Politisch motivierte Gewalt – rechte Hooligans gegen linke Ultras

Straßenkämpfe im Schatten des Weserstadions

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Polizisten im Einsatz beim Nordderby

Bremen – Von Michael Baltes. Es brodelt rund um das Weserstadion: Rechte Hooligans drängen mit Gewalt zurück auf die Bildfläche, sie wollen offenbar alte Territorien zurückgewinnen. Ein Problem, das in Bremen nicht neu ist, das in den vergangenen Wochen aber wieder an Intensität zugenommen hat. Linke Ultras stellen sich dem entgegen. Die Folge sind brutale Auseinandersetzungen, die mit dem Fußball nichts zu tun haben.

Es sind ungewöhnliche Szenen, die sich in der Schlussphase des Spiels gegen Eintracht Frankfurt abspielen. Gleich mehrere Bremer Ultra-Gruppierungen verlassen vorzeitig das Weserstadion. Dabei ist die Partie längst noch nicht entschieden. Werder führt knapp 1:0, in einem Spiel, das für die Grün-Weißen im Kampf um die internationalen Plätze von enormer Bedeutung ist. Gerade von den Ultras in der Ostkurve, dem harten Kern der Bremer-Fans, bekommt das Skripnik-Team in solchen Momenten für gewöhnlich die größte Unterstützung. Diesmal fehlt in den letzten Minuten ein Teil davon. Die Gruppen, die das Stadion verlassen, haben in diesem Moment einen anderen Kampf im Kopf. Einen Kampf, der nichts mit dem Fußball zu tun hat. Er ist politisch motiviert. Linke gegen Rechte. Antifa gegen Faschisten.

Diese Auseinandersetzungen, die in der Regel mit roher Gewalt geführt werden, finden bei weitem nicht bei allen in der Ostkurve vertretenen Ultra-Gruppen Zuspruch. Im Gegenteil - sie sorgen für Missstimmung. „Sie sprechen sich zwar alle offen gegen Faschismus aus, setzen darüber hinaus aber ihre Priorität auf die Unterstützung Werder Bremens“, sagt Till Schüssler, Fan-Betreuer bei Werder. Ausnahmen bilden laut einem 2014 aktualisierten Dossier des Bremer Senats die Gruppen Infamous Youth (IY) und Caillera (CLR), die sich demnach im Internet schon deutlich zum linksautonomen Spektrum bekannt haben. Beim Ultra Team Bremen (UTB) lassen sich ebenfalls Tendenzen in diese Richtung feststellen. Das Bremer Fan-Projekt ordnet IY und CLR dagegen nicht der linksautonomen Szene zu.

Die Gruppen IY, CLR und UTB sind es auch, die gegen 17.10 Uhr an diesem Samstagnachmittag aus dem Stadion hinaus auf die Straße strömen. Zudem soll L'Intesa Verde dabei gewesen sein. Der Grund: Sie wollen Ultras unterstützen, die das Spiel - teils aufgrund von Stadionverboten - im „Kulturzentrum Lagerhaus“ im Viertel verfolgt haben, nun aber Richtung Stadion laufen. Sie mussten das Lagerhaus vorzeitig verlassen, weil vom Hillmannplatz aus Hooligans, die zum Teil seit Jahrzehnten Mitglieder der rechten Szene sind, in ihre Richtung aufgebrochen waren. Rund 60 bis 70 rechte Hooligans sollen sich an diesem Nachmittag in Bremen zusammengerottet haben, heißt es. Zu größeren Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Schlägern kommt es trotzdem nicht. Die Polizei wird später in ihrem Einsatzbericht von vereinzelten Stein- und Flaschenwürfen sowie „Laufspielen“ schreiben, die sich die Ultras und Hooligans mit den Beamten liefern.

Zwei Wochen zuvor sieht die Situation anders aus. Rund um das Nordderby gegen den Hamburger SV knallt es in den Straßen um das Weserstadion heftig zwischen Bremer Ultras und Hooligans. Was genau passiert, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen. Klar ist aber: In den Straßen um das Verdener Eck spielen sich brutale Szenen ab. Ein Amateurvideo dokumentiert die hemmungslose Gewalt. Mehrere zum Teil vermummte Personen ringen einen Mann nieder, treten ihm ins Gesicht. Bei dem Mann handelt es sich vermutlich um einen Hooligan, bei den Angreifern wohl um Ultras. Möglicherweise ist es eine Racheaktion – kurz zuvor war laut Polizei am Verdener Eck eine kleinere Gruppe Ultras von Hooligans attackiert worden.

Hooligans veröffentlichen "Fahndungsbilder" auf Facebook

In den folgenden Tagen werden auch Fragen zur Rolle der Polizei laut. Hätten die Beamten die beiden Lager besser von einander trennen können, vielleicht sogar müssen? „Die Einsatzkräfte sind konsequent und der Lage angemessen eingeschritten“, tritt Dirk Siemering, Pressesprecher der Polizei Bremen, dem entgegen. Nach dem Frankfurt-Spiel kommen neue Fragen auf. Wie kann es sein, dass eine Gruppe von offenbar 60 bis 70 rechten Hooligans so gut wie ungestört von der Polizei quer durchs Viertel ziehen kann, um gezielt Jagd auf Ultras zu machen? Denn so muss die Aktion der Hooligans offensichtlich bewertet werden. In den Tagen nach dem Nordderby waren auf einschlägig bekannten Facebookprofilen wiederholt „Fahndungsbilder“ veröffentlicht worden, mit denen subtil zur Jagd auf Ultras, die vermeintlich der Antifa-Szene angehören, aufgerufen wurde.

Eine Entwicklung, die nicht nur Werders Fanbetreuer Till Schüssler beunruhigt. Auch das Bremer-Fan-Projekt erkennt in den zurückliegenden Wochen eine Tendenz, der unbedingt Einhalt geboten werden muss. Eine Tendenz, die sich nicht allein auf Bremen beschränkt. Bundesweit wurden in den vergangenen Monaten Ultra-Gruppierungen von rechten Hooligans attackiert – bei Zweitligist Fortuna Düsseldorf sogar im Stadion. Zwar ist das Problem mit rechten Hooligans gerade in Bremen alles andere als neu, die Intensität hat im Zuge der zurückliegenden drei Heimspiele aber auch hier wieder zugenommen. Thomas Hafke, Mitarbeiter des Fan-Projekts, vermutet, dass die rechten Hooligans getragen von Hogesa und Pegida auch in den Städten alte Machtansprüche wieder aufleben lassen wollen. Dass sie den Weg zurück ins Weserstadion finden, hält er aber für unwahrscheinlich. Die Bremer Fanszene sei in dieser Hinsicht zu gestärkt, so Hafke.

Besonders wichtig ist ihm und seinem Kollegen vom Fan-Projekt, Daniel Behm, dass die Auseinandersetzung zwischen den Ultras und den Hooligans auch von der Polizei und vom Bremer Innensenator als das begriffen wird, was es ist: Ein politisch motivierter Konflikt und nicht bloß Kloppereien zwischen verfeindeten Fußballgruppierungen. Behms Eindruck ist, dass nach den neuerlichen Vorfällen beim Frankfurt-Spiel zumindest bei der Polizei ein Umdenken eingesetzt hat. Das kommende Heimspiel gegen Mönchengladbach am 16. Mai wurde kurzfristig als sogenanntes „Rot-Spiel“ eingestuft, wie Rose Gerdts-Schiffler, Pressesprecherin der Bremer Innenbehörde gegenüber der Kreiszeitung bestätigt. Grund dafür sind laut Polizei zum aktuellen Zeitpunkt nicht die anreisenden Fans aus Mönchengladbach. „Die Polizei rechnet im Umfeld der Partie zwischen Werder und Gladbach mit Störungen und Auseinandersetzungen zwischen linken Bremer Ultras und Hooligans, die der rechten Szene zuzuordnen sind“, sagt Polizeisprecherin Kirsten Dambek.

Rechte Schläger aus Essen in Bremen

Auch die Mitarbeiter des Fan-Projekts und Fanbetreuer Schüssler gehen von weiteren Ausschreitungen aus. Es halten sich zudem Gerüchte, dass die Bremer Hooliganszene zum Spiel gegen Gladbach Verstärkung aus anderen Städten erhält, um erneut gezielt gegen linke Ultras vorzugehen. Dazu wollte sich Polizeisprecherin Dambek aber nicht äußern. Wie mehrere Szenekenner unabhängig voneinander berichteten, hatten die Bremer Hooligans bereits beim Frankfurt-Spiel Unterstützung aus Essen. Nun sollen auch Schläger von Lok Leipzig anreisen, wie es heißt.

Obwohl die rechten Hooligans im Zuge von Hogesa und Pegida deutlich besser vernetzt sind und vermeintlich wieder etwas an Stärke gewonnen haben, befürchtet der renommierter Fanforscher und Soziologe, Gunter A. Pilz, insgesamt gesehen keine Hooligan-Renaissance. Gegenüber der Kreiszeitung spricht Pilz eher von einem kurzen „Aufflackern“. Seiner Meinung nach verlieren die Rechtsradikalen in Deutschland trotz Hogesa und Pegida mehr und mehr an Einfluss. Daher würden sie sich in Bereiche zurückziehen, in denen sie glauben, noch etwas erreichten zu können. Wie eben im Fußball.

Diese Einschätzung teilen Werders Fanbetreuer Schüssler und auch die Mitarbeiter vom Fan-Projekt nicht. Ihrem Eindruck nach wird das Problem des Rechtsradikalismus derzeit in Deutschland wieder präsenter. Hafke sieht alle in der Pflicht – angefangen bei den Vereinen, über die Politik, bis hin zur breiten Öffentlichkeit: „Die Augen dürfen vor dieser Problematik nicht geschlossen werden.“

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