Robert Bauer im Interview

„Ich haue auch mal dazwischen“

Robert Bauer ruht sich mal kurz auf dem Ballnetz aus und lacht – ansonsten ist er auf dem Platz aber eher der Typ Terrier. - Foto: Gumz

Bremen - Von Malte Rehnert. Robert Bauer muss sich umgewöhnen. In Ingolstadt wohnte der 21-Jährige in einer WG mit seinem Teamkollegen und Kumpel Max Christiansen, in Bremen zieht er demnächst in seine eigenen vier Wände – die Silbermedaille aus Rio nimmt der Werder-Neuzugang jedoch nicht mit.

Im Interview spricht der gebürtige Pforzheimer mit kasachischen Wurzeln nicht nur über Olympia, sondern auch über Serge Gnabry und den Medizincheck-Anruf von Ralph Hasenhüttl. Und Bauer verrät, wofür er seinen Trainer Viktor Skripnik bewundert.

Herr Bauer, beginnen wir mit der Aktualität. Als letzten Transfer des Sommers hat Werder Serge Gnabry verpflichtet, Ihren Teamkollegen aus der deutschen Olympiamannschaft. Ihr Urteil?

Robert Bauer: Wir kennen uns schon länger. Er hat in der Jugend beim VfB Stuttgart gespielt, ich beim Karlsruher SC. Ein super Junge, wir verstehen uns gut. Man hat in Rio gesehen, was er leisten kann. Ein Super-Transfer für Werder. Man kann glücklich sein, so einen Spieler bekommen zu haben.

Wie kann er Werder voranbringen?

Bauer: Er war in den ersten zwei Spielen nicht da, kommt jetzt her und hat einen freien Kopf. Nach vorne kann er sehr viel Dampf machen, bringt Kreativität mit. Und er kann die Spitzen über außen füttern – so einen wünscht sich jeder Stürmer.

Am liebsten würde er aber auf der „10“ spielen.

Bauer: Das kann er auch, mit seiner Technik und dem Tempodribbling. Dazu hat er selbst noch einen sehr guten Torabschluss – ein kompletter Spieler für die Offensive.

Haben Sie Gnabry in Rio ein bisschen „bearbeitet“, dass er auch zu Werder wechselt?

Bauer: Nein, zu der Zeit war noch nicht klar, dass er hierher kommt. Als ich mitbekommen habe, dass er im Gespräch ist, habe ich ihm geschrieben. Er hat geantwortet, dass er wahrscheinlich zu Werder wechselt – und dann musste ich nicht mehr viel machen.

Gnabry hat sich bei seinen Arsenal-Kollegen Per Mertesacker und Mesut Özil über Werder erkundigt. Wer war Ihr Ratgeber?

Bauer: Nils Petersen und Davie Selke haben mir bei Olympia gesagt. ,Wenn sich die Chance mit Werder ergibt: Mach’ das!’ Dass es ein super Verein mit super Fans und super Stadion ist – und dass ich hier den nächsten Schritt machen kann.

Wie viele weitere Optionen hatten Sie?

Bauer: Es gab über meinen Berater einige Gespräche mit anderen Vereinen. Am Ende auch mit Leipzig, das war ja in den Medien zu lesen.

Sie sollen während des Medizinchecks in Bremen angerufen worden sein. Stimmt das?

Bauer: Ja. Vorher hat mein Berater schon mit Ralf Rangnick (Leipzigs Sportdirektor, d. Red.) gesprochen. Und dann hat Ralph Hasenhüttl (Leipzigs Trainer und vorher Bauers Coach in Ingolstadt) bei mir angerufen, aber da konnte ich wegen des Medizinchecks nicht rangehen. Das Interesse eines so ambitionierten Vereins ehrt mich – weil es zeigt, dass man gute Arbeit geleistet hat.

Sind Sie noch mal ins Grübeln geraten?

