Werder-Sportchef Thomas Eichin und das Problem, Platz acht zu genießen

„Ich mag den Job auch, wenn die Kanonen donnern“

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Die Siegerfaust packt Thomas Eichin nur zu gerne aus, aber es dauert dann nicht lange, bis der Werder-Sportchef auf die nächsten schweren Aufgaben hinweist.

Bremen - Gestern Abend hat sich Thomas Eichin eine kleine Auszeit vom Fußball gegönnt – „ausnahmsweise“, wie er betont. Der Werder-Sportchef schaute sich die Kölner Haie an. Sein ehemaliger Arbeitgeber gastierte in der Deutschen Eishockey-Liga bei den Hamburg Freezers. Mit dabei auch Eichins Schwiegersohn Moritz Müller. Wäre der Bremer Rückrundenstart mit drei Siegen nicht so perfekt verlaufen, hätte sich Eichin den Besuch verkniffen. Denn der 48-Jährige will sich nicht nachsagen lassen, dass er nicht alles für Werders Klassenerhalt tut. Aber nicht nur deshalb hat Eichin so seine Probleme, den aktuellen Bremer Höhenflug zu genießen. Warum, erklärt der Ex-Profi im Interview.

Herr Eichin, wann geht’s zum Karneval?

Thomas Eichin: (lacht) Gar nicht, ich habe hier genug zu tun. Ich bin auch nicht der große Karnevalist. Ich habe das zwar bei den Kölner Haien aus beruflichen Gründen gemacht, aber ich vermisse da nichts.

Aber Sie hätten gerade durchaus Grund zu feiern.

Eichin: Ich sehe mich eher als derjenige, der bei aller Feierlaune auf dem Boden bleibt. Ich will gar nicht die Euphorie bremsen. Wir haben wirklich einen guten Weg genommen. Aber das ist kein Zufall. Die Dinge, die wir seit Monaten konsequent vorantreiben, tragen jetzt Früchte. Ich habe immer gesagt, es dauert seine Zeit, bis die neuen Spieler – gerade die jungen – ihre Qualität zeigen. Gepaart mit einem guten Trainerteam sorgt das nun dafür, dass wir punkten. Aber wir haben schwere Brocken vor der Brust. Wenn wir nicht aufpassen, sind wir schnell wieder unten.

Es geht nacheinander gegen den Tabellenvierten, -dritten- und -zweiten – kann Werder schon gegen Augsburg, Schalke und Wolfsburg bestehen?

Eichin: Wir können selbstbewusst in diese Spiele gehen. Das haben wir schon in der Hinrunde gezeigt, da waren wir über weite Strecken auf Augenhöhe.

Unter Robin Dutt wurden diese Spiele verloren, warum gewinnt Viktor Skripnik nun alles?

Eichin: Viktor und sein Team haben einen hervorragenden Zugang zur Mannschaft. Sie vermitteln ein klares Spielsystem. Viktor ist sehr authentisch, das spürt die Mannschaft. Er gibt ihr mit seiner großen Natürlichkeit ein Selbstbewusstsein, das nicht in Überheblichkeit ausartet.

Bremen und nun auch ganz Fußball-Deutschland staunt über Skripnik – Sie auch?

Eichin: Im Verein waren wir von Viktor immer überzeugt, er hat hier einen sehr hohen Stellenwert. Es war nur logisch, dass er irgendwann so eine Aufgabe übernimmt. Aber es ist dann spannend zu beobachten, wie die Umstellung auf das Haifischbecken Bundesliga klappt. Da geht es nämlich nicht nur um Training und Spiel, es kommt ganz viel dazu wie zum Beispiel die Medienarbeit. Das hat Viktor bravourös gemeistert. Der entscheidende Faktor bei ihm ist: Viktor verstellt sich nicht.

