Taktikanalyse zum Spiel gegen Darmstadt

Nouris Anpassungen retten einen Punkt

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Alexander Nouri hat zumindest einen Punkt mit Werder geholt. 

Bremen - Von Cedric Voigt. Nach dem ersten Sieg der Saison gegen Wolfsburg wollte Alexander Nouri in Darmstadt drei weitere Punkte für Werder Bremen und gute Argumente für eine Weiterbeschäftigung als Cheftrainer sammeln. Gegen den Angstgegner vom Böllenfalltor setzte er dabei auf Kontinuität: Erneut startete Ousman Manneh im Sturmzentrum, wo er mit seinen unkonventionellen Laufwegen Lücken reißen und den ruppigen Darmstädtern bei hohen Zuspielen Paroli bieten sollte.

Aron Johannsson, nach seinem Platzverweis gegen Gladbach wieder spielberechtigt, wurde hingegen gar nicht für den Kader berücksichtigt. Auch ansonsten änderte Nouri wenig an der Siegermannschaft des letzten Wochenendes, einzig Lamine Sane rückte für Milos Veljkovic in der Innenverteidigung zurück in die Startformation.

Dies mag aus Sicht des Motivationscoaches Nouri die richtige Wahl gewesen sein, aus Sicht des Taktikverantwortlichen Nouri allerdings in der Ausführung der ersten Hälfte ein Scheitern mit Ankündigung: Das Bremer 4-1-4-1 zeigte sich im Aufbau viel zu statisch. Die Darmstädter sind womöglich eines der ausrechenbarsten Teams der Liga: Klassischerweise formierten sie sich gegen den Ball in einem 4-4-2, in dem die zwei engen Viererketten tief absichern, bei flachen Zuspielen mannorientiert Druck ausüben und bei hohen Flugbällen ihre Kopfballstärke ausspielen. Davor versperrten gegen die Bremer Stürmer Antonio Colak und Werder-Leihgabe Laszlos Kleinheisler, im eigenen Ballbesitz eher Zehner, die Passwege ins Zentrum und nahmen in der ersten Halbzeit Florian Grillitsch gut aus dem Spiel. 

Freilaufende Bewegungen fallen Werder schwer 

Um gegen diese simple, aber effektive Defensivtaktik erfolgreich zu sein, bräuchte es freilaufende Bewegungen aus dem Mittelfeld, um die Mannorientierungen der Darmstädter durcheinanderzubringen und sich über die Halbräume zwischen Zentrum und Flügel nach vorne zu spielen. Leider ist dies weder die Spielweise von Zlatko Junuzovic, der im Aufbau meist zu früh zu hoch schob, wo er nicht sinnvoll angespielt werden konnte, noch die von Clemens Fritz, der sich zwar häufiger fallen ließ, dem es jedoch bei seinen Aktionen oft an der nötigen Vororientierung fehlt – der Kapitän benötigt zur Ballverarbeitung und zur Weiterleitung oft zu viel Zeit, in der sich der Gegner sortieren kann. 

Da die Darmstädter auch die Flügel doppelt absicherten und gerade Izet Hajrovic auf rechts sich von der stark raumverknappenden, physisch präsenten Spielweise der Darmstädter zu oft den Schneid abkaufen ließ, bestand das Bremer Angriffsspiel anfangs lediglich aus Serge Gnabry, der erneut häufig vom linken Flügel etwas einrückte und im Aufbau bereits den Ball forderte, und langen Bällen in die Spitze, bei deren Behauptung Ousman Manneh allerdings wegen eines für seine Größe ausbaufähigen Kopfballspiels und technischer Mängel Lehrgeld zahlen musste.