Bauer: Überhaupt nicht. Ich habe Leipzig klar gesagt, dass Werder der Verein ist, zu dem ich gehen möchte. Und das haben sie dann akzeptiert.

Und warum Werder?

Bauer: Das Umfeld, die Fans, das Stadion. Fußballer spielen auch, um Menschen zu begeistern. Wenn dir Fans zujubeln – das ist das, was einem die Kraft gibt. In Ingolstadt war das alles ein bisschen kleiner. Und ich habe in den Gesprächen mit den Verantwortlichen gemerkt, dass sie auf mich setzen und mich unbedingt wollen. Da hatte ich das beste Gefühl.

Bauers Weg zu Werder

Sie haben die Fans angesprochen. Haben Sie verfolgt, wie die Unterstützung in Bremen im Abstiegskampf der Vorsaison war?

Bauer: Ja. Wie der Mannschaftsbus empfangen wurde. Wie die Stimmung beim Abendspiel gegen Stuttgart war. Unglaublich, da hat man sogar vor dem Fernseher Gänsehaut bekommen. Das jetzt selbst zu erleben, ist super.

Was wollen Sie mit Werder erreichen?

Bauer: Der Abstiegskampf, wie in den vergangenen Jahren, ist nicht der Anspruch von Werder. Wenn alle fit sind und die Automatismen greifen, haben wir das Potenzial, im oberen Mittelfeld mitzuspielen – wie Serge es gesagt hat. Dann kann es eine entspanntere Saison werden.

Hinten rechts, hinten links, in der Mitte – oder im defensiven Mittelfeld: Wie sind Sie zum Allrounder geworden?

Bauer: Früher hat doch jeder als Stürmer angefangen, ich auch. Dann ging es Stück für Stück weiter nach hinten. Nach Ingolstadt wurde ich eigentlich als Sechser geholt, aber dann hat sich unser Linksverteidiger Markus Suttner verletzt. Seitdem habe ich fast immer dort gespielt.

Was sind Sie für ein Spielertyp?

Bauer: Ich bin einer, der auch mal dazwischenhaut, der die Zweikämpfe sucht und aggressiv spielt. Dafür wurde ich geholt – und genau dafür standen wir als Mannschaft in Ingolstadt. Wir waren sehr unangenehm, gegen uns hat keiner gerne gespielt.

Klingt sehr nach einem reinen Defensivspieler.

Bauer: Nein. Ich kann auch Dampf nach vorne machen und mag es, wenn wir von hinten rausspielen und ich am Aufbau beteiligt bin.

Sie können theoretisch für die kasachische Nationalmannschaft spielen. Kommt das infrage?

Bauer: Momentan nicht. Vor ungefähr anderthalb Jahren gab es eine Anfrage aus Kasachstan. Da war ich gerade bei der deutschen U 20 und habe gesagt, dass ich mich auf Deutschland konzentrieren möchte. Wenn ich merke, dass ich hier keine Chance auf die A-Nationalmannschaft habe, kann ich mir das immer noch überlegen.

Sprechen Sie Russisch?

Bauer: Ja. Meine Eltern und meine Schwestern sind 1994 nach Deutschland gekommen, ein Jahr vor meiner Geburt. Ich bin zweisprachig erzogen worden, zu Hause haben wir meistens Russisch gesprochen.

Und mit Ihrem ukrainischen Trainer Viktor Skripnik?

Bauer: Ich weiß gar nicht, ob er weiß, dass ich Russisch kann (lacht).

Spätestens jetzt weiß er es...

Bauer: Dann können wir ja demnächst mal ein bisschen Smalltalk halten...

Ihr Coach steht nach dem völlig missratenen Saisonstart schon wieder in der Kritik. Was haben Sie für einen Eindruck von ihm?

