Ujah schwärmt von Pizarro und Werder

„Ich will hierbleiben“

+
Werder-Stürmer Ujah

Bremen - Von Björn Knips. Auch als aktueller Ersatzspieler bekommt Anthony Ujah jede Menge Beifall. Die Werder-Fans lieben ihn – und er liebt sie. Ein fast schon unmoralisches Angebot aus China hat der 25-Jährige im Winter abgelehnt. Auch im Sommer will der Nigerianer nicht weg. Ein Jahr Werder ist ihm nicht genug. Im Interview geht es aber nicht nur um Sport, Ujah beschäftigt sich auch mit der Rolle der Afrikaner in Deutschland nach den Ausschreitungen in der Silvesternacht in Köln: „Diese Sache macht uns echt sauer.“

Herr Ujah, Aufsichtsratschef Marco Bode hat in einem Interview gesagt, dass Sie sich in zehn Jahren seinen und nun auch Claudio Pizarros Tor-Rekord schnappen können – wann verlängern Sie bis 2026?

Anthony Ujah (lacht): Es ist schon etwas ganz Besonderes, was die Beiden erreicht haben. Ob ich das schaffen kann, weiß ich nicht. Aber zehn Jahre sind auch ganz schön lang.

Fast alle sprechen von Pizarro. Freut es Sie, dass Bode Sie gerade jetzt ins Spiel bringt?

Ujah: Das war wirklich nett von ihm. Aber ich bin sowieso immer ein positiver Mensch. Ich bin froh, in einem Verein mit einem so großartigen Stürmer zu sein. Das motiviert mich.

Aber ist es nicht auch schwierig, nur auf der Bank zu sitzen und Pizarro stürmen zu sehen?

Ujah: Nein, das ist nicht schwer. Natürlich will ich spielen. Aber es gibt gute Gründe. Claudio ist sehr stark im Moment, und das 4:1:4:1-System mit nur einem Stürmer tut uns einfach gut. Deshalb kann ich das verstehen. Ich habe eine sehr gute Kommunikation mit unserem Trainer Viktor Skripnik. Ich vertraue ihm, das ist das Wichtigste. Deshalb gebe ich immer Gas. Und von Claudio habe ich schon viel gelernt – nicht nur auf dem Platz, sondern, wie er denkt, wie er sich in der Kabine oder im Bus verhält, was er wann und wie sagt.

Was können Sie von ihm auf dem Platz lernen?

Ujah: Wie er gegen starke Mannschaften als einziger Stürmer vorne den Ball hält, damit die anderen nachrücken können. Da schaue ich von draußen immer ganz genau hin. Das ist ganz wichtig, daran muss ich arbeiten. Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Da bin ich ehrlich. Ich denke, für einen Spieler aus Afrika, der nicht in einem Leistungszentrum groß geworden ist, habe ich schon viel erreicht. Aber ich bin noch hungrig.

Hoffen Sie darauf, dass bald wieder mit zwei Stürmern gespielt wird?

Ujah: Natürlich. Es kommen Spiele, da hoffe ich schon, dass wir zu zweit stürmen werden – zum Beispiel zu Hause gegen direkte Konkurrenten wie Augsburg und Stuttgart. Da würde ich gerne helfen.

Sie helfen ja auch schon jetzt – nicht nur als Joker, sondern auch als Vorzeigeprofi, der sich nicht beklagt und sogar für gute Stimmung sorgt. Wie kriegen Sie das hin?

Ujah: Wenn du in einer negativen Situation negativ denkst, dann bleibt diese Situation lange so. Bist du aber positiv, geht diese Zeit schneller vorbei. Das habe ich auf meiner Reise von Afrika nach Norwegen, dann Mainz, Köln und jetzt Bremen gelernt. Wenn ich draußen bin, ist mein Herz trotzdem auf dem Platz. Die Mannschaft kommt immer an erster Stelle. Ich weiß: Wo ich heute bin, das ist ein Wunder. Ich bin nicht zufrieden, aber ich kenne auch die andere Seite des Lebens.

Sie und Werder haben im Winter ein Mega-Angebot für einen Wechsel nach China bekommen und abgelehnt. Denken Sie darüber manchmal noch nach?

Ujah: Nein, auch damals habe ich darüber nicht lange nachgedacht. Der Verein und ich waren in einer Situation, in der ein Wechsel nicht sinnvoll gewesen wäre.

Es ging aber um sehr, sehr viel Geld, da darf man ruhig schon mal nachdenken.

Ujah: Klar, ich komme aus Afrika, da machst du dir bei so einem Angebot natürlich Gedanken. Aber ich habe meine Karriere genau geplant und bin gerade erst aus Köln nach Bremen gekommen. Ich weiß, was ich in den nächsten Jahren will.

Was sieht Ihr Plan denn für die nächste Saison vor?

Ujah: Ich habe hier bis 2019 unterschrieben, ich will mich in der Bundesliga etablieren. Ich fühle mich wohl hier und will nächste Saison auf jeden Fall hierbleiben.

