Werder-Coach Viktor Skripnik

Der Überlebenskünstler

Viktor Skripnik wartet im Bremer Bürgerpark auf seine Spieler. Der 46-Jährige erlebt gerade seine vierte Krise als Trainer des SV Werder. Foto: Gumz

Bremen - Viele Argumente hat Werder-Sportchef Frank Baumann aktuell nicht, die seine Entscheidung pro Viktor Skripnik stützen. Eines der wenigen, das der Werder-Sportchef nach dem völlig verkorksten Saisonstart gerne gebraucht, ist dieses: „Viktor hat schon schwierigere Situationen gemeistert.“

Hat er? Ein Rückblick auf Skripniks noch nicht einmal zwei Jahre währende Amtszeit als Bremer Chefcoach zeigt, was Baumann meint: Es gab schon drei mehr als heikle Momente für den Coach, der es aber immer geschafft hat, sich auf dem Posten zu halten. Allerdings war das nicht immer sein Verdienst. Ein Rückblick auf die Werder-Krisen unter Skripnik:

Krise Nummer eins

Die ersten vier Spiele der Saison 2015/16 brachten sieben Punkte, alles schien gut zu laufen für Werder. Aber dann: 0:1 gegen Aufsteiger FC Ingolstadt, 1:2 gegen Aufsteiger Darmstadt 98 und 0:3 gegen Bayer Leverkusen. Es brodelt in Bremen. Und bei Skripnik. „So schwach habe ich meine Mannschaft noch nie gesehen“, schimpft er nach der Heimpleite gegen die Werkself. Er streicht den freien Tag (wie gestern), will aber nicht härter werden (wie jetzt auch). Er sagt, es geht „um den Willen“ der Spieler. Die Reaktion des Teams fällt aber blamabel aus, denn es folgt das 0:1 beim bis dato noch sieglosen Tabellenletzten Hannover 96. Ein Tiefpunkt ist erreicht. Skripnik will aber – die nächste Parallelität zur Gegenwart und dem 1:2 gegen Augsburg – „gute Sachen“ gesehen haben: „Gegen Leverkusen waren wir noch chancenlos. Diesmal nicht. Wir haben fast alles richtig gemacht, nur die Tore haben gefehlt. Insgesamt hat meine Mannschaft eine Riesenreaktion gezeigt. Sie lebt. Niemand kann uns einen Vorwurf machen.“ Darüber wird genauso viel gestaunt wie über die warmen Worte am Sonntag und Montag.

Trotz der Streicheleinheit folgt Niederlage Nummer fünf am Stück. 0:1 gegen die Bayern – es wird nicht so schlimm wie erwartet. Skripnik geht im Mediengespräch dennoch hoch und befeuert mit merkwürdigen Aussagen höchstselbst die Trainerdiskussion: „Verlieren wir in Mainz, kommt als nächstes Dortmund. Vielleicht dann ja ohne mich.“

Nix da „ohne mich“. Den fünf Niederlagen folgt der Befreiungsschlag mit dem 3:1 in Mainz und dem anschließenden 1:0 im DFB-Pokal beim 1. FC Köln. Die tosende See um Viktor Skripnik beruhigt sich wieder.

Krise Nummer zwei

Die Rückrunde beginnt verheißungsvoll. Das 3:1 auf Schalke ist ein Knaller, doch die nächsten vier Partien bringen nur drei Punkte, wieder gelingt weder gegen Ingolstadt (0:2) noch gegen Darmstadt (2:2) ein Sieg. Die Partie gegen die „Lilien“ war im Vorfeld bereits zum Schicksalsspiel für Skripnik ausgerufen worden. Und wenn nicht Claudio Pizarro in der vorletzten Minute zum Ausgleich getroffen hätte, wäre das Kapitel Skripnik wohl schon beendet gewesen. „Pizarro rettet Skripnik“, titelt diese Zeitung. Es folgen zwei 4:1-Siege über Leverkusen und Hannover – alle denken: Siehste, geht doch! Aber es geht nicht.

Krise Nummer drei

Es ist der 9. April 2016, als in Bremen etwas zerbricht, aber auch etwas entsteht. Mit der 1:2-Heimpleite gegen den FC Augsburg rutscht Werder auf den Relegationsplatz ab. Der damalige Geschäftsführer Thomas Eichin ist verängstigt und rüttelt erstmals öffentlich am Trainerstuhl. „Ich schließe nichts mehr aus“, sagt er über eine mögliche Skripnik-Entlassung. Der Coach verliert derweil ebenfalls die Nerven und legt sich offen mit den Medien an. „Es ist ganz schwierig, die ganze Saison gegen 18 Mannschaften zu kämpfen. 17 in der Bundesliga und eine Mannschaft im Medienbereich“, schimpft er und berichtet von Rücktrittsgedanken: „Ich habe zweimal in der Hinrunde gesagt: Okay, ich bin weg. Aber wer soll das machen? Alle sagen, du bist der Mann.“

Also bleibt er. Und erlebt, wie aus wütenden Pfiffen der Ostkurve-Fans eine einmalige Aktion erwächst. Die Idee für Greenwhitewonderwall wird geboren. Die unfassbare Unterstützung in den kommenden Spielen trägt Werder zu zehn Punkten in den letzten fünf Partien – das reicht zum Gerade-mal-so-Klassenerhalt. Eichin will Skripnik dennoch entlassen, wird aber selbst vom Aufsichtsrat geschasst. Der Trainer hat einen Machtkampf gewonnen, von dem er möglicherweise gar nicht wusste, dass er geführt wird.

Krise Nummer vier

Krise Nummer vier greift gerade mit langen, starken Armen um sich. Werder liefert im Spätsommer 2016 wieder keine Ergebnisse ab, spielt teils hundsmiserabel. Skripnik überrascht mit der aberwitzig anmutenden Aussage, er habe „alles unter Kontrolle“. Dabei gibt es kaum noch Zahlen, Fakten und Eindrücke, die für ihn sprechen. Aber er genießt einen großen Rückhalt. Bei Aufsichtsratschef Marco Bode, der klarstellt, dass mit ihm „eine Trainerdiskussion zu so einem frühen Zeitpunkt nicht funktionieren“ wird. Bei Frank Baumann, der den Auftrag, an dem ukrainischen Trainer festzuhalten, ausführt. Und beim Schicksal, dass sich offenbar ausgedacht hat, Viktor Skripnik zu einer Art Überlebenskünstler auf dem Bremer Trainerposten zu machen. csa

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