Willi Lemke über seinen 70. Geburtstag, sein Aus bei Werder und bei der UN

„Ein Einschnitt für mich“

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Willi Lemke (Archivbild)

Bremen/Rio - Von Carsten Sander. Am Dienstag geht es zurück aus Rio de Janeiro: Zwei Wochen lang weilte Willi Lemke in seiner Funktion als UN-Sonderberater für Sport in der brasilianischen Olympiastadt. Für das „großes Fest“, wie er seinen 70. Geburtstag am Freitag nennt, beendet er den Besuch der Spiele vorzeitig. Im Interview spricht er über seine Probleme mit dem Älterwerden, über sein beschlossenes Aus als Aufsichtsrat bei Werder Bremen und seine Pläne für die Zukunft. Eines ist dabei klar: Ruhestand bleibt ein Fremdwort für Lemke.

Ihr 70. Geburtstag naht – was bedeutet Ihnen diese Zahl?
Willi Lemke: Das ist schon ein Einschnitt für mich – was natürlich auch ein bisschen daran liegt, dass ich bei Werder Bremen nicht mehr für den Aufsichtsrat kandidieren werde und dass auch meine Aufgabe bei den Vereinten Nationen mit dem 31. Dezember beendet sein wird. Das sind Veränderungen, die mich ein wenig belasten.

Sie waren 18 Jahre lang Werder-Manager, seit 1999 gehören Sie dem Aufsichtsrat an – nun scheiden Sie Ende November aus. Freiwillig? Oder hat man Ihnen nahegelegt, den Platz zu räumen? 

Lemke: Es gibt Absprachen zwischen dem Verein und mir, dass ich nicht wieder kandidieren werde. Einzelheiten dazu möchte ich nicht verraten. Ich habe das mit den Verantwortlichen bei Werder so besprochen – in größter Solidarität und größter Freundschaft und ohne eine Bitterkeit. Wenn gesagt wird, mit 70 Jahren müsse man auch mal einen Strich machen, dann habe ich damit überhaupt kein Problem. Und: Ich bin noch da, wenn man mich braucht.

Das heißt? 

Lemke: Ich werde kein Amt mehr bekleiden, aber wenn meine Freunde beim SV Werder etwas von mir möchten, können sie mich jederzeit anrufen. Es wird nie einen Riss oder ein Problem zwischen uns geben. Nun bin ich am Freitag 70 Jahre alt – dann kann man sich auch damit anfreunden, nicht mehr in einem Gremium zu sitzen und trotzdem weiter mit dem Verein verbunden zu sein. Ich werde, wenn es gewünscht ist, Werder Bremen bis zu meinem Lebensende dienen.

Das klingt sehr professionell, was ist mit den Gefühlen? 

Lemke: Ich habe ja schon gesagt: Der 70. Geburtstag geht mir aus den genannten Gründen sehr nahe. Und wenn man die 70 überschritten hat, dann denkt man auch ein bisschen an das Lebensende. Diese Gedanken kommen jetzt so schrittweise. Es ist nicht einfach für mich, das muss ich ehrlich sagen.

Ihr Abschied vom Amt des Sonderberaters für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung steht schon seit Monaten fest. Da geht die nächste Ära zu Ende... 

Lemke: Es war ja schon jahrelang fällig, dass ich zurücktrete. Normalerweise arbeitet ein Sonderberater nicht länger als fünf Jahre, bei mir sind es nun acht geworden. Ich freue mich überhaupt nicht, bei der UN aufzuhören, aber der Abschied ergibt sich nun aus dem Amtswechsel bei Generalsekretär Ban Ki-moon. Er hört turnusmäßig auf und mit ihm auch die Sonderberater.

Zwei Ämter weg – ist das eine Vollbremsung von 200 km/h auf 0? 

Lemke (lacht): Meine Frau ist Psychotherapeutin und sagt, das wäre nicht gesund. Und ich befürchte, dass mir das in der Tat nicht gut bekommen würde. Man sollte nicht schlagartig mit allem aufhören, sondern das Arbeitsprogramm dosiert runterfahren, sonst bekommt man Probleme. Ich bin ab dem 1. Januar auch nicht arbeitslos, sondern – wie man es auf englisch sagt – „between the jobs“ und überlege, was ich danach Sinnvolles tun kann.

Gewähren Sie einen Einblick in Ihre Pläne? 

