Taktikanalyse zum Spiel gegen Wolfsburg

Nouri dreht an den richtigen Stellschrauben

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Werder-Coach Nouri

Bremen - Von Cedric Voigt. Während der SV Werder gegen Mainz kurz vor Schluss noch eine Führung verspielte, gelang durch Tore von Lennart Thy und Theodor Gebre Selassie diesmal der späte Doppelschlag zum Sieg gegen Wolfsburg. Der Grundstein dafür wurde jedoch schon vorher gelegt – einmal mehr präsentierte sich Werder im Vergleich zu den ersten Saisonspielen deutlich verbessert.

Gegen den Werksclub aus Wolfsburg plante Alexander Nouri ursprünglich, dieselbe Startelf aufzubieten, die zuvor den Mainzern lange Zeit Paroli bieten konnte – der kurzfristige Ausfall von Lamine Sané spülte dann jedoch Milos Veljkovic als einzigen Neuen in die althergebrachte 4-1-4-1-Anfangsformation, der seinen Job unauffällig aber souverän verrichtete. Die Gäste schickten ihrerseits eine formativ grundsätzlich ähnliche Mannschaft auf das Feld: Auch das System der Mannschaft von Dieter Hecking stellte sich in Zahlen wohl am ehesten als 4-1-4-1 dar, besonders das zentrale Mittelfeld wurde jedoch deutlich anders besetzt.

Mit Yannick Gerhardt und Paul Seguin vor dem tiefer bleibenden Maximilian Arnold agierten zwei grundsätzlich eher absichernde Spielertypen in der Wolfsburger Schaltzentrale, während Julian Draxler als denkbarer Kandidat für die Rolle eines offensiv verbindenden Zehners zunächst als Linksaußen startete. Mit Draxler auf dem Flügel und Daniel Didavi verletzungsbedingt nicht im Kader mangelte es den Wolfsburgern an einem Kreativspieler, der sich als Empfänger für die aus der tiefen Ballzirkulation heraus nach vorne gespielten Pässe hätte anbieten und Ideen nach vorne entwickeln können. Wenn sich Draxler dann doch einmal ins Zentrum bewegte und als Anspielstation zurückfallen ließ, wurde er stets von einem Bremer Verteidiger mannorientiert verfolgt und unter Druck gesetzt.

So blieb den Wolfsburgern zwar eine Ballbesitzdominanz mit vielen Kontakten für das defensive Dreieck aus Maxi Arnold, Jeffrey Bruma und Philipp Wollscheid, jedoch kein konstruktiver Weg in die gefährlichen Zonen. Häufig folgte der lange Ball auf den Flügel oder in Richtung Mario Gomez, dort fanden sich die Wölfe jedoch nicht zuletzt aufgrund der konservativen Mittelfeldbesetzung oft in Unterzahl. Das Bremer Pressing leistete seinen Beitrag zu den Wolfsburger Problemen. Ousman Manneh war aufmerksam und pendelte zwischen den Wolfsburger Innenverteidigern, Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic liefen den Wolfsburger Aufbau mit gewohnt hoher Intensität an, dosierten ihre attackierenden Läufe allerdings besser als sonst und stimmten sie vor allem besser mit Sechser Florian Grillitsch ab.

Gnabry ist der Gefährlichste

Während in der Vergangenheit häufig übereifriges Herausrücken für das Bremer Mittelfeld zum Verhängnis wurde, weil die individuellen Vorstöße der Achter aus der Mittelfeldkette leicht bespielbare Räume öffneten, positionierte sich Grillitsch diesmal nicht als Anker vor der Abwehr, sondern bedeutend weiter vorne und unterstützte situativ das Pressing, in dem er die Abstände zu seinen Mitspielern kleiner hielt und Passwege aktiv zu schließen half. Auf der anderen Seite war Mario Gomez oftmals auf sich allein gestellt, Phasen eines gut abgestimmten hohen Pressings, in denen seine Bemühungen beispielsweise von den Wolfsburger Flügelstürmern unterstützt wurden, waren rar. So konnten Florian Grillitsch und die Bremer Innenverteidiger meist souverän den Ball laufen lassen und ohne viel Gegnerdruck die Gelegenheit zum Pass nach vorne suchen.

Den Weg in die Spitze fand Werder vornehmlich flach über die Außen eröffnend oder aber über verlagernde Diagonalbälle von Grillitsch, der besonders die rechte Bremer Angriffsseite mit einem mutig aufrückenden Theodor Gebre Selassie zu bedienen versuchte. Offensiv wirkten die Bremer Angriffe dann zwar zumeist noch etwas improvisiert, über Standards und einzelne Individualaktionen von Serge Gnabry gelangte Werder allerdings dennoch zu einem Chancenplus. Zur zweiten Hälfte brachte Dieter Hecking Daniel Caligiuri als neuen Linksaußen für Paul Seguin, während Draxler in die Mitte rückte. Der deutsche Nationalspieler interpretierte seine Rolle recht frei, positionierte sich Mal als hängende Spitze nahe bei Stoßstürmer Gomez, mal freier in Richtung Flügel verschoben. So erreichten die Gäste mehr Präsenz in der Spitze, ein Mittel gegen die Kreativlosigkeit im Zentrum bot diese Umstellung in Richtung 4-2-3-1 aber auch nicht.

Nouri hat Mittel gefunden, das Bremer Zusammenspiel besser zu strukturieren

Die Wolfsburger Führung fiel über einen Flügelangriff und eher zufällig, als Robert Bauer in Bedrängnis eine Flanke von Linksverteidiger Jannes Horn ins eigene Tor lenkte. In der Folge stellte Nouri sein Team für eine Schlussoffensive um, brachte mit Lennart Thy für Ousman Manneh einen frischen, technisch stärkeren Stürmer und nahm den defensiv bis dato stark aufspielenden Clemens Fritz zugunsten von Bundesligadebütant Niklas Schmidt vom Feld, im zentralen Mittelfeld die instabilere, aber im Passspiel die versiertere Wahl. Werder stand nun im 4-4-2 mit Gnabry zusätzlich in der vordersten Linie und Junuzovic links.

Die über die schlechter abgesicherte Mittelfeldreihe vorgetragenen Wolfsburger Gegenangriffe wurden dann zum Glück für Werder allesamt zu früh oder nicht rechtzeitig abgeschlossen – und wo die Gäste es verpassten nachzulegen, gelang es energisch nachsetzenden Bremern dann doch noch, das Risiko in Tore umzumünzen: Nach einem sehenswerten Heber von Grillitsch in den Wolfsburger Strafraum und einer Ballbehauptung Gnabrys gelang Lennart Thy mit einem Drehschuss zunächst der Ausgleich, in der Nachspielzeit konnte Theodor Gebre Selassie nach einem Eckball von Niklas Schmidt gar den Siegtreffer köpfen.

Ob Alexander Nouri trotz des knappen, aber letztendlich überzeugenden Erfolgs gegen Wolfsburg auch gegen Darmstadt noch auf der Werder-Bank sitzt, ist offen - gilt aber als wahrscheinlich. Fest steht: Der 37-Jährige war in den vergangenen Tagen nicht nur der richtige Motivator für eine verunsicherte Mannschaft und ließ sie aktiv und dynamisch auftreten, er hat auch durchaus Mittel gefunden, das Bremer Zusammenspiel kurzfristig besser zu strukturieren.

Späte Tore lassen Werder jubeln

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