Werder-Präsident fordert einen schnellen Strategiewechsel / Appell an Bremer Unternehmer

„Was ist teurer – ein Abstieg oder eine überschaubare Verschuldung?“

Klaus-Dieter Fischer legt sich auf der Zielgeraden seiner langen Amtszeit beim SV Werder noch einmal richtig ins Zeug.
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Klaus-Dieter Fischer legt sich auf der Zielgeraden seiner langen Amtszeit beim SV Werder noch einmal richtig ins Zeug.

Bremen - Klaus-Dieter Fischer ist nur noch bis Jahresende Präsident, Gesellschafter und Geschäftsführer beim SV Werder Bremen, dann tritt der 73-Jährige zurück. Doch bis dahin hat Fischer noch einiges vor, er plant den Strategiewechsel bei Werder. Um in der Bundesliga überleben zu können, müsse sich der Club entgegen der bisherigen Philosophie auch mal verschulden. Denn im Winter soll der Kader für den Abstiegskampf verstärkt werden. Wie er den vorsichtigen Aufsichtsrat davon überzeugen will, verrät Klaus-Dieter Fischer im Interview.

Herr Fischer, schlafen Sie im Moment schlechter als sonst?

Klaus-Dieter Fischer: Ich habe in den vergangenen 45 Jahren schon negativere Situationen erlebt.

Machen Sie sich etwa keine Sorgen?

Fischer: Selbstverständlich bin ich als Gesellschafter besorgt. Aber es hält sich in Grenzen, weil wir uns noch am Anfang der Saison befinden. Ja, wir haben einen miserablen Tabellenplatz. Wir müssen sehen, dass wir in die Spur kommen. Wir müssen uns auch davon lösen, zu sagen: ,Mein Gott, wir spielen doch ganz guten Fußball.‘ Die Tabelle ist die, die Auskunft gibt – und da sind wir Letzter.

Vor 16 Jahren war Werder zum letzten Mal in einer Saison ganz unten und hat Trainer Wolfgang Sidka nach acht Spielen entlassen. Warum ist das diesmal anders?

Fischer: Weil die Situationen damals und heute völlig unterschiedlich sind. Wir bewerten Arbeit und Auftreten – und da herrscht komplettes Vertrauen. Wir stehen zu diesem Trainer, wir stehen zu dieser Mannschaft.

Warum haben Sie so viel Vertrauen in Robin Dutt?

Fischer: Ich merke, dass die Mannschaft zu ihm steht. Alle Leute, die hier oben arbeiten, stehen zu ihm. Auch die Verbindung Robin Dutt zur Nachwuchsabteilung läuft gut. Er ist offen, er spricht mit den anderen Trainern. In solchen Situationen passiert es oft, dass sich Trainer abkapseln, nicht mehr zu Diskussionen bereit sind. Das ist bei Robin Dutt nicht der Fall.

Aber Robin Dutt ist vor 15 Monaten angetreten, um Werder besser zu machen, die Mannschaft weiterzuentwickeln und zumindest in die obere Tabellenhälfte zu führen. Warum ist ihm das nicht gelungen?

Fischer: Beim Tabellenplatz gebe ich Ihnen Recht. Aber ich sehe zwei positive Dinge: Es gibt eine Reihe von Spielern, die sich weiterentwickelt haben wie Franco Di Santo und Santiago Garcia. Und die Zusammenarbeit mit unserem Nachwuchs klappt sehr gut – das sieht man ja bei Marnon Busch und Davie Selke, die regelmäßig spielen und einigen anderen, die im Profikader mittrainieren können.

Wenn Sie sagen, der Trainer macht eine gute Arbeit, heißt das dann, die Mannschaft ist zu schlecht?

Fischer: Da möchte ich teilweise widersprechen. In der Mannschaft ist Potenzial. Wir können im gesicherten Mittelfeld landen. Aber wir müssen auch weiterhin darüber diskutieren, wie wir dieses Team entwickeln können.

Steht Werder jetzt unten, weil der Aufsichtsrat einen vorsichtigen Kurs fährt und eine weitere Verpflichtung untersagt hat?

Fischer: Ich möchte nicht zurückblicken. Wir sehen aber jetzt, dass sich unsere gemeinsame Hoffnung nicht erfüllt hat, mit dieser Mannschaft möglichst früh in gesicherten Gefilden zu spielen. Wir müssen die strategische Diskussion mit dem Aufsichtsrat fortsetzen. Wir müssen abwägen: Was ist teurer – ein Abstieg oder eine überschaubare Verschuldung? Nach dem jetzigen Stand wird unser Eigenkapital am Ende der Saison aufgebraucht sein. Wir sind aber einer der wenigen Bundesligisten, der in den letzten Jahren kein Tafelsilber für die tägliche Arbeit eingesetzt hat. Da gibt es einige Möglichkeiten. Wir haben keine Fernseh-Gelder abgetreten, wir haben keine Vorauszahlungen auf die nächsten Jahre von unseren Sponsoren oder unserem Ausrüster erhalten. Der Handlungsspielraum, über den man diskutieren muss, ist vorhanden. Das ist die Aufgabe, der sich Aufsichtsrat und Geschäftsführung bis zur nächsten Transferperiode stellen müssen.