Sane und Gnabry treffen für Werder

Ihrerseits griffen die Darmstädter dann ebenfalls auf lange Bälle zurück: Was bei Werder ein Problem ist, ist bei den spielerisch limitierten Lilien der Plan. Werder presste den Aufbau der Gastgeber kaum, da ohnehin klar war, dass der lange Befreiungsschlag folgen würde, für den sich die vier offensiven Darmstädter und Mittelfeldmann Jerome Gondorf in Position bringen sollten, während sein Partner Florian Jungwirth gemeinsam mit der Viererkette die Konterabsicherung besorgte. Auch der Elfmeter zum 1:0 war Konsequenz eines langen Balles, bei dem sich Theo Gebre Selassie verschätzte und Gegenspieler Gondorf unglücklich zu Fall brachte.

Überraschender Wechsel

Zur Pause wechselte Nouri etwas überraschend den grundsätzlich soliden Robert Bauer für Janek Sternberg aus und brachte den wieder genesenen Fin Bartels für Izet Hajrovic, während das zentrale Mittelfeld scheinbar unangetastet blieb. Dennoch zeigten sich auf dem Rasen massive Umstellungen, die Werder besser in die Partie brachten: Sechser Florian Grillitsch agierte im Aufbau nun als immer wieder hoch schiebender, die Bremer Angriffe ankurbelnder linker Innenverteidiger. Etwas weniger eingebunden fand sich Lamine Sane halbrechts in einer ähnlichen Rolle wieder, währen Moisander zentral absicherte. Die Außenverteidiger standen nun dank der Drei-Mann-Absicherung deutlich höher, was auch die Einwechslung Sternbergs nachvollziehbarer machte, der als schneller Linksfuß vom Profil her eher einem Flügelverteidiger gleichkam als Bauer. 

Werder gegen Darmstadt - die Noten 

Insgesamt ein kluger Schachzug: Die zwei vordersten Pressingspieler Darmstadts waren gegen diesen aufgefächerten Aufbau nun in der Unterzahl, gleichzeitig konnten die Außenspieler der Darmstädter nicht risikolos aus ihrer Formation herausrücken. Sehr interessant war auch die Rolle des erneut überragenden Serge Gnabry angelegt: Teils holte er sich als eine Art linker Achter die Bälle schon tief ab und spielte auf einer Höhe neben dem nun alleine das Zentrum sichernden, aber im Aufbau kaum gesuchten Clemens Fritz, teils spielte er in der Spitze auf einer Höhe mit Ousman Manneh. So war Gnabry für die Darmstädter Mannorientierungen schwer zu verteidigen und hatte einen großen Anteil an der größeren Torgefahr der Bremer im zweiten Durchgang. Nachdem eine Standardsituation zuvor den zwischenzeitlichen Ausgleich besorgt hatte, entstand aus dem Zusammenspiel der beiden nach einer der seltenen Umschaltsituationen auch die zwischenzeitliche Bremer Führung. 

Aron Johannsson hätte gut getan

Dennoch hätte ein Spielertyp wie Aron Johannsson dem Spiel der Bremer in der zweiten Hälfte womöglich gutgetan: Während Bartels auf rechts ähnlich wie Gnabry sehr positionsflexibel agierte, blieb die linke Angriffsseite der Bremer doch die dominante. Das lag an Gnabry, an Grillitsch, aber auch daran, dass sich Zlatko Junuzovic ebenfalls eher auf links aufhielt und trotz eher mäßiger Präsenz jenseits von Standards in Halbzeit zwei eine weitere Anspielstation für Kombinationen anbot. Solche Überladungen einzelner Spielfeldzonen sind grundsätzlich ein guter Ansatz. Ein zusätzlicher im kleinräumigen Passspiel versierter Spieler, der aus dem Zentrum die linke Seite unterstützt, hätte womöglich etwas mehr Durchschlagskraft bedeutet. So musste Werder dann tatsächlich sogar noch nach einem Stellungsfehler Sternbergs, der eine Darmstädter Halbfeldflanke nicht verteidigen konnte, mit dem zweiten Treffer von Antonio Colak den Ausgleich hinnehmen – in Anbetracht der zweiten Hälfte eigentlich zu wenig, nach der abgeschenkten ersten Hälfte war die Punkteteilung allerdings nicht völlig unverdient.

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