Brexit könnte deutsche Autobauer ausbremsen

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BMW hat sehr viel Geld in seine Mini-Fabrik in Oxford investiert. Ein Brexit käme dem Autobauer sehr ungelegen. 

München - Großbritannien ist ein wichtiger Markt für die deutsche Autoindustrie. Keine Branche würde stärker leiden, wenn am Ärmelkanal Handelsschranken entstünden und das Land in die Rezession rutschte. Aber die Hersteller plagt noch eine viel größere Sorge.

Update vom 22. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Bei einem EU-Austritt der Briten beginnt für die deutsche Autoindustrie eine gefährliche Wegstrecke. Auf der Insel dürften in diesem Fall Umsätze in Milliardenhöhe wegbrechen. "Wir sehen diese Branche dann in der Bredouille", sagt BayernLB-Volkswirt Manuel Andersch.

Vor allem BMW ist betroffen: Die Münchner verkaufen nicht nur mehr Autos im Vereinigten Königreich als Audi und Mercedes, sie haben auch noch vier Werke in England.

Das größte Risiko droht allerdings auf dem Kontinent. Ein Brexit träfe die gesamte deutsche Exportwirtschaft, aber "die deutsche Automobilindustrie an allererster Stelle", betont der Geschäftsführer der britischen Handelskammer in Deutschland, Andreas Meyer-Schwickerath. Jeder siebte Wagen aus einer deutschen Autofabrik wird nach Großbritannien ausgeführt. Das Land ist nach China und den USA der drittgrößte Auslandsmarkt für die deutsche Autoindustrie.

BMW hat in Großbritannien im vergangenen Jahr 236 000 Autos verkauft - das waren mehr als 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Audi waren es 9, bei Mercedes 8, beim VW-Konzern insgesamt 6 Prozent.

Pfund rutscht ab

Für die deutsche Automobilindustrie sei das Vereinigte Königreich der größte Exportmarkt, sagte der Präsident des Branchenverbands VDA, Matthias Wissmann. "Der Wegfall des Binnenmarktes wäre gleichermaßen für große und kleine Unternehmen eine spürbare Handelshürde. Denn sie wären gezwungen, ihre Produkte an den jeweils anderen Markt anzupassen und zusätzliche Zulassungsverfahren zu durchlaufen. Das kostet Zeit und Geld." Es bestünde die Gefahr, dass sowohl in der EU als auch in Großbritannien die Nachfrage sinken und damit Handelsströme und Wertschöpfung zurückgehen würden.

"Großbritannien ist für die Autohersteller ein interessanter, lukrativer Markt, der stark gewachsen ist", sagt Gerhard Wolf, Chef der Auto-Analysten bei der Landesbank Baden-Württemberg. Aber im Brexit-Fall sehen die meisten Volkswirte Großbritannien in die Rezession rutschen. "Das Pfund wird deutlich nach unten rauschen, um 10 bis 15 Prozent", sagt Andersch. Importe würden teurer.

Die Landesbank in Stuttgart macht folgende Rechnung auf: Die Oberklasse-Hersteller verkaufen in Großbritannien 20 Prozent weniger Autos. Ihre Gewinnmarge, die dort höher ist als in Frankreich oder Italien, kommt massiv unter Druck. Und ihr Betriebsgewinn könnte um 4 bis 8 Prozent sinken, sagt Wolf. Ein Rückschlag, aber verkraftbar.

Der BMW-Konzern exportiert jedoch nicht nur Autos aus München, Dingolfing und Regensburg nach England. Er baut dort auch jährlich mehr als 200 000 Mini- und 4000 Rolls-Royce-Modelle.

Alle 68 Sekunden rollt im Werk Oxford ein Mini vom Band. Wenige Tage vorher noch kann der Kunde seine Bestellung ändern, Farbe, Motor, Ausstattungswünsche korrigieren. Die erforderlichen Teile werden "Just in time" angeliefert - das spart Lagerkosten, erfordert aber ein ausgeklügeltes und zuverlässiges Netzwerk von Zulieferern.