Heißt das: Werder muss auch mal auf Pump leben?

Fischer: Das könnte ein Weg sein. Leider haben wir es nicht geschafft, das rechtzeitig und vollumfänglich im Sommer zu diskutieren.

Die Verantwortlichen in der Geschäftsführung und im Aufsichtsrat kennen sich doch schon so lange, warum hat das im Sommer nicht geklappt?

Fischer: Da spielen zwei Aspekte eine Rolle. Erstens: Wir haben geglaubt, mit der Mannschaft könnte es gehen. Zweitens: Ein Strategiewechsel ist immer problematisch. Unsere Strategie war es immer, es aus eigenem Bestand zu leisten. Aber wir müssen uns jetzt damit beschäftigen: Was bedeutet eigentlich der Abstieg? Nach meinen Einschätzungen bedeutet das Umsatzeinbußen im zweistelligen Millionen-Bereich. Und was bedeutet dagegen eine kurzfristige, nicht zu umfangreiche Verschuldung, um ins Team zu investieren – unser wichtigstes Gut?

Welche Rolle spielt dabei Aufsichtsratschef Willi Lemke, der als Werders Sparkommissar gilt?

Fischer: Es ist die Aufgabe des Aufsichtsrats zu kontrollieren – also auch seine. Ohne den Aufsichtsrat geht ein Strategiewechsel nicht. Darüber werden wir diskutieren müssen. Ich hoffe, das klappt schon in den nächsten Tagen, damit wir für die Transferperiode im Winter gerüstet sind.

Muss dabei vor allem Willi Lemke überzeugt werden?

Fischer: Das hängt nicht von Namen ab. Ich gehe davon aus, dass jeder, der in einem der wichtigen Gremien bei Werder eine Funktion inne hat, die Stärke besitzt, in bestimmten Situationen zu erkennen, dass man einen Strategiewechsel einleiten muss.

Es sollen mehrere Bremer Unternehmer bereit sein, in Werder millionenschwer zu investieren, aber nur, wenn Willi Lemke seinen Posten räumt. Kann es sich Werder leisten, auf dieses Geld zu verzichten?

Fischer: Wir kennen diese Gerüchte.

Dann kennen Sie auch die Unternehmer.

Fischer: Ja. Aber ich halte es für den falschen Weg, so zu agieren. Der Aufsichtsrat wurde von den Mitgliedern gewählt. Und es hilft Werder nicht weiter, wenn man die Unterstützung für den SV Werder an solche Bedingungen knüpft. Werder muss sich mit stark verändernden Wettbewerbsvor-aussetzungen auseinandersetzen. Wir sind in einer schwierigen Lage, auch, weil wir in einer wirtschaftlich schwächeren Region leben. Wir haben die Unterstützung der regionalen Wirtschaft, aber wir würden uns in der momentanen Situation auch eine stärkere Unterstützung durch die Stadt wünschen. Wir sind eines der Aushängeschilder der Region. Deshalb mein Appell an die Unternehmer, die solche Erklärungen abgegeben haben: Unterstützt Werder ohne persönliche Resentiments.

Es wäre aber auch eine Möglichkeit, dass Willi Lemke den Weg frei macht.

Fischer: Willi Lemke ist vor zwei Jahren von der Mitgliedschaft gewählt worden. Und nur er selbst kann entscheiden, wie sein weiterer Weg ist.

Kann Werder mit Hilfe von Bremer Investoren wieder nach oben kommen?

Fischer: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Es gibt hier ganz viele interessante Menschen. Was wir nicht wollen, sind Mäzene. Es muss eine Win-Win-Situation ergeben. Es muss sich für beide Seiten lohnen.

Die Zeit drängt, ist das kurzfristig überhaupt möglich?

Fischer: Wir arbeiten an diesem Thema. Aber ich werde hier nicht unsere Taktik verraten.

Sie legen Ende des Jahres alle Ämter bei Werder nieder. Geht das überhaupt in dieser prekären Situation?

Fischer: Es geht deshalb, weil das keine Entscheidung aus der aktuellen Situation heraus ist. Ansonsten wäre es wie bei den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen. Ich habe bereits vor anderthalb Jahren angekündigt, dass ich Ende 2014 aufhöre. Darauf konnte man sich einstellen, darauf ist man auch eingestellt.

Gibt es kein Zurück?

Fischer: Nein!

Sie sind nicht wirklich ab dem 1. Januar nur noch Zuschauer bei Werder?

Fischer: Wenn ich Fehlentwicklungen sehe, werde ich sicher meine Stimme erheben, aber nur intern.

Sie sind ein Gesicht von Werder – müssen Sie da nicht gerade bei der Suche nach Investoren mithelfen?

Fischer: Wenn ich helfen soll, stehe ich zur Verfügung, aber nur inoffiziell. Wenn ich ein Werder-Gesicht sein sollte, dann ehrt mich das. Es werden sich jetzt andere Werder-Gesichter entwickeln.

Wenn Sie einen Wunsch für Werder frei hätten, welcher wäre das?

Fischer: Werder soll ein Dauermitglied der Bundesliga sein.

kni

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