Spielanalyse zum Sieg gegen den VfB

Werder presst sich zum Erfolg

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6:2 stand am Ende auf der Anzeigetafel.

Bremen – Von Michael Baltes. Werder Bremen hat mit dem Sieg gegen Stuttgart einen wichtigen Schritt Richtung Klassenerhalt gemacht. Ausschlaggebend für den Erfolg war das enorm starke Pressing und Umschaltspiel der Grün-Weißen – in der Defensive offenbarte das Skripnik-Team allerdings einmal mehr Schwächen. Die Spielanalyse.

6:2 sieht auf den ersten Blick nach einer klaren Angelegenheit aus – war es für Werder an diesem Montagabend aber nicht. Im Abstiegskrimi gegen den VfB Stuttgart lieferten sich beide Teams über weite Strecken einen offenen Schlagabtausch mit zahlreichen Torchancen auf beiden Seiten. Erst mit dem Treffer zum 4:2 waren die Gäste geschlagen und brachen anschließend komplett auseinander. Die Bremer können im Kampf um den Klassenerhalt nun kurz durchatmen, gehen mental gestärkt und als Tabellen-15. in die letzten beiden Saisonspiele (Köln und Frankfurt).

Dass das Team aber auch schon vor dem Stuttgart-Spiel kein Kopfproblem hatte, bewiesen die Grün-Weißen eindrucksvoll. Von der ersten Minute an waren die Bremer bissiger in den Zweikämpfen (59 Prozent gewonnene direkte Duelle), gedankenschneller und agierten besonders im Pressing gegen den Ball und im Umschaltspiel hellwach. Möglicherweise auch ein Verdienst des Sportpsychologen Prof. Dr. Andreas Marlovits, der in den vergangenen Tagen mit den Bremer Profis gearbeitet hatte.

Werder-Coach Viktor Skripnik schickte seine Elf zunächst im 4:1:4:1-System aufs Feld, wobei Clemens Fritz mit zunehmender Spieldauer sich immer weiter abfallen ließ und daraus ein 4:2:3:1-System resultierte. VfB-Trainer Jürgen Kramny setzte auf ein 4:1:4:1 – musste dabei aber kurzfristig auf Leistungsträger Christian Gentner verzichten. Ein herber Verlust für die ohnehin ersatzgeschwächten Gäste, die gegen Bremen zwar deutlich mehr Ballbesitz hatten (61 Prozent), in der eigenen Defensive aber einfach viel zu fahrlässig zu Werke gingen. „Wir schenken die Tore zu leicht her. Jedes einzelne Tor darf so nicht passieren“, sagte Stuttgarts Mittelfeldspieler Daniel Schwaab nach der Partie. Eine durchaus treffende Analyse. Alle sechs Bremer Treffer entstanden aus Stuttgarter Ballverlusten im eigenen Spielaufbau oder aus Umschaltsituationen. Was auf der einen Seite auf die Stuttgarter Fahrlässigkeit zurückzuführen ist, aber auf der anderen eben auch auf die starke Arbeit der Bremer im Pressing und vor allem nach Ballgewinn im schnellen Wechsel auf das eigene Offensivspiel.

Bezeichnend hierfür ist der Treffer zum 1:0 durch Fin Bartels (10. Minute): Nach einer Bremer Abseitsstellung führt VfB-Keeper Przemyslaw Tyton den Freistoß kurz aus – Claudio Pizarro läuft den ballführenden Stuttgarter Spieler schon an dessen Strafraum an, der spielt in die Mitte zu Georg Niedermeier. Dieser wird wiederum von Zlatko Junuzovic im Vollsprint angelaufen. Niedermeier passt zurück zu Tyton, der ebenfalls direkt von Junuzovic unter Druck gesetzt wird. Die Folge: Ein unkontrollierter Schlag, den Werders Kapitän Clemens Fritz noch weit in Stuttgarts Hälfte per Kopf auf Pizarro weiterleitet. Pizarro setzt Bartels mit einem halbhohen Zuspiel an der Strafraumkante in Szene – der Rest ist bekannt. Ein fast in Perfektion gespieltes Pressing und Umschaltspiel.

Die perfekte Show des Fin Bartels

Auch Werders weitere Treffer sind ähnlich in der Entstehung. Vor Federico Barbas Eigentor zum 2:1 grätscht Papy Djilobodji Martin Harnik den Ball im Mittelkreis ab – Fritz hat anschließend viel Raum und bedient Sambou Yatabare auf dem Flügel. Die Malier flankt, durch Barba landet der Ball im Kasten. Beim 3:1 erkämpft sich Junuzovic am rechten Strafraumrand der Gäste entscheidend den Ball, nachdem Niedermeier einen langen Ball von Jannik Vestergaard nur unzureichend geklärt hat. Junuzovic legt zurück auf Levin Öztunali, der unbehelligt von drei!!! Stuttgartern abschließen kann.

Bevor Pizarro in der 64. Minute mit dem 4:2 für die Vorentscheidung sorgt, ist es Bartels, der im Gegenpressing den Ball per Grätsche zu Junuzovic spitzelt und damit den Treffer entscheidend einleitet. Vor dem 5:2 durch Bartels setzt Pizarro einem verunglückten Stuttgarter Rückpass nach und kann ihn tief in der gegnerischen Hälfte behaupten. Beim 6:2 attackieren Fritz und Öztunali VfB-Stürmer Harnik auf der linken Seite und forcieren damit dessen katastrophalen Fehlpass in den Lauf von Anthony Ujah.

Vorne überragend, hinten wie gewohnt mit Fehlern

War Werders Offensive an diesem Abend ein echtes Prunkstück – zeigte sich die Abwehr der Grün-Weißen auch gegen Stuttgart alles andere als sattelfest. Nicht ohne Grund hat es die Skripnik-Elf in dieser Saison noch nie geschafft, ein Spiel in der Liga zu null zu beenden. Insgesamt 13 Torschüsse standen am Montagabend am Ende für die Gäste in der Statistik. Dass daraus nur zwei Tore resultierten, lag unter anderem am Pfosten und an den starken Paraden von Werder-Keeper Felix Wiedwald.

Die beiden Gegentreffer stehen dabei sinnbildlich für Werders Abwehr in dieser Saison: Fast ungestört und über mehrere Stationen kombinierte sich der VfB vor dem zwischenzeitlichen 1:1 über die rechte Seite in den Strafraum. Gleich mehrfach verpassten es die Bremer, diesen Spielzug energisch zu unterbinden. Nach Maxims Rückpass an die Strafraumkante war Daniel Didavi im Zentrum völlig blank – statt auch den Rückraum abzudecken, hatten sich die Werder-Profis ausschließlich auf den Fünfmeterraum konzentriert. Ein fataler Fehler.

Beim Tor zum 2:3 war es wieder mal ein Standard, der nicht konsequent verteidigt wurde. Nach einem Eckball schien die Situation schon geklärt, die zweite Flanke der Stuttgarter fand in Barba aber doch wieder einen Abnehmer im Strafraum der Grün-Weißen. Diesmal war es Vestergaard, der den Gegner nicht am Torabschluss hindern konnte.

Es sind genau diese individuellen und auch taktischen Fehler, die Werder in dieser Saison schon zahlreiche Punkte gekostet und in diese bedrohliche Situation gebracht haben. Denn an der eigenen Offensive und Torausbeute liegt es nicht. Mit 49 Treffern liegt das Skripnik-Team in dieser Wertung im oberen Tabellendrittel.

Werder feiert Kantersieg

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