Bauer: Ich bin beeindruckt, wie er damit umgeht. Er lässt sich nichts anmerken, ist immer noch voll dabei mit seiner ganzen Leidenschaft und zieht uns mit. Wir stehen als Mannschaft komplett hinter dem Trainer – das gibt ihm Kraft. Weil er merkt, dass wir an einem Strang ziehen.

Ähnlich wie in Rio, als es Silber gab. Was war Ihr persönliches Olympia-Highlight?

Bauer: Nach dem Finale waren wir im deutschen Haus, haben mit Kanuten, Leichtathleten oder Hockeyspielern geredet. Es war toll, die anderen Sportler kennenzulernen, die mit so viel Leidenschaft und Eifer dabei sind – aber eben nicht diese mediale Aufmerksamkeit haben wie Fußballer. Für die ist Olympia ein Riesenevent.

Obwohl Sie nicht auf dem Platz standen: Wie haben Sie das Finale im ausverkauften Maracana mit über 80 000 Zuschauern erlebt?

Bauer: Die Atmosphäre war einzigartig. Alle Brasilianer in Trikots, das ganze Stadion gelb. Und so laut – bei jeder kleinsten Chance. Man merkt, dass die Fans dort für den Fußball leben.

Mit Ihrer Sieben-Finger-Geste in Erinnerung an das deutsche 7:1 bei der WM 2014 haben Sie die Fans anschließend provoziert. Eine Kurzschlusshandlung?

Bauer: Es gab sehr viele Pfiffe gegen uns, was nicht schlimm ist. Emotionen gehören dazu. Wer austeilt, muss allerdings auch einstecken können. Als ich aber gemerkt habe, wie sehr es die Brasilianer beschäftigt, habe ich mich entschuldigt. Und damit ist die Sache erledigt.

Haben Sie schon einen Ehrenplatz für Ihre Silbermedaille gefunden?

Bauer: Nein – und ich brauche auch keinen zu suchen. Natürlich ist es eine schöne Erinnerung, aber jetzt zählt für mich nur noch Werder. Die Medaille ist bei meinen Eltern, die werden sie bei sich aufhängen.

Was machen Sie, wenn Sie mal nicht auf dem Fußballplatz stehen?

Bauer: Erst mal will ich mich richtig eingewöhnen, Möbel kaufen und in meine Wohnung einziehen. Wenn ich dann zur Ruhe gekommen bin, möchte ich ein Fernstudium beginnen, Event- oder Sportmanagement.

Ihre Teamkollegen Clemens Fritz und Felix Wiedwald haben das auch gemacht. Warum tun Sie es?

Bauer: Weil ich nicht der Typ bin, der 24 Stunden Fußball im Kopf haben muss. Privat mache ich gerne andere Sachen, um abzuschalten. Etwa Musikhören, am liebsten amerikanischen Hip- Hop.

Taugen Sie zum Kabinen-DJ?

Bauer: Bisher haben wir keinen. In Ingolstadt hatten wir auch bei Auswärtsspielen immer eine Box dabei, hier ist das wohl nicht so. Da hören viele ihre eigene Musik.

Sie könnten sich als „Einheizer“ anbieten...

Bauer: Ich werde mal eine Bewerbung abgeben (lacht). Ich weiß zwar noch nicht, welche Musik die anderen mögen. Aber dann würde sich schnell herausstellen, ob ich geeignet bin oder nicht...

Haben Sie bei der Mannschaft schon Ihr „Einstandsgeschenk“ als Neuzugang abgegeben?

Bauer: Das kommt noch. Ich habe mir aber noch nicht überlegt, was ich mache. Ich habe gehört, man muss singen oder tanzen.

Was haben Sie damals in Ingolstadt vorgeführt?

Bauer: Da habe ich das Badnerlied gesungen, das immer vor den Spielen in Karlsruhe, Hoffenheim und Freiburg läuft.

Das wird bei den Kollegen in Bremen eher schwierig zu vermitteln sein, oder...?

Bauer: Wieso? Ich kann es doch singen – es kennt nur keiner...

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