Sie sprechen die Medienarbeit an, da gab es zuletzt einige Irritationen. Sie kündigten die Verpflichtung eines Torwarts an, Skripnik behauptete, er bräuchte keinen neuen Keeper. Muss die Abstimmung besser werden?

Eichin: Es ist leider früher als geplant rausgekommen, dass wir einen weiteren Torwart verpflichten wollen. Dann hat dieses Thema eine unglaubliche Dynamik genommen. Viktor und ich – und auch viele andere – haben dann versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Aber um eines klarzustellen: Raphael Wolf war in der ganzen Zeit für uns immer die klare Nummer eins. Das haben wir ihm deutlich gesagt, deswegen konnte er auch keinen Schaden nehmen.

Man hört und liest immer mal wieder, dass Sie Viktor Skripnik als Nachfolger von Robin Dutt nicht wollten und stattdessen Bruno Labbadia vorgeschlagen haben.

Eichin: Das ist kompletter Unsinn! Ich weiß gar nicht, wie man auf so etwas kommt. Es ist doch klar, dass es hier keinen Trainer geben wird, von dem ich als verantwortlicher Geschäftsführer nicht hundertprozentig überzeugt bin. Ansonsten wäre ich doch verrückt. Schließlich kannst du nur erfolgreich arbeiten, wenn da ein enger Draht besteht. Dass wir damals intern Trainerkandidaten diskutiert haben, ist doch klar. Aber wir haben in der Geschäftsführung plus den beiden Sportdirektoren einstimmig Viktor Skripnik bevorzugt – und der Aufsichtsrat hat das einstimmig mitgetragen.

Ihr Verhältnis zu Robin Dutt war freundschaftlich, zu Skripnik wirkt es eher distanziert. Sie sitzen auch nicht mehr auf der Bank. Warum haben Sie sich da geändert?

Eichin: Der Eindruck täuscht. Nach 14 Jahren Eishockey wollte ich bei meinem Einstieg hier überall ganz nah dran sein, um alles ganz schnell mitzubekommen. Aber es war als Geschäftsführer immer mein Ziel, irgendwann etwas mehr Abstand zum Trainer und zum Sportdirektor zu haben, um meine Entscheidungen klarer treffen zu können. Ich bin trotzdem noch jeden Tag in der Trainerkabine und rede mit Viktor. In der Halbzeit bin ich in der Kabine, nach dem Spiel natürlich auch. Ich habe den gleichen Austausch mit Viktor wie damals mit Robin.

Sind Sie inzwischen ein Mitglied der berühmten Werder-Familie?

Eichin: Die Werder-Familie ist schon etwas ganz Wichtiges hier. Aber es ist genauso wichtig, einen gesunden Mittelweg zu finden. Wir dürfen hier nicht verstauben, sondern wir müssen auch Input von außen zulassen. So wie das zum Beispiel durch mich oder auch Rouven Schröder geschieht. Ich sehe meine Rolle schon darin, auch mal den Finger in die Wunde zu legen und unbequeme Entscheidungen zu treffen. Dieses Miteinander aus Tradition und Erneuerung leben wir aktiv. Das ist der neue Werder-Weg, den wir gemeinsam eingeschlagen haben.

Sie haben zuletzt ausdrücklich betont, wie viel Sie und Ihr Team in der Transferperiode gearbeitet haben. Wird Ihre Arbeit in Bremen zu wenig gewürdigt?

Eichin: Es sind doch immer die gleichen Abläufe: Wenn du in der Tabelle oben stehst, sind die Transfers immer richtig – und seien es nur Ergänzungen zum Kader. Wenn du unten bist, dann wird jeder Transfer kritisch beäugt. Das macht mir auch nichts aus. Wichtig ist die interne Beurteilung. Bis auf ganz wenige Ausnahmen lagen wir mit unseren Transfers richtig, weil alle eine Rolle bei uns spielen. Es gibt genügend Mannschaften in der Bundesliga, wo Spieler für viel Geld gekauft wurden, die jetzt auf der Tribüne sitzen.