Die 350 Mini-Zulieferer sind über die ganze Welt verstreut, nicht einmal die Hälfte der Bauteile stammt aus Großbritannien. Unterschiedliche Standards, Handelsschranken, bürokratische Verzögerungen und Zölle sind da ganz schlecht.

Hersteller leiden und profitieren wohl

BMW produziert in England außerdem Bauteile für seine Stammmarke. Das Karosseriewerk Swindon presst Bleche nicht nur für den Mini, sondern auch für den 2er BMW, und das Motorenwerk Hams Hall bei Birmingham liefert die Benzinmotoren für den BMW i8 nach Leipzig.

Die Werke in England seien für BMW "durchaus ein Vorteil", sagt Wolf. Denn wenn das Pfund einbricht, werden zwar die Zulieferungen aus der EU teurer - aber die örtlichen Produktionskosten sinken, und 80 Prozent der Minis werden in der EU für Euros verkauft. "Das verschafft BMW einen kleinen Ausgleich", erklärt Wolf.

In einer ähnlichen Situation befindet sich die europäische General-Motors-Tochter Opel mit ihrer britischen Schwestermarke Vauxhall. Auf der Insel werden nicht nur viele Vauxhalls verkauft, sondern auch viele Opels für den Kontinent gebaut, darunter das wichtigste Modell Astra. Im vergangenen Jahr war Großbritannien mit 311 000 verkauften Wagen der größte GM-Markt in Europa.

Unter einer Abwertung des britischen Pfunds würde der Hersteller beim Export zwar leiden, aber gleichzeitig auch profitieren und stünde damit besser da als die auf den Kontinent begrenzte Konkurrenz. Gleichwohl hofft man in Rüsselsheim, dass sich die Briten für einen Verbleib entscheiden. "Vauxhall ist Teil eines vollständig integrierten europäischen Unternehmens und profitiert von den Möglichkeiten, die der freie Waren- und Personenverkehr in der EU bietet. Für unser Geschäft und auch für den gesamten Automobilsektor wäre es nicht wünschenswert, wenn das Vereinigte Königreich kein Teil der EU wäre", erklärte ein Sprecher.

Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen sagt, bei einem Brexit "gibt es sicher kurzfristig Verwerfungen, aber es ist kein Weltuntergang". In China würden 20 Millionen Autos jährlich verkauft, in Großbritannien nur 2 Millionen. "Das löst kein Erdbeben aus, wenn die Nachfrage runtergeht." Auch NordLB-Analyst Frank Schwope glaubt: "England wird nicht von der Welt abgeschnitten sein." Er erwarte zwar mehr Bürokratie und Kosten, aber keine Probleme in der Lieferkette.

Vor der Abstimmung: Briten im Brexit-Fieber

BMW, Nissan-Peugeot, Toyota und der Verband der britischen Autohersteller und -händler sind da weniger gelassen. BMW-Vertriebschef Ian Robertson sagte, die Strategie seines Unternehmens baue auf einen EU-Markt mit 500 Millionen Verbrauchern. Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös warnte per Mitarbeiterbrief, der Freihandel mit den EU-Ländern stehe bei einem Austritt infrage: "Zollschranken würden höhere Kosten und höhere Preise bedeuten."

Mit noch größerer Sorge sehen die Firmen aber den möglichen Dominoeffekt. Der Firmenkundenvorstand der BayernLB, Michael Bücker, sagt: "Wir werden einen Unsicherheitsschock sehen." Die Finanzmärkte könnten die Frage nach einem Referendum in Frankreich, nach der Zukunft der EU und des Euros durchspielen und Turbulenzen auslösen. Verunsicherte Unternehmer würden nicht mehr investieren. "Dann wird das Wachstum zurückgehen, auch in der EU, auch in Deutschland."

Das sieht man bei der Landesbank in Stuttgart ähnlich. "Solange der Brexit keinen Flächenbrand in der EU auslöst, können die Unternehmen damit umgehen", meint Wolf. "Aber wenn auch andere Länder über einen Austritt nachdenken, sich die Unsicherheit ausbreitet, das Wachstum in der EU einbricht - dann haben wir ein ganz anderes Szenario."

dpa

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