Kapitän Fritz über GPS-Sender, neues Training, anderes Essen und Pokemon

„Ich empfinde das nicht als Kontrolle“

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Werder-Kapitän Clemens Fritz

Aus Zell am Ziller berichtet Björn Knips - Clemens Fritz schnappt sich eine Wasserflasche, trinkt einen großen Schluck und jauchzt: „So, weiter jetzt!“ Der Werder-Kapitän geht auch im Trainingslager voran – und das mit inzwischen 35 Jahren. Nebenbei absolviert Fritz in Zell am Ziller jede Menge Extra-Termine wie zum Beispiel einen Sponsorenabend und dieses Interview, in dem es nicht nur um Fußball geht.

Herr Fritz, wären Sie gerne am Freitag in Ristedt bei Syke gewesen?

Clemens Fritz: Was sollte ich dort zu tun haben?

Als Botschafter von Trauerland eine Spende vom Turnierveranstalter in Empfang nehmen – quasi als Nachfolger von Thomas Schaaf, der dann noch mal für Sie eingesprungen sein soll. 

Fritz: Ich bin mit Trauerland in Kontakt, aber nicht als Botschafter. Es stimmt, sie hatten mich für die Veranstaltung angefragt, aber ich bin ja im Trainingslager. Zudem habe ich meine eigene Stiftung und kann daher leider nicht alle Anfragen annehmen.

Was macht Ihre Stiftung? 

Fritz: Wir helfen benachteiligten Familien und Kindern. Ich arbeite dabei mit der Organisation Isa Kompass zusammen. Die haben Häuser in Thüringen und Rheinland-Pfalz, die ich mit Spenden aus meiner Stiftung unterstütze. Weihnachten fahre ich oft hin und bringe Geschenke mit. Und einmal im Jahr lade ich 50 Kinder zu einem Werder-Spiel ein.

Sie machen kein großes Aufsehen um Ihre Stiftung, warum? 

Fritz: Ich habe die Stiftung 2008 gegründet und dann 2009 eine Charity-Veranstaltung gemacht. Die habe ich monatelang mitgeplant und extra an das Saisonende gelegt, damit ich dabei sein kann. Doch dann sind wir ins Uefa-Cup-Finale gekommen, und es wurde terminlich eng für mich. Ich habe es zwar geschafft, konnte mich dem Abend aber nicht mit der Aufmerksamkeit widmen, wie ich mir es vorgestellt habe. Nach der Karriere möchte ich mich damit intensiver beschäftigen. Das Wesentliche ist für mich noch der Fußball, also Werder. Da will ich meine Leistung bringen.

Bereuen Sie manchmal, dass Sie sich noch mal für ein Trainingslager und nicht den Strand entschieden haben? 

Fritz: Ganz und gar nicht. Früher hat man echt manchmal gedacht: Trainingslager sind anstrengend und unangenehm. Aber umso älter man wird, desto mehr sieht man das in einem anderem Licht. Außerdem hatten wir einen superlangen Urlaub, das hat gereicht. Es macht mir Spaß.

Liegt das auch am neuen Training mit mehr fußballspezifischen Übungen? 

Fritz: Jeder Fußballer hat lieber den Ball am Fuß, als Läufe zu machen. Deshalb ist das jetzt ein Riesenplus. Wir haben aber auch alle gut gearbeitet im Urlaub. Das ist jetzt unser Vorteil, wir können den nächsten Step machen. Durch GPS-Sender und Pulsuhr stehen die Spieler unter totaler Kontrolle – teilweise auch im Urlaub.

Ist das unangenehmer als früher? 

Fritz: Ich empfinde das nicht als Kontrolle. Für mich ist es eher eine Hilfestellung für das Trainerteam, um zu sehen, wie wir arbeiten, wie hoch die Belastung für jeden einzelnen ist. Dadurch kann man das Training besser steuern. Und wenn mal einer etwas weniger macht, kann man ihn darauf hinweisen.

Es wurde auch beim Essen etwas umgestellt. Wie macht sich das bemerkbar? 

Fritz: Es gibt zum Beispiel zwei Sleep-Low-Tage in der Woche, an denen wir abends die Kohlenhydrate weglassen. Da geht es weniger um das Gewicht, sondern um die Regeneration. Wir essen auch weniger Weizen und mehr Dinkel. Ich habe das vorher auch schon gemacht. Im Alter achtet man mehr auf so etwas. Als ich 20 war, habe ich auch Fanta getrunken, Cola war nie so mein Ding. Heute trinke ich nur noch Wasser. Aber insgesamt ist es keine Riesenumstellung.

Sie sprechen das Alter an. Sie sind 35, Claudio Pizarro 37, Jaroslav Drobny 36 und Niklas Moisander 30 – ist Werder eine Oldie-Truppe? 

Fritz: Nein, nein, das ist schon eine gesunde Mischung. Und es ist ja auch nicht so, dass wir vier Alten nur aufeinander hängen.

Der Abstand zu den jüngsten Spielern wird immer größer. Merkt man da schon die unterschiedlichen Interessen? 

