Sportpsychologe Prof. Dr. Marlovits erklärt seine Arbeit bei Werder

Die Geheimwaffe will überflüssig werden

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Bei Werder wird viel geredet – und Sportpsychologe Prof. Dr. Andreas Marlovits (links) spielt dabei neben Trainer Viktor Skripnik eine besondere Rolle.

Aus Zell am Ziller berichtet Björn Knips - Das Gespräch beginnt mit einer Entschuldigung. Prof. Dr. Andreas Marlovits bittet noch einmal um Nachsicht, dass er sich erst jetzt den Medien stellt. Dabei ist er als Sportpsychologe schon seit fast drei Monaten für den SV Werder im Einsatz, er war die Bremer Geheimwaffe im Abstiegskampf. Doch damals musste der 50-Jährige schweigen, um nicht das Vertrauen der Spieler zu riskieren.

Auch jetzt erinnert Marlovits an seine Schweigepflicht als Psychologe. Trotzdem versucht er, seine Arbeit zu erklären – und ihr damit das Geheimnisvolle, das für einige etwas befremdlich Wirkende zu nehmen. „Die Spieler haben sich verändert“, sagt Marlovits: „Sie denken nicht mehr, dass man sich beim Psychologen nur auf die Couch legt, wenn man krank ist. Sie glauben daran, dass sie sich durch eine gemeinsame Zusammenarbeit selbst stark machen können.“ Deswegen sei im vergangenen Mai die Bereitschaft, sich auf ihn einzulassen, auch sehr groß gewesen. Allerdings, das gibt Marlovits ganz offen zu, habe ihm auch Werders Notsituation geholfen.

Im Abstiegskampf werde sich eben an jeden Strohhalm geklammert. Bei Werder hieß dieser Strohhalm auch Marlovits, wenngleich er sich selbst nur als Mithelfer sieht. Auch die Fans hätten zum Beispiel ihren Anteil. „Sie waren eine Einheit und haben der Mannschaft damit Kraft gegeben“, lobt der Psychologe. Das Thema Einheit ist ihm ganz wichtig. Mannschaften ohne Superstars müssten über die Einheit kommen. Werder also auch. Doch bei einer Gruppe von über 20 Spielern plus Trainerteam und noch weiteren Mitarbeitern sei das gar nicht so einfach. Denn in jeder größeren Gruppe gebe es ein beherrschendes Thema, das sich positiv, aber eben auch negativ auswirken kann.

Bei Hannover 96 sei das damals quasi von außen gekommen, als sich Torwart Robert Enke das Leben nahm. Einige Spieler hätten sich natürlich gefragt, ob sie vorher etwas hätten merken müssen. Wenn dann plötzlich die eigene Leistung nachlässt, könne ein Spieler in eine Negativspirale geraten, so Marlovits. Der 50-Jährige hat damals mitgeholfen, das Thema so zu behandeln, dass es keine Belastung mehr für die Spieler war. „Es gibt aber auch Themen, die von innen kommen“, sagt Marlovits. Die würden die Beteiligten manchmal selbst gar nicht kennen. So ungefähr sei es bei Werder gewesen. Dann wurde Marlovits geholt und hat nach Werders Thema geforscht. Dauer? „Ein Tag“, sagt der Experte und grinst zufrieden.

Es musste ja auch schnell gehen drei Spieltage vor Schluss. Es folgten Teamgespräche und Einzelsitzungen mit allen Beteiligten. Offenbar mit Erfolg, Werder schaffte den Klassenerhalt. Und was wäre bei einem Abstieg gewesen? „Dann würde ich hier nicht mehr sitzen“, glaubt Marlovits – unabhängig von der Bewertung seiner Arbeit: „Ich wäre wirkungslos gewesen. Es gewinnt das, was wirkt. So ist das nun mal im Leistungssport. Wahrscheinlich wäre ich dann auch nicht bei einem anderen Verein. Das ist ein hohes Risiko, das man da in Kauf nimmt.“ Es gehe eben um ganz viel Vertrauen in etwas im Fußball eher Unbekanntes. Beim Erstligisten genießt Marlovits das Vertrauen weiterhin – die Zusammenarbeit wurde sogar ausgeweitet. Der studierte Psychologe, Sportwissenschaftler und Theologe hat einen Jahresvertrag bekommen, ist in den Trainingslagern dabei und soll künftig alle vier, fünf Wochen vorbeischauen.

„Wer will schon jeden Tag seinen Therapeuten bei sich haben“, erklärt Marlovits das Konzept mit einem Schmunzeln. Ernsthaft fügt er aber noch an, dass es eigentlich sein Ziel ist, „mich überflüssig zu machen. Die Spieler sollen Methoden erlernen, dass sie nicht mehr in Notsituationen kommen.“ Durch die hohe Fluktuation gerade in einem Bundesliga-Kader gibt es jedoch immer wieder neue Aufgaben für Marlovits. Jetzt ist aber erst einmal Vorbereitung angesagt. Dabei hat Sportchef Frank Baumann entschieden, dass jeder eine Einzelsitzung mit Marlovits absolvieren muss. Das sei gut, sagt der Psychologe, weil er so seine Arbeit viel besser vorstellen und erstes Vertrauen schaffen könne. Wer danach trotzdem nicht weitermachen will, wird dazu nicht gezwungen.

Anders sieht es bei den Gruppengesprächen aus. Die sind Pflicht. Und was wird dort gemacht? Marlovits will nicht ins Detail gehen, nennt nur ein kleines, sehr bekanntes Beispiel: Das rückwärtige Fallenlassen in die Arme des Teamkollegen. Ein Vertrauensbeweis. Bei der Arbeit mit den Profis helfe ihm, „dass ich selbst gespielt habe“. Immerhin Regionalliga. „Dann streikte das Knie – und was macht man dann? Man wird Sportpsychologe“, scherzt der 50-Jährige, der auch an der Business School Berlin als Professor arbeitet. Werder ist da eine gute Ergänzung und Abwechslung. Dazu gehören auch unangenehme Fragen an die Spieler und Trainer. „Das ist mein Job“, sagt Marlovits, lächelt und macht der Journalistenrunde ein Angebot: „Sie können später gerne zu mir auf die Couch kommen – und es ausprobieren.“

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