Lemke: Es muss nicht ein so bedeutender Job sein, wie der des UN-Sonderberaters. Ich stelle mir vor, als selbstständiger Berater das eine machen und das andere lassen zu können. Ich glaube, in den letzten Jahren mehr als 100 Länder bereist zu haben. Und da gibt es viele Länder, in denen ich Spuren hinterlassen habe. Diese Spuren sind nachhaltig, weil sie meistens zur Förderung von Sportprojekten oder zur Ausbildung von jungen Menschen in aller Welt führen. Da wird es sicherlich noch das eine oder andere Spannende geben, wo ich meine Erfahrung, meine guten Kontakte und meine Verlässlichkeit einbringen kann.

Gibt es schon etwas Konkretes? 

Lemke: Nein. Mein größter Wunsch wäre es gewesen, als Berater bei Olympischen Spielen in Hamburg einzusteigen. Das wäre für mich ein Volltreffer gewesen, weil ich in Hamburg aufgewachsen bin. Aber es gibt andere Städte, die sich um Olympische Spiele bewerben, und ich könnte mir vorstellen, aufgrund meiner Erfahrung und Kontakte zu den Entscheidungsträgern für eine Bewerberstadt als Berater durchaus tätig zu werden. Ich könnte mir auch vorstellen, bei anderen internationalen Sport-Ereignissen als Berater aufzutreten. Aber das sind Dinge, die überhaupt noch nicht entschieden sind. Es muss jedoch niemand Angst haben, dass ich von 200 auf 0 falle und mit einem Mal tot im Garten liege.

An einen Ruhestand denken Sie noch überhaupt nicht, oder? 

Lemke: Warum denn? Ich fühle mich physisch und psychisch topfit. Ich laufe auf meinen Reisen fast täglich fünf bis zehn Kilometer, und am 2. Oktober ist beim Bremen-Marathon der Start über die Halbdistanz fest eingeplant. Vielleicht greife ich demnächst, wenn ich wieder ein bisschen mehr Zeit habe, nochmal beim Marathon an.

Was sagen eigentlich die Damen und Herren aus dem IOC, wenn Sie in Laufschuhen aus dem Hotel stürmen? 

Lemke: Sie applaudieren, wenn sie mich sehen (lacht). Ich bin aber auch nicht allein. Der Präsident des Handball-Weltverbandes trainiert fast immer mit mir, der Präsident des Internationalen Tischtennis-Verbandes auch häufig. Und neulich bin ich im Hotel mit Lord Sebastian Coe (zweifacher britischer Olympiasieger über 1 500 Meter, aktueller Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, d. Red.) Seite an Seite fünf Kilometer auf Laufbändern gelaufen, das war ein großer Spaß.

Das Leben in Hotels und auf Flughäfen sind Sie noch nicht leid? 

Lemke: Doch, das kann schon nerven und ist auch anstrengend. In den letzten Wochen meiner UN-Amtszeit geht es auch nochmal richtig zur Sache. Ich werde nach Peking fliegen, nach Tokio, nach Shanghai, nach Kapstadt, nach Adis Abeba, nach Kampala in Uganda, nach Monaco, nach Genf, nach New York – und das sind nur die Ziele, an die ich mich jetzt erinnern kann. Wenn wir mit der Familie in Urlaub fahren, verzichte ich gerne auf lange Flüge. Eine Reise nach Mauritius, die anlässlich meines 70. auch zur Diskussion stand, haben wir deshalb schnell fallen gelassen.

Wie werden Sie am Freitag stattdessen feiern? 

Lemke: Am Vormittag veranstaltet der SV Werder einen offiziellen Empfang für mich, am Abend wird mit meiner Familie und den engsten Freunden gefeiert.

Werder startet zwei Tage nach Ihrem Geburtstag mit dem DFB-Pokalspiel in Lotte in die Saison. Wie sehen Sie die aktuelle sportliche Lage? 

Lemke: Ich mache mir natürlich noch Sorgen. Wir befinden uns nach wie vor in einer schwierigen Situation. Und Sie können sich vorstellen, dass ich in dieser Lage niemals Nein gesagt hätte, wenn ich gebeten worden wäre, im Aufsichtsrat weiterzumachen. In Frank Baumann haben wir einen Sportchef gefunden, der hundertprozentig zu Werder passt und der gemeinsam mit Viktor Skripnik eine ganz starke Führung bilden kann, die wirklich zusammenhält und eine erfolgreiche Mannschaft aufbauen kann. Ich hoffe, dass dieser Neubeginn, den ich spüre, erfolgreich sein wird und wir nicht wieder bis zwei Minuten vor Saisonende vor dem Abstieg zittern müssen. Es ist auf jeden Fall neuer Schwung drin.

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