Fritz: Natürlich denkt man manchmal schon, wenn die Jüngeren sich unterhalten: Okay, ich bin schon etwas älter. Aber es macht auch Spaß den Jungs zuzuhören, da sind einige witzige Typen dabei.

Und die spielen alle Pokemon Go – und Sie machen demnächst mit? 

Fritz: Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt jemand bei uns macht. Und ich verstehe es auch nicht. Was ist der Sinn dieses Spiel? Es ist doch sowieso schon alles total handylastig. Man muss sich doch nur mal in ein Restaurant setzen und gucken, wie viele Leute auf ihr Handy starren. Das ist mir zu viel. Und jetzt noch Pokemon. Da rennen die Leute auf der Straße rum und werden bei ihrer Jagd fast überfahren.

Und wie ist es mit sozialen Medien wie Twitter, Instagram, die viele Ihrer Kollegen nutzen, um sich der Öffentlichkeit mitzuteilen? 

Fritz: Ich habe immerhin eine Homepage, aber wahrscheinlich ist das jetzt schon retro. Ich habe nie in sozialen Netzwerken abgehangen. Außerdem ist unser Leben ohnehin schon sehr transparent, was auch völlig okay ist, aber ich muss das nicht noch transparenter machen. Aber wer weiß, vielleicht ändere ich das ja nach der Karriere . . . 

Wann wird das sein?

Fritz: Das lasse ich mir alles offen. Im Winter war für mich klar, dass ich aufhöre. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich körperlich noch helfen kann. Dazu kam die sportlich schwierige Situation. Ich will mithelfen, dass Werder wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt.

Also überlegen Sie wieder im Winter – oder haben Sie für zwei Jahre verlängert? 

Fritz: Das nicht, aber ich habe eine Option, wenn ich 34 Bundesliga-Spiele mache und wir den Pokal holen – dann kriege ich noch ein Jahr (lacht). Nein, nein ein Spaß.

Aber diese Option würde Ihnen Werder sicher sofort einräumen. 

Fritz: Das sagen Sie jetzt nur, weil Sie selbst nicht daran glauben. Aber ich habe durchaus noch Ziele. Ich will eine gute Saison spielen und helfen, dass es wieder aufwärts geht.

Was stimmt Sie da positiv? 

Fritz: Das kann ich noch gar nicht sagen, wir sind mitten in der Vorbereitung. Was wir gegen 1860 München abgeliefert haben, war natürlich noch nicht das, was wir von uns selbst erwarten. Aber das sollte man nicht überbewerten. Wir sind eine lernfähige Mannschaft und müssen diesen Glauben an uns aus den letzten Spielen bewahren. Wir dürfen nicht erst so auftreten, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen.

Es wurden Leistungsträger wie Jannik Vestergaard und Papy Djilobodji abgegeben, dazu noch Anthony Ujah – reicht die Qualität für Ihre Ziele überhaupt aus? 

Fritz: Wenn du zwei Stammspieler in der Innenverteidigung verlierst, ist das schwierig. Aber wir haben auch letzte Saison zu viele Gegentore bekommen. Das müssen wir als Mannschaft in den Griff kriegen. Und ob das schon der Kader ist, mit dem wir in die Saison gehen oder ob da noch was passiert, kann ich nicht sagen.

Wie denken Sie eigentlich über die riesigen Ablösesummen im teilweise dreistelligen Millionen-Euro-Bereich, die aktuell bezahlt werden? 

Fritz: Es ist schon verrückt, wie sich das entwickelt hat. Ein Spieler, der vor eine paar Jahren fünf Millionen Euro gekostet hätte, für den müssen nun 20 bezahlt werden. Und wenn man dann noch den chinesischen Markt sieht, was den Spielern dort für wahnsinnige Summen bezahlt werden – ich weiß nicht, ob das gesund ist. Man denkt immer, das Maximum ist erreicht, und es geht trotzdem weiter. Ich will gar nicht daran denken, was in zehn oder 20 Jahren los ist.

Ist das noch fair, wenn Dortmund für Mario Götze 26 Millionen Euro und für Andre Schürrle noch mal 30 Millionen Euro ausgeben kann, während Werders teuerster Transfer bei 3,5 Millionen Euro liegt? 

Fritz: Das muss man doch im Verhältnis sehen. Dortmund hat wahrscheinlich 100 Millionen Euro für Spieler eingenommen und 105 ausgegeben. Das macht unterm Strich eine Investition von fünf Millionen Euro – das ist gar nicht so viel für einen Champions-League-Teilnehmer. Außerdem finde ich, dass der BVB gute Arbeit geleistet hat, die schätze ich hoch ein. Mario Götze ist ein überragender Fußballer, der zu seiner alten Stärke zurückfinden wird.

Zurück zu Werder: Wenn Sie im Trainingslager etwas abschaffen könnten, was wäre das? 

Fritz: Da fallen mir sofort die Morgenläufe ein, aber die machen wir ja gar nicht mehr. Nach Norderney fahren wir auch nicht mehr. Also alles super – außer: Das einzige, was man noch abschaffen könnte, das wären Verletzungen. Aber die gehören ja leider im Sport dazu.

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