wie es ihnen in der Vorschule ergangen sei. Doch seien diese Berichte bei ihm nicht so angekommen, “dass ich glaubte, etwas unternehmen zu müssen“. Der frühere Domkapellmeister gab zu, bis Ende der 70er Jahre in den Chorproben selbst hin und wieder Ohrfeigen verteilt zu haben. Doch habe er nie jemanden grün und blau geschlagen.

Zur Begründung sagte der langjährige Chorleiter: “Früher waren Ohrfeigen einfach die Reaktionsweise auf Verfehlungen oder bewusste Leistungsverweigerung.“ Doch sei er froh gewesen, als zu Anfang der 80er Jahre körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden: “Daran habe ich mich striktissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert.“

In der “Süddeutschen Zeitung“ (Dienstag) berichtet ein ehemaliger Domspatz der Internatsvorschule, dass der Direktor Anfang der 80er Jahre mit dem Stuhl auf einen Achtjährigen eingeschlagen habe. Der Bub hatte als Ministrant beim Gottesdienst einen Fehler gemacht. In einem anderen Fall warf der Geistliche dem Bericht zufolge während der Eucharistiefeier mit der Hostienschale in Richtung eines Buben, von dem er sich gestört fühlte. Das Kind wurde an der Schläfe getroffen, reichte die Schale nach vorne, und als sei nichts geschehen fuhr der Direktor mit der Liturgie fort.

dpa

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