Wird es im Sommer einen Umbruch geben?

Eichin: Das ist nicht geplant. Wir wollen die Mannschaft zusammenhalten und punktuell verbessern.

Aber wenn Werder so weiterspielt, wird die zahlungskräftige Konkurrenz mit den Geldscheinen wedeln – und dann wird es schwierig.

Eichin: So einfach ist das nicht, Werder hat seine Reize – und Spieler wissen das zu schätzen. Aber natürlich wird es wie in der Vergangenheit auch immer wieder zu Angeboten kommen, die für Spieler und Werder interessant sind. Es wird auch in Zukunft so sein, dass wir uns durch Spielertransfers wieder neue Handlungsspielräume und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen können. Das war immer Teil unseres Konzepts, und wir vertreten das auch ganz offensiv.

Ist Franco Di Santo im Sommer zu halten, wenn er so weiter trifft?

Eichin: Ja. Ich habe einen sehr engen Draht zu ihm. Er fühlt sich hier sehr wohl. Er kann das gut einschätzen, dass es hier sein erstes Jahr ist, in dem er richtig gut performt und trifft. Es gibt genug warnende Beispiele für zu frühe Wechsel. Wenn wir ein paar Anpassungen in seinem Vertrag vornehmen und ihm zeigen, dass wir eine gute Mannschaft haben werden, dann bin ich überzeugt, dass er längerfristig bleibt.

Franco Di Santos Vertrag läuft 2016 aus – rechnen Sie mit einer baldigen Verlängerung?

Eichin: Wir werden Gespräche führen – nicht nur mit Franco, auch mit Theodor Gebre Selassie. Das gilt für alle, deren Verträge 2016 auslaufen.

Ihr Vertrag läuft auch 2016 aus, wurde mit Ihnen auch schon gesprochen?

Eichin: Nein, das muss man auch nicht.

Warum?

Eichin: Wir wollen erst einmal Werder Bremen auf den Weg bringen.

Wollen Sie überhaupt bleiben?

Eichin: Ich fühle mich hier sehr wohl und arbeite sehr gerne für Werder. Das sollte man am Volumen meiner Arbeit sehen. Denn das machst du nur, wenn es dir richtig Spaß macht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Werder war nicht so oft Tabellenachter in Ihrer Amtszeit – ist das Ihre angenehmste Zeit in Bremen, können Sie das auch mal genießen?

Eichin: Ganz ehrlich: Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, ob sich das jetzt anders anfühlt. Tut es aber nicht. Vielleicht muss ich es mir noch angewöhnen, so eine Zeit zu genießen. Aber ich gucke immer schon nach vorne und warne vor der nächsten Aufgabe. Das ist meine Mentalität. Außerdem mag ich den Job auch, wenn die Kanonen donnern. Da muss man einfach positiv sein und an seinen Weg glauben.

Die Spieler können das offenbar besser genießen. Sie haben sich auf einen nun wesentlich entspannteren freien Tag gefreut.

Eichin: Da ist was dran. Die ganze Stimmung hat sich in Bremen natürlich geändert. Das fängt schon morgens an, wenn du zum Bäcker gehst: Dann bekommst du jetzt ein Lächeln geschenkt und schaust nicht mehr in besorgte Gesichter. Das genieße ich auch. Aber gleichzeitig muss ich dem Bäcker auch erklären, dass wir nächstes Jahr noch nicht wieder in der Champions League spielen.

Wenn am Samstag gegen Augsburg der fünfte Sieg in Folge gelingt, schicken Sie die Mannschaft dann zum Karneval?

Eichin: Nein, da gibt es keine Vorgaben von mir. Nach einem Sieg darf die Mannschaft immer machen, was sie will. Sie muss das alles nur realistisch einschätzen und am nächsten Tag noch wissen, wo wir stehen.

kni

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