Rückblick: Rasantes Stürmer-Karussell

Rauf und runter

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Im Werder-Sturm wird alles durcheinandergewirbelt. Franco Di Santo (oben links) und Davie Selke (unten links) verabschieden sich, Anthony Ujah (oben rechts) und Aron Johannsson (unten rechts) rücken nach. Als schon alles erledigt scheint, wird aus Claudio Pizarro (Mitte) die Zugabe.

Bremen - Von Carsten Sander. Der Start? Ein Traum! Obwohl das Jahr schon ein paar Wochen alt ist, geht Werder Bremen in der Rückrunde der Bundesliga ab wie eine Neujahrsrakete. Vier Siege, ein Unentschieden – so wird Abstiegsangst wirksam behandelt.

Allerdings kann Coach Viktor Skripnik die Krankheit nicht für immer heilen. Sie kehrt in der neuen Saison zurück. Zwischen Auf- und Abschwung tauscht Werder mal eben den kompletten Sturm aus. Mit der Rückholaktion von Club-Legende Claudio Pizarro als Jahreshighlight.

Es ist der 6. September als ein auf dem Münchner Flughafen geschossenes Handy-Foto die Werder-Fans in helle Aufregung versetzt. Es zeigt Pizarro, wie er auf seinen Abflug nach Bremen wartet. Damit ist klar: Ja, er kommt nochmal zurück. Zum dritten Mal heuert der mittlerweile 36-Jährige bei Werder an – es ist ein fußballerische Herzschmerz-Geschichte, fast ein bisschen kitschig, auf jeden Fall aber nostalgisch. Denn mit Pizarro verbinden die Fans die gute alte Zeit. Dass der Peruaner eben diese bei seinem Flug von München nach Bremen nicht im Gepäck hatte, wird spätestens nach seinem dritten, vierten Einsatz klar. Dem Peruaner, seit dem 1. Juli vertragslos, fehlt es an Fitness. Erst spät in der Hinrunde kommt er einigermaßen in Form. Seine Bilanz: Zwei Tore und ein Assist in der Liga, ein Treffer und ein Assist im DFB-Pokal.

Stürmer Nummer eins bei Werder ist aber längst Anthony Ujah. Der Nigerianer, für 4,5 Millionen Euro vom 1. FC Köln geholt, schlägt voll ein. „Tony“ macht sieben Tore in der Liga, drei im DFB-Pokal. Vielleicht wären es noch mehr gewesen, wenn er länger mit Aron Johannsson, dem zweiten Neuen für das Sturmzentrum, hätte zusammenspielen können. Doch die 4,5 Millionen, die auch der Isländer mit dem US-Pass gekostet hat, erwiesen sich als nicht glücklich eingesetzt. Johannsson fällt mit Hüftproblemen ab Ende September aus. Rückkehr? Irgendwann. Hoffentlich.

Für Franco Di Santo wird es in diesem Leben sicherlich keine Rückkehr mehr zu Werder geben. Von den Gastspielen mit seinem neuen Club Schalke 04 mal abgesehen. Der Argentinier hat es sich mit den Bremer Fans so gründlich verscherzt wie selten ein Spieler zuvor. Monatelang sprach er über die Liebe zu Werder, verhandelte über eine Verlängerung seines bis 2016 laufenden Vertrages, sendete positive Signale („Ich bevorzuge es, bei Werder zu bleiben“) und machte dann doch von einer Sechs-Millionen-Euro-Ausstiegsklausel Gebrauch. Schalke zahlte, Di Santo ging, Werder fiel aus allen Wolken. Und das ausgerechnet am Tag der Fans. Der ultimative Irrwitz dabei: Als er am frühen Nachmittag ins Auto steigt und das Weserstadion verlässt, antwortet er auf die Frage, ob er jetzt gen Schalke fährt, mit einem „I hope not“ – Ich hoffe nicht. Es ist eine Irreführung bis zum Geht-nicht-mehr.

Das Jahr 2015 des SV Werder Bremen: Teil eins

Ähnlich bei Davie Selke, allerdings mit Segen des SV Werder. Der Club macht den Verkauf des 20-Jährigen an den schwerreichen Zweitligisten RB Leipzig schon im Januar perfekt, sagt aber nichts. Selke auch nicht. Er drückt sich vor Medienrunden und Interviews.

Ein Teil der stattlichen Acht-Millionen-Euro-Ablöse wird von Werder sofort genutzt, um Jannik Vestergaard zu verpflichten. Ein guter Deal. Mit dem Innenverteidiger gewinnt Werder an Qualität. Und an hellseherischen Fähigkeiten. „Das wird eine geile Rückrunde“, prohezeit der Däne bei Dienstantritt. Er behält Recht. Jedenfalls zu Anfang.

Die vier Siege am Stück sind der Hammer schlechthin. Trainer Viktor Skripnik wird gelobt, gefeiert, verehrt. Die Bremer blinzeln sogar vorsichtig Richtung Europa. Doch am Ende geht dem Team die Puste aus.

Aus der 26-Punkte-Rückrunde erwächst aber die Zielsetzung für die neue Saison. Ein einstelliger Tabellenplatz mit Kontakt zu den internationalen Plätzen soll es werden. Doch es wird wieder ein Leben im Tabellenkeller. Nur 15 Punkte und Platz 16 zur Saisonhalbzeit – es ist enttäuschend. Zwischenzeitlich verlieren die Bremer fünf Spiele am Stück, zudem präsentieren sie sich beim 1:3 im Nordderby gegen den Hamburger SV in einer erschreckenden Verfassung, holen im eigenen Stadion nur vier von 24 möglichen Punkten. In Öffentlichkeit und Medien regt sich Kritik an dem nun gar nicht mehr gefeierten Skripnik. Sein Vorgesetzter, Geschäftsführer Thomas Eichin, lässt eine Trainerdiskussion aber nicht zu: „Wir vertrauen unserem Trainer.“ Gleichwohl kritisiert er dessen teils unglückliche Aussagen in der Öffentlichkeit, deutet eine Art Nachhilfeunterricht für ihn an und berichtet von einem mentalen Tief des Coaches nach der Pleite im Nordderby. Skripnik wirkt dadurch beschädigt.

Das Jahr 2015 des SV Werder Bremen: Teil zwei

Aber Skripnik hilft sich selbst. Der 4:3-Überraschungssieg im DFB-Pokal bei Borussia Mönchengladbach schafft wieder ein bisschen Vertrauen und sorgt für Entspannung – jedenfalls für drei Tage. Dann folgt zum Hinrundenabschluss die 1:2-Pleite bei Eintracht Frankfurt und das Absacken auf den Relegationsrang – die gleiche Platzierung wie zwölf Monate zuvor. Am Ende des Jahres ist Werder Bremen wieder dort angekommen, wo es gestartet war. Zurück in der Gefahr. Aber vielleicht auch zurück auf Los.

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