Und wenn die verrückten Chinesen und Engländer mit ganz viel Geld locken?

Ujah: Seit meinem ersten Tag hier spüre ich das Vertrauen, das macht mich glücklich. Deshalb gebe ich Werder immer die erste Option, was mit mir passiert. Ich würde nie sagen, ich will weg.

Werder war ja auch noch nie so afrikanisch wie jetzt. Sie, Sambou Yatabare, Papy Djilobodji, Theodor Gebre Selassie, Melvyn Lorenzen und Ulisses Garcia haben alle afrikanische Wurzeln. Wie wirkt sich das auf den Alltag aus?

Ujah (lacht): Das tut uns sehr, sehr gut. Wir bringen sehr viel gute Laune in die Mannschaft. Neulich hatten wir einen Mannschaftsabend, da mussten die Winterzugänge wie Papy Djilobodji singen. Das war richtig lustig. Ich habe das im Sommer auch gemacht – mit Ulisses Garcia.

Was haben Sie gesungen?

Ujah: Ein nigerianisches Lied. Keiner hat etwas verstanden, aber alle haben gelacht. Diesmal war Laszlo Kleinheisler der Beste. Er hat die ungarische Nationalhymne gesungen – das war herrlich. Diese gute Stimmung tut uns in dieser schwierigen Situation gut. Man darf nicht immer nur an Fußball denken, man muss auch am Leben Spaß haben.

Papy Djilobodji hat gerade etwas weniger Spaß, er ist wegen seiner Kopf-ab-Geste gesperrt worden – wie geht er damit um?

Ujah: Das war eine unglückliche Situation. Er ist kein böser Mensch.

Ist es denn tatsächlich so, dass diese Kopf-ab-Geste in Afrika etwas ganz anderes bedeutet als hier, wie Sportchef Thomas Eichin betont?

Ujah: Ja, wenn du so etwas in Afrika machst, ist das Aufsehen nicht so groß. Aber ich weiß, dass man das hier ganz anders sieht. Deswegen war es unglücklich. Aber daraus wird Papy lernen.

Wie schwer ist es, sich auf dem Platz immer im Griff zu haben?

Ujah: Das ist gar nicht so einfach. Am Ende kommt es auf deinen Charakter an. Als Fußball-Profi spielst du eine besondere Rolle in der Gesellschaft, jeder guckt auf dich, du bist Vorbild für die Kinder. Da musst du schon aufpassen – auch neben dem Platz.

Dazu passt ganz gut das Thema Max Kruse vom VfL Wolfsburg, der wegen vermeintlicher Verfehlungen gerade in den Schlagzeilen steht. Tut er Ihnen leid?

Ujah: Ja, auf jeden Fall. Er weiß, dass er Fehler gemacht hat. Aber wir sind auch nur Menschen. Es ist nicht einfach für ihn, alle gucken nun auf ihn. Das ist auch für seine Familie nicht schön. Ich hoffe, er kommt da stark wieder raus. Er ist ein super Spieler. Das Wichtigste ist jetzt, dass der Verein hinter ihm steht.

Anderes Thema: Sie haben sicher die schlimmen Vorkommnisse an Silvester am Kölner Hauptbahnhof mitbekommen, an denen auch Afrikaner beteiligt gewesen sind. Wie denken Sie als Nigerianer darüber?

Ujah: Ich habe darüber mit vielen Freunden aus Afrika, die in Deutschland leben, gesprochen. Diese Sache macht uns echt sauer, denn nun steht ganz Afrika im Fokus. Aber in jedem Land gibt es gute und schlechte Menschen. Es ist schade, dann so etwas zu lesen – und einige Menschen denken vielleicht, alle Afrikaner sind schlecht. Das ist wie mit meiner Heimat Nigeria. Da steht auch in den Zeitungen viel von Terroranschlägen. Aber das betrifft nur einen kleinen Teil unseres Landes, ansonsten ist Nigeria friedlich. Man könnte dort Urlaub machen, aber das traut sich leider keiner. Es ist einfach schade, dass kleine Gruppen so viel kaputt machen können.

Herr Ujah, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zum Thema:

Werder-Training am Dienstag

Werder-Training am Dienstag

Party am Dienstag auf dem Brokser Heiratsmarkt

Party am Dienstag auf dem Brokser Heiratsmarkt

Skoda Kodiaq: So sieht er innen aus

Skoda Kodiaq: So sieht er innen aus

Junggesellenversteigerung auf dem Brokser Markt

Junggesellenversteigerung auf dem Brokser Markt

Meistgelesene Artikel

Bauer freut sich schon auf Bayern

Bauer freut sich schon auf Bayern

Ein Wunderkind für Werder

Ein Wunderkind für Werder

Der FC Bayern im Schnellcheck

Der FC Bayern im Schnellcheck

Werder will Gnabry ganz und gar

Werder will Gnabry ganz und gar